"Wir sind Teil der Familie"

Im Alter ein Stück alte Heimat, das bietet der gelernte Altenpfleger Kenan Can mit seinem interkulturellen Pflegedienst seit kurzem auch in Ulm. Kunden hat er bereits, die meisten sind türkischstämmig.

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"Einen Pflegedienst für Türken? Vergiss es, Türken geben ihre Eltern nicht ins Heim." Den Satz hatte Kenan Can öfters gehört, als er Freunden von seiner Idee erzählte, einen interkulturellen Pflegedienst zu gründen.

Aber Can hat sich nicht entmutigen lassen, war er doch vom Gegenteil überzeugt: Ein derartiger Pflegedienst - der davon abgesehen ja kein Heim ist - sei absolut notwendig. Denn die familiären Strukturen haben sich auch unter türkischstämmigen Menschen geändert: Arbeit und Entfernung machen es oft schwer, sich um die pflegebedürftigen Eltern zu kümmern.

Inzwischen ist der gelernte Altenpfleger nicht nur in Stuttgart aktiv, sondern seit diesem Jahr auch in Heilbronn und seit Mitte September in Ulm. Insgesamt beschäftigt er 100 Pfleger, Krankenschwestern und Hauswirtschafter, die meisten ebenfalls mit türkischen Wurzeln. Wenn nötig, kümmert sich das Team rund um die Uhr um die Menschen und übernachtet vor Ort.

Der 31-Jährige ist zuversichtlich, dass sein Konzept auch in Ulm gut laufen wird. In den gut zwei Wochen hat er bereits 15 Patienten gewonnen. Einige davon hat der Ulmer Allgemeinarzt Dr. Bora Akyürek vermittelt - er hat Can nach Ulm "gelockt". "Er hatte von meinem Pflegedienst gehört und mich gefragt, ob ich das nicht auch in Ulm machen will", erklärt Can. Für ihn ein weiteres Zeichen, wie sehr so ein Pflegedienst bisher gefehlt hat.

"Viele Angehörige haben ein schlechtes Gewissen, ihre Eltern in ein Heim zu geben, weil sie wissen, dass es ihnen dort nicht gut geht", sagt er. Nicht etwa, weil die Pflege schlecht sei, sondern deshalb, weil die Eltern sich nicht verständigen können. Gerade die erste Generation der Gastarbeiter könne sich nur unzureichend in Deutsch ausdrücken. Auch wenn das beklagenswert ist, "so ist es nun mal", stellt Can fest. "Die Integration ist da schief gegangen." Die Menschen hätten ihr Leben lang nur geschuftet und jetzt erwarte man, dass sie sich mit 70 und 80 Jahren auf einmal integrieren. "Ich gehe lieber auf ihre Bedürfnisse ein", sagt er.

Hinzu komme, dass gerade demente Menschen zurück in die Muttersprache fallen. Er erzählt von einem älteren türkischen Ehepaar: Der Mann war schwer dement geworden, die Frau hatte sich jahrelang um ihn gekümmert. "Sie wusste nicht einmal, dass sie Anspruch auf Pflegeleistung hat," sagt Can. Sein Team helfe auch, Formulare auszufüllen und Anträge zu stellen. "Alles ehrenamtlich."

Überhaupt, Medikamente geben, Spritzen, Waschen und beim Anziehen helfen - die klassischen Pflegearbeiten - sei nur ein Teil der Arbeit, sagt Can. Mindestens genauso wichtig sind die Gespräche, der menschliche Kontakt. "Wir sind Teil der Familie, keiner meiner Kunden nennt mich ,Herr Can, ich bin wie ein Sohn für sie", sagt er.

Die Sprache ist dabei nur ein Aspekt, der Zugehörigkeit schafft - Kultur und Religion spielt oft ebenfalls eine große Rolle. Das fängt bei so einfachen Dingen an, wie einen türkischen Haushalt nicht mit Straßenschuhen zu betreten. Er und sein Team gehen aber auch beispielsweise darauf ein, wenn Menschen den Fastenmonat Ramadan einhalten wollen. Ungeachtet normaler Arbeitszeiten kommt das Pflegepersonal dann eben nach Sonnenuntergang mit Essen und Medizin - natürlich immer in Absprache mit dem Hausarzt.

A propos Essen: Gekocht wird frisch direkt vor Ort, auf Wünsche wird eingegangen. "Dann gibt es zum Beispiel ein türkisches Gericht, das die Leute schon lange nicht mehr hatten, weil es zu mühsam geworden war, es zuzubereiten."

Auf eines aber legt Can Wert: "Ich bin ein interkultureller Pflegedienst", betont er. Das beinhalte ausdrücklich auch deutsche Patienten. "Die meisten, die sich melden, sind halt Türken. Aber wir sind natürlich für jeden da, der unseren Dienst in Anspruch nehmen möchte."

Info Kontakt zum interkulturellen Pflegedienst Can unter

Telefon: (0731) 40 78 82 98

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