Zurück blieb ein Kleiderberg Aktion T4: Eine Zeitzeugin erzählt

Anna Baumeister arbeitete in der Staatlichen Heilanstalt Zwiefalten als Köchin. 1940 sah sie, wie die ersten Menschen zum Töten abgeholt wurden.

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Beobachtungen aus der Brotkammer: Anna Baumeister (Zweite von links) mit Küchenmädchen in der Staatlichen Heilanstalt Zwiefalten 1940. Foto: Baumeister

Die in Zwiefalten geborene Anna Baumeister trat nach einem so genannten Landjahr bei ihrer Tante in Ailingen-Friedrichshafen 1937 als Küchenmädchen in die Staatliche Heilanstalt Zwiefalten ein. Als im Januar 1940 die ersten Transporte der so genannten "Aktion T4" im Innenhof zwischen Küche und Refektbau anrollten, sah sie das erste Mal die berüchtigten "grauen Busse". Von der Brotkammer der Küche konnte sie genau verfolgen, wie Patienten durch Begleitpersonal in die Busse gebracht wurden.

Noch heute berichtet die 93-Jährige mit bewegter Stimme über eine Szene, die ihr unauslöschlich im Gedächtnis geblieben ist. Eine junge, hübsche Frau, die noch kurz zuvor in der Küche gearbeitet hatte, wagte sich bei einem weiteren Transport in den Hof und fragte einen Mann, offensichtlich von der SS, wohin man die Patienten bringen würde. Der Mann antwortete ihr in kurzen, bestimmten Worten, dass sie besser nicht mehr diese Frage stellen solle, da sie sonst auch in den Bus steigen müsste, und nicht mehr zurückkommen würde.

Zur Gewissheit wurde Anna Baumeister das Schicksal der abtransportierten Patienten, als sie ein paar Tage später einen Berg Kleider im Hof liegen sah. Darunter befand sich auch ein Mantel der jungen Frau. Da begann sie zu weinen. Dieses erschütternde Erlebnis lässt sie bis heute nicht mehr los. Anlässlich eines Interviews zur ersten T4-Ausstellung 1990 im Foyer der Münsterklinik stand sie als Zeitzeugin vor der Kamera des Südwestfunks, um zu berichten.

Auch über die Zeit nach den Grafenecker Todestransporten hinaus erinnert sie sich sehr detailliert, als die vorwiegend mit Frauen besetzte Küche für die mit fast 1500 Patienten überfüllte Anstalt über die Runden kommen musste. Zum Glück hatte die Anstalt noch eigene Produkte aus Gärtnerei und Landwirtschaft, nur bei Brot und Fleisch musste man sich sehr einschränken, erzählt die hochbetagte Frau, die heute im Pflegeheim St. Georg in Ertingen lebt.

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