Türkheimer Wetterstation bringt Räte ins Straucheln

Laichingen.  Eigentlich eine schöne Sache: Die Gemeinderäte dürfen entscheiden, auf welchen Flächen sie Windkraftanlagen wünschen. Doch die Radarstation des Deutschen Wetterdienstes könnte Probleme machen.

"Wir brauchen hier keinen weiteren Windsachverständigen (. . .)", sagte Bürgermeister Friedhelm Werner gleich am Anfang des Tagesordnungspunkts "Windenergie". Die Räte sollten an diesem Abend Gebiete ausweisen, auf denen in ein paar Jahren Windräder stehen dürfen. Werners Satz war unmissverständlich an Rolf Böhringer adressiert. Der Vorsitzende des Vereins "Verbund der Erzeuger erneuerbarer Energien" war am Montag in den Laichinger Gemeinderat gekommen, um allein mit seiner Anwesenheit einer Botschaft Nachdruck zu verleihen: Wenn die Pläne mit den vorgeschlagenen Flächen für künftige Windkraftanlagen so durchgehen, wird Laichingen ohne da stehen. Denn die Wetterradarstation des Deutschen Wetterdienstes (DWD) in Türkheim könnte als ausgewiesene Bundesbehörde einen Strich durch die Rechnung machen. Laut DWD dürfen im 15-Kilometer-Radius um Radarstationen nur Windkraftanlagen stehen, die nicht höher als 782 Meter über Normalnull sind. Laichingen liegt auf 755 Metern. Die Anlage dürfte bis zur Rotorspitze gerade mal 27 Meter hoch sein. Das ist geradezu unmöglich.

Hört man Böhringer zu, könnte man meinen, ein Windkraftgegner wettert hier Kraft des Wetters gegen Windkraft. Doch das Gegenteil ist der Fall: Böhringers Verein wünscht sich möglichst viel dezentrale Energieversorgung - auch auf der Alb. Das Planungsbüro Künster schlägt unter Vorbehalt nur die Fläche ADK05a auf den Gemarkungen Laichingen/Machtolsheim als Vorranggebiet vor. Viele andere Flächen, die gemäß des Windatlas des TÜV Süd geeignet wären, mussten von vornherein ausgeschlossen werden, etwa weil sie zu nah an Wohngebieten liegen. Doch ADK05a liegt innerhalb des vom Wetterdienst ausgeschlossenen Radius - Flächen wie Hags- oder Kälblesbuch liegen dagegen außerhalb. Sie wären möglich, wurden aber nicht empfohlen.

Das Ausweisen von Flächen entpuppte sich für den Gemeinderat als keine einfache Aufgabe. Über die Messstation hatte Rolf Böhringer sie bereits zuvor per Brief informiert. Clemens Künster konfrontierte sie in der Sitzung mit seiner Präsentation. Schnell stellte sich heraus: Der Punkt "Wetter-Messstation" war nur einer von vielen, der vorgeschlagene Flächen irgendwann mir nichts, dir nichts zu Ausschlussgebieten machen könnte. Genauso gut könnten esh der Artenschutz, Tiefflugzonen oder Freileitungen sein. Das vorgeschlagene Gebiet ADK05a ist allerdings ebensowenig einwandfrei: Es liegt in einem Landschaftsschutzgebiet und im Schwerpunktraum des "Biotopenverbund zwei". Diese Konflikte hält der Regionalverband für nachrangig. Künster stellte am Ende seiner Ausführungen fest: "Es gibt noch viele offene Punkte. Wir bekommen wöchentlich neue Verordnungen, Richtlinien (. . .)." Stuttgart sei sich noch nicht einig.

Das konnte Bernhard Schweizer (LAB) nicht so einfach akzeptieren. "Ich habe da ein ganz ungutes Gefühl. Wir planen innerhalb der 15 Kilometer Standorte, aber die können uns nachher um die Ohren gehauen werden. Vielleicht sind wir zu bald dran." Künster machte darauf aufmerksam, dass das Verfahren derzeit noch informell behandelt wird (siehe Infokasten). Will heißen: Die Gemeinden wurden vom Regionalverband aufgefordert Flächen zu nennen, die aber noch nicht bindend sind. Auf die Vorschläge hin werden die Standorte in einem formellen Verfahren untersucht. Die Gemeinde trage laut Künster dazu bei, dass alles beschleunigt wird. Bürgermeister Werner warf ein: "Wir sind (. . .) aufgefordert unsere Meinung zu sagen - wer das nicht kann, möge schweigen."

Die Gemeinderäte waren dennoch nicht überzeugt. Walter Striebel (CDU) sprach sich gegen den einzigen empfohlenen Standort aus, weil er im Einflugbereich des Laichinger Flughafens liegt. "Wenn man den Sicherheitsabstand bedenkt (vorgeschrieben für Windkraftanlagen, Anm. d. Red.) müssen die Flugzeuge über Feldstetten und Laichingen fliegen." Reiner Fink (BWV) sagte: "Wir wollen die Windkraft, aber nach den Ausführungen gibts noch viele Fragezeichen." Er wollte wissen, wann die Anlagen stehen könnten. Frühestens in drei Jahren rechnet Künster damit - wegen der zahlreichen Untersuchungen und Anhörungsverfahren.

Die Räte hatten Angst, dass sie auf Windkraft verzichten müssten, wenn sich die vorgeschlagene Fläche als ungeeignet heraus stellte. "Nichts ist zementiert", versuchte Künster zu beruhigen. Dann werde auf die zweitbesten Standorte zurück gegriffen. Gisela Steinestel (IGEL) regte an, die Abstände zu Bebauungen zu verringern, um mehr Flächen zu ermöglichen. Bürgermeister Werner erinnerte aber an die Suppinger, die beim Bau ihrer Anlage Angst vor Schattenwurf und Lärm hatten. "Warum schlagen wir nicht einfach alle Gebiete vor, wenn eh noch alles unklar ist?", fragte Dr. Günter Schmid. Er meinte damit auch, die Gebiete der "Kategorie 3" (in der Karte gelb markiert). Künster hatte nichts dagegen.

Nach langer Diskussion stimmte das Gremium in drei Punkten ab: Erstens sind die Räte einstimmig für dezentrale Energieversorgung. Zweitens weisen sie unter Vorbehalt mit sechs Gegenstimmen, einer Enthaltung und 19 Fürstimmen die Gebiete Kälblesbuch, ADK14, ADK15, ADK05a, ADK05b und ADK11 aus (siehe Grafik). Drittens behält sich der Gemeinderat vor, weitere Flächen auszuweisen.


Kommentare (11)

02.02.2012 17:19 Uhr |   Petra Simons

Wieso...

Wieso veröffentlichen Sie meinen Kommentar nicht?

Wieso, Ihr Kommentar wurde doch veröffentlicht (siehe unten).

Online-Redaktion
02.02.2012 16:24 Uhr |   Petra Simons

Angst!

Zitat: "Die Räte hatten Angst, dass sie auf Windkraft verzichten müssten, wenn sich die vorgeschlagene Fläche als ungeeignet heraus stellte."

Man faßt es nicht. Welcher Mensch kann "Angst" davor haben, daß der Ort eventuell auf Windkraft "verzichten" muß? Auf Windkraftanlagen "verzichten müssen" ist offenbar eine grauenerweckende Vorstellung? Sollte man nicht eher "Angst" davor haben, daß dem armen Ort diese unsinnigen, die Lebensumwelt zerstörenden Industriemaschinen zwangsweise aufgedrückt werden? Sind mehrere Windräder in Höhe des Stuttgarter Fernsehturms in 700 m Abstand etwa eine Beglückung für die Kommune? Soll man sich über Windkraftanlagen in Landschaftsschutzgebieten etwa freuen? Sollte man denn nicht eher jubeln, wenn der Kelch am Ort vorübergeht? Die Räte reißen sich offenbar darum, Windkraft zu haben? Und wollen die Abstände zur Wohnbebauung sogar VERRINGERN, um mehr Platz für Windanlagen zu haben???

Man faßt es nicht. Wo sind wir denn?

Ja, ich weiß: In Deutsch
02.02.2012 11:10 Uhr |   Petra Simons

Angst!

Zitat : "Die Räte hatten Angst, dass sie auf Windkraft verzichten müssten, wenn sich die vorgeschlagene Fläche als ungeeignet heraus stellte."

Man faßt es nicht. Welcher Mensch kann "Angst" davor haben, daß der Ort eventuell auf Windkraft "verzichten" muß? Auf WKA "verzichten müssen" ist offenbar eine angsterweckende Vorstellung? Sollte man nicht eher "Angst" davor haben, daß dem armen Ort diese unsinnigen, die Lebensumwelt zerstörenden Industriemaonster zwangsweise aufgedrückt werden? Sind mehrere Windräder in Höhe des Stuttgarter Fernsehturms in 700 m Abstand etwa eine Beglückung für die Kommune? Soll man sich über Windkraftanlagen in Landschaftsschutzgebieten etwa freuen? Sollte man nicht eher jubeln, wenn der Kelch am Ort vorübergeht? Die Räte reißen sich offenbar um Windräder? Und wollen die Abstände zur Wohnbebauung sogar VERRINGERN, um mehr Platz für Windanlagen zu haben???

Man faßt es nicht. Wo sind wir denn?

Ja, ich weiß: In Deutschland. Nach der Hirnschmelze.

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Autor: ISABELLA HAFNER | 02.02.2012

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