Die Fabriken der Gebrüder Gross

Bad Urach.  Mit dem Abriss des Gross-Areals verschwinden nicht nur alte Fabrikgehäuse, sondern auch ein Teil der Uracher Industriegeschichte.

Die Abbruchbagger fressen sich immer mehr in die Fabrikgebäude der ehemaligen Spinnerei und Weberei der Gebrüder Gross. Bald werden nur noch das Spinnereigebäude mit dem 22 Meter hohen Wasserturm als Teil eines neuen Einkaufszentrums stehen und an ein interessantes Kapitel Uracher Industriegeschichte erinnern. Die Anfänge der Firma Gebrüder Gross reichen in das Jahr 1835 zurück. Damals richten Johann Philipp Deusch, dessen Vorfahren in der Stadt als Schönfärber tätig waren, Ludwig Friedrich Gross, der Schwager von Deusch, und Hermann Öffinger im barocken "Jägerhaus" (heute: In der Musel 24) eine "Fabrik von türkischrotem Garn" und einen "Handel mit baumwollenem Web- und Stickgarn sowie Nähfäden" ein.

Die Idee, in Urach eine Türkischrotfärberei einzurichten, hat wahrscheinlich Johann Ludwig Büxenstein, der Schwiegervater von J.P. Deusch. Der sehr vermögende Handelsmann kennt Färbereien dieser Art aus seiner Heimat Barmen (heute: Wuppertal). Er weiß, dass man damit Geld verdienen kann und ist deshalb auch bereit, die junge Firma J.P. Deusch & Compagnie finanziell kräftig zu unterstützen. Nach dem Tode von J.P. Deusch (1854) führen zunächst dessen Witwe Antoinette und Ludwig Friedrich Gross Färberei und Handelshaus weiter.

Als 1860 auch Büxenstein stirbt, fällt das beachtliche Erbe der Tochter Antoinette Deusch und deren Tochter Julie Gross zu. Jetzt ist genügend Kapital vorhanden, um einen neuen Betriebszweig aufzubauen. So wird um 1868/69 neben dem Jägerhaus eine zunächst mit Wasserkraft und später auch mit Dampf betriebene Baumwollweberei erstellt. Dort klappern bald im Fabriksaal, unter dem ersten mit Oberlicht versehenen Sheddach des Ermstals, 110 Webstühle, zu denen bis 1885 noch weitere 52 Stühle kommen. 1869 übergeben die Witwe Deusch und ihre Tochter Julie die Firma ihren Kindern Rudolf Deusch und Rudolf Gross. Deusch scheidet schon nach zwei Jahren aus der Firma aus und Gross nimmt seinen Bruder Eugen in die Firma auf. Sie firmieren zukünftig als offene Gesellschaft zum Betrieb einer mechanischen Baumwollweberei unter "Gebrüder Gross".

Der weitsichtige Johann Philipp Deusch erwirbt schon 1842 vom Staat das Gelände des trocken gelegten Hirschsees vor der nördlichen Stadtmauer. Er nutzt das Gelände zwar zunächst landwirtschaftlich, betrachtet es aber als Ausweichgelände für den Fall, dass einmal für eine Erweiterung seiner Firma der Platz in der "Musel" nicht mehr ausreicht. Als 1887 das Grundstück einer abgebrannten Ölmühle samt dem dazugehörigen Wasserrecht am Zusammenfluss von Elsach und Erms zum Verkauf steht, greifen Deuschs Nachfolger, die Brüder Gross, zu. Sie runden damit das von Deusch 1842 erworbene Grundstück nach Westen ab.

Noch im gleichen Jahr lassen sie darauf eine mechanische Baumwollweberei erstellen, deren 48 Webstühle durch Wasserkraft angetrieben werden. Schon 1890 wird die Weberei durch einen Shedbau erweitert, in dem weitere 42 Webstühle aufgestellt werden. Nun reicht die Wasserkraft der Erms zum Antrieb der 90 Webstühle nicht mehr aus. Dampf, der in einem neu erstellten Kesselhaus erzeugt wird, wird nun als zusätzliche Antriebsenergie eingesetzt.

Das Kesselhaus wird 1906 durch einen Neubau ersetzt. Damals wird auch ein 44 Meter hoher Backsteinkamin aufgemauert. Im gleichen Jahr erhält der international renommierte Industriearchitekt Philipp Jakob Manz, der einen großen Teil seiner Jugend in Urach verbracht hat, den Auftrag, ein Spinnereigebäude zu erstellen. Manz entwirft und baut ein dreigeschossiges, durch Lisenen gegliedertes Spinnereigebäude mit einer aufwendig gestalteten Backsteinfassade und einem repräsentativen rund 25 Meter hohen Wasserturm.

Noch im gleichen Jahr wird die Spinnerei um ein Batteurgebäude in Richtung Stuttgarter Straße verlängert. Im Jahre 1927 drehen sich in der Spinnerei 25 500 Spindeln und arbeiten 536 Webstühle in den Uracher Webereien und im Hülbener Zweigwerk. Die Firma Gebrüder Gross AG beschäftigt nun 460 Personen. Im Zweiten Weltkrieg ist die Spinnerei drei Jahre stillgelegt. Nach dem Krieg beschlagnahmt die französische Besatzungsmacht einen großen Teil der modernen Maschinen und transportiert diese nach Frankreich ab. Trotzdem gelingt der schnelle Wiederaufbau des Betriebs. Schon 1950 stehen 563 Personen auf den Lohnlisten.

Die Firma passt sich nun Zug um Zug den veränderten Verhältnissen des Marktes an, kooperiert mit anderen Spinnereien und Webereien und spezialisiert sich auf die Herstellung von Synthetikgarnen. Wirtschaftliche Überlegungen führen 1966 zur Aufteilung des Unternehmens in die "Spinnerei Gebrüder Gross GmbH" und die "Webwaren Gesellschaft Gebrüder Gross GmbH". Während der Spinnereibetrieb gut ausgelastet ist, dort werden 1968 mit 17 500 Spindeln im Drei-Schicht-Betrieb beispielsweise rund eineinhalb Millionen Kilogramm Spezialgarne produziert, die zum großen Teil auch im eigenen Betrieb eingefärbt werden, stagniert die Weberei. Deshalb wird die Weberei I (Musel) 1980 aufgegeben, das Grundstück an die Brauerei Olpp verkauft. Ab 1990 drängen verstärkt ausländische Konkurrenten mit ihren billigen Produkten auf den Markt. Die deutsche Textilindustrie schlittert dadurch tief in eine Krise, der letztlich 1994 auch die Spinnerei Gebrüder Gross GmbH zum Opfer fällt. Die Uracher Textilindustrie, die einmal rund 1000 Personen einen Arbeitsplatz bot, gibt es nicht mehr. An sie wird aber das umgenutzte Spinnereigebäude mit seinem Wasserturm, das auch ein bedeutendes Architekturdenkmal ist, erinnern.


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Autor: WALTER RÖHM | 08.02.2012

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