Der neue Freund in Frankreich

Laichingen.  47 französische und deutsche Schüler haben die Besiegelung ihrer Schulpartnerschaft miterlebt. Freundschaften zwischen den Ländern sollen entstehen, Grenzen verschwinden. Doch das ist zum Teil schon passiert.

Kurt Wörner, der ehemalige Schulleiter der Anne-Frank-Realschule, ist Schuld daran, dass seine Stuttgarter Verwandten vor 65 Jahren ins Gefängnis mussten. Als der Laichinger damals geboren wurde, verlief die Sektorengrenze zwischen Laichingen und Machtolsheim. Die Verwandten reisten illegal durchs französische Gebiet, um den Neugeborenen im amerikanischen Sektor zu besichtigen. Sie wurden geschnappt. "Noch heute bekomme ich das bei jedem Geburtstag zu hören", erzählte Wörner am Dienstag im Alten Rathaus französischen Schülern des Anne-Frank-Collège in La Verpillière (bei Lyon) und Laichinger Anne-Frank-Realschülern anlässlich der Besiegelung der Schulpartnerschaft.

65 Jahre später hat sich einiges verändert: Anna-Lena Unmuths Austauschschüler Guillaume Masson singt: "99 Luftballons" der deutschen Sängerin Nena. Er strahlt übers ganze Gesicht. Seine französischen Mitschülerinnen wundern sich und wollen ihn mit den Bands "Julimond" und "Wir sind Helden" übertrumpfen. Guillaume setzt eins drauf und stimmt an: "Und i fliag, fliag, fliag wia a Flieger, bin so stark, stark, stark wia a Tiger. . ." Den Oktoberfest-Hit hat er auf dem Campingplatz aufgeschnappt. Verdatterung bei den Mädchen.

Er und seine 21 französischen Mitschüler sind noch bis Samstag zu Besuch in Laichingen. Manche lernen schon seit drei Jahren Deutsch, andere erst seit fünf Monaten. An diesem Dienstag sind die 13- bis 15-Jährigen zusammen mit ihren deutschen Austauschpartnern ins Alte Rathaus gekommen. Ihre Lehrer, die Schulleiter Johannes Treß und Céline Dechosal sowie Bürgermeister Friedhelm Werner wollen die Schulpartnerschaft offiziell besiegeln. Jedes Jahr sollen Schüler eine Woche im jeweils anderen Land verbringen. Freundschaften sollen entstehen, Grenzen abgebaut und neue Erfahrungen gesammelt werden.

Gerade bei der Musik zeigt sich aber, dass für deutsche wie auch französische Jugendliche Grenzen, die Jahrhunderte lang hart verteidigt wurden, kaum mehr bestehen. Sie schicken sich gegenseitig ihre Lieblingssongs per E-Mail hin und her. Die Laichingerin Magali Wolf etwa mag die Lieder der französischen Sängerin "Zaz".

Dennoch lassen sich nicht viele französische Schüler von der deutschen Sprache locken. Es gibt einen großen Konkurrenten: "Spanisch - die Sprache überhaupt", berichtet Natacha Vandewalle, Deutschlehrerin am Anne-Frank-Collège. 60 Schüler lernten dort Deutsch - 180 Spanisch. Sie muss sehr für ihr Fach werben. Vor etwa drei Jahren habe die Teenie-Band "Tokio Hotel" eine Deutsch-Lern-Welle ausgelöst. Die ist aber vorüber.

Was zieht, ist der Arbeitsmarkt. Die Schülerin Mathilde Rozzé sagt: "Für den Beruf müssen wir Deutsch können." Es gäbe viele Arbeitsmöglichkeiten in Deutschland. Mélanie Guillard lernt Deutsch unter anderem, um ihre deutsch sprechenden Großeltern in der Schweiz beeindrucken zu können.

Für die Schüler ist diese Woche eine Entdeckungsreise, während der sie auf viele entgrenzende Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede stoßen. Guillaume wundert sich, dass in deutschen Schulen in der Pause gegessen wird. Die Vesper, die ihm seine Austauschmutter mitgibt, isst er brav auf. Mélanie überraschte beim Dornstadter Faschingsumzug, dass Zuschauer auf die Wägen verschleppt wurden. Die Laichingerin Rebecca Ernst ist im Gegenzug erstaunt über die "Offenheit" der Franzosen. "Die umarmen sich ständig, geben sich Küsschen und sogar Jungen und Mädchen halten Händchen." Obwohl sie nur befreundet sind. . .


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Autor: ISABELLA HAFNER | 09.02.2012

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