"Bin ein politischer Präsident"

Am Mittwoch hat das Verwaltungsgericht der IHK untersagt, einseitig Werbung für Stuttgart 21 zu machen. Wir sprachen mit Präsident Kulitz und Hauptgeschäftsführer Sälzle über die Konsequenzen aus dem Urteil.

Herr Peter Kulitz, Herr Otto Sälzle, welche Konsequenzen ziehen Sie aus dem Urteil des Verwaltungsgerichts Sigmaringen?

PETER KULITZ: Wir kennen noch nicht die schriftliche Begründung, insofern ist es fast noch zu früh, das Urteil zu bewerten. Völlige Übereinstimmung mit dem Gericht besteht, dass es originäre Aufgabe der IHK als Wirtschaftsorganisation ist, sich zu einer solchen Infrastrukturmaßnahme wie Stuttgart 21 und der Neubaustrecke zu äußern. Es gilt, das Gesamtinteresse der Wirtschaft in solchen Fragen zu ermitteln. Dies ist in der Weise erfolgt, dass die Vollversammlung uns per einstimmigem Beschluss beauftragt hat, uns in der Öffentlichkeit nachhaltig für die Umsetzung des Gesamtprojekts einzusetzen. Nach dem Gerichtsurteil ist der verbleibende Handlungsspielraum allerdings kaum noch zu erkennen.

Das Gericht hat sich streng an ein höchstrichterliches Urteil des Bundesverwaltungsgerichts gehalten, wonach von Ihnen ein "Höchstmaß an Objektivität" gefordert wird. Wahren Sie die nicht?

KULITZ: Ich hätte mir gewünscht, das Gericht wäre in der mündlichen Verhandlung auf die einzelnen Äußerungen eingegangen. Überhaupt keine Verletzung der Objektivität sehe ich beispielsweise darin, wenn ich sage, es ist - nach über 15 Jahren Planungs- und Genehmigungsphase - "allerhöchste Eisenbahn" oder auch, dass große Teile von Baden-Württemberg abgehängt werden, wenn die Magistrale anstatt über Stuttgart und Ulm beispielsweise über Frankfurt und Würzburg nach München und weiter nach Budapest verläuft. Das ist meiner Meinung nach sehr wohl eine objektive Darstellung der Sachlage.

OTTO SÄLZLE: Dass die Neubaustrecke Ulm-Wendlingen ohne Stuttgart 21 buchstäblich auf dem Acker endet, ist nicht bloß ein Bild, sondern entspricht der Wirklichkeit. Das kann man sich in den Plänen anschauen. Es gibt ohne Stuttgart 21 keinen Anschluss.

KULITZ: Wenn ich den Tenor der Gerichtsentscheidung wörtlich nehme, bin ich handlungsunfähig.

Sie werden also weder das Banner abhängen noch Ihre Homepage neu gestalten oder sich in Ihren Äußerungen Zurückhaltung auferlegen?

KULITZ: Man kann über vieles diskutieren und über manche Äußerungen, die in der Hitze des Gefechts gefallen sind, trefflich streiten. Da lass ich mich auch gerne eines Besseren belehren. Interessant wäre zu erfahren, was denn dann überhaupt noch gesagt werden darf. Das Banner bleibt vorerst hängen, bis wir die Begründung haben und/oder das Urteil rechtskräftig ist. Dann hängen wir es natürlich ab. Im Übrigen sage ich, bei der Volksabstimmung Ende November geht es um viel mehr als um einen Bahnhof. Es geht um die Akzeptanz der parlamentarischen Demokratie, insbesondere dann, wenn Teile der Gegner ankündigen, das Votum nicht anerkennen zu wollen, wenn es nicht in deren Sinn ausfällt.

Die IHK äußert sich zu vielen Themen politisch dezidiert. Müssen Sie dies nach dem Urteil überdenken?

KULITZ: Bei meiner Antrittsrede vor acht Jahren habe ich gesagt, wir Unternehmer müssen politischer werden. Ich verstehe mich nicht als Funktionär, ich verstehe mich als politischer Präsident im Ehrenamt. Wen das stört, der muss sich einen anderen suchen. Deshalb ist mir das Urteil auch so wichtig. Man kann uns nicht den gesetzlichen Auftrag geben, die Interessen der Wirtschaft zu vertreten, und uns das dann nicht ausführen lassen.

SÄLZLE: Der Konsens dazu in der Unternehmerschaft ist sehr hoch. Selbstverständlich werden wir die Unternehmer auffordern, sich an der Volksabstimmung zu beteiligen.

Das Gericht hat ausdrücklich keine Berufung zugelassen. Wie wollen Sie jetzt weitermachen?

KULITZ: Wir müssen jetzt erstmal die Urteilsbegründung abwarten, sie analysieren und uns dann überlegen, wie wir weiter verfahren. Ich werde mich weiterhin für das Projekt stark machen, natürlich gerne in der gebotenen Zurückhaltung, was die Formulierungen betrifft.


Kommentare (5)

02.11.2011 08:14 Uhr |   Hans König

Ausstieg? HA NOI!

Noch mal für bescheidene Geister:
Bahnchef Rüdiger Grube schließt eine ICE-Neubautrasse Wendlingen-Ulm ohne die Tieferlegung des Stuttgarter Bahnhofs aus. Dies machte Grube in einem Interview mit der «Stuttgarter Zeitung» (Mittwoch) deutlich. Sein Konzern stehe dann als Bauherr nicht zur Verfügung, da beide Projekte eine Einheit bildeten. Da es für alternative Anbindungen weder eine Finanzierung noch eine Genehmigung gebe, würde die geplante Schnellbahnstrecke von Ulm kommend «bei Wendlingen in einem Acker ohne Anschluss an den Bahnhof enden». Weder Bund noch Bahn würden diese Planung ohne Stuttgart 21 realisieren, sagte Grube.

Wer also soll die NBS bauen, etwa Dahlberger, Hopfenzitz oder Palmer?
17.10.2011 23:51 Uhr |   Maria  Peters

wird der Artikel jetzt hier alle 2 Tage neu aufgelegt?

und damit der IHK ein Sprachrohr für die vom Verwaltungsgericht untersagten Behauptungen geboten?
17.10.2011 22:17 Uhr |    

Objektiv ist da garnichts

Angesichts der sturen Arroganz dieser Herren kann einem schon mal die Luft weg bleiben. Objektiv falsch sind ihre Beispiele dazu noch. Die Schlichtung hat eindeutig erwiesen, dass es eine "Umfahrung" Baden-Würrtembergs über Frankfurt und Würzburg wegen der deutlich längeren Strecke und immer längeren Reisezeiten niemals stattfinden wird. Dieses Gespenst des Werbegags Magistrale und des angeblich abgehängten Ländles ist eine soo olle Kamelle, das sich das nirgendwo sonst mehr getraut wird zu behaupten. Aber in Ulm eben doch. Andersrum wird ein Schuh draus: kommt S21 gibt es kein Geld mehr um viel wichtigere Bahn-Infrastruktur im Land auszubauen. Siehe Elektrifizierung Südbahn, Rheinschiene usw. Kommt die Neubaustrecke irgendwann (niemals vor 2025) dann gibt es wesentlich Kostengünstigere Möglichkeiten sie ohne jeden Geschwindigkeitsverlust an Stuttgart anzubinden. Dafür braucht es den Tiefbahnhof nicht und das ist ein unverrückbarer Fakt!

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

Sie können noch Zeichen als Text schreiben
Für registrierte Nutzer
Bitte anmelden, um Ihren Kommentar abzuschicken
Für noch nicht registrierte Nutzer
Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken.








Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:


Autor: HANS-ULI MAYER | 17.10.2011

Google 1+
Schwerer Unfall bei Brenz

Schwerer Vorfahrtunfall auf neuer Kreuzung bei Brenz

Weil eine Autofahrerin die Vorfahrt nicht beachtete, kam es am Dienstag zu einem verheerenden Unfall auf der neuen Bundesstraße 492: Die Unfallverursacherin wurde lebensgefährlich verletzt.... mehr

Schulbus durchbricht Leitplanke und kippt um

Burgrieden/Rot Der Fahrer eines mit elf Schülern besetzten Schulbuses ist am Donnerstagmittag von der Straße abgekommen, durch eine Leitplanke gebrochen und anschließend im Graben auf die Seite gekippt. Ein Großaufgebot an örtlichen und überregionalen Kräften von Feuerwehr, Rettungsdienst und Polizei musste zum Einsatz anrücken.... mehr

Ruf nach Heim ohne Waffen - Memminger Schütze knackte gesicherten Tresorraum seines Vaters

Memmingen/Stuttgart Nach dem Memminger Amok-Alarm fordern Grüne und Opferverbände ein schärferes Waffenrecht. Der 14-Jährige hatte Waffen des Vaters entwendet.... mehr

Fremde Feder - Hans Küng: Papst provoziert Ungehorsam

Auf dem alternativen wie auf dem offiziellen Katholikentag in Mannheim herrschten allgemein Unmut und Frustration über die Verschleppung innerkirchlicher Reformen. Im scharfen Kontrast dazu bereitet Papst Benedikt XVI. für Pfingsten offensichtlich die definitive Versöhnung der katholischen Amtskirche mit den traditionalistischen Piusbrüdern, deren Bischöfen und Priestern vor.... mehr

Feuer bei Firma Knittel in Vöhringen

Vöhringen In dem Abfallentsorgungsbetrieb Knittel in Vöhringen ist am Donnerstag ein Großbrand ausgebrochen. Plastikmüll und Altpapier standen in Flammen.... mehr

Amok-Alarm an Memminger Schule: Waffen gehören dem Vater

Memmingen Die Waffen des 14-jährigen Schützen aus Memmingen gehören dessen Vater. Das teilte die Staatsanwaltschaft am Mittwoch als Ergebnis erster Ermittlungen zu dem Amokalarm mit. Der Vater sei ein Sportschütze.... mehr