Wo finden wir Halt und Ruhe?

Das Kirchenwort an diesem Wochenende stammt aus der Feder der evangelischen Pfarrerin Hanna Bader aus Kleinengstingen.

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Ein altes Kirchengebet beginnt mit den Worten: "Auf der Höhe des Tages halten wir inne. Lasst uns Herzen und Hände erheben zu Gott, der unseres Lebens Mitte ist."

Ob wir das heute anders formulieren würden? Ob wir heute überhaupt noch einen Bezug von der Höhe, der Mitte des Tages zur Mitte unseres Lebens herstellen würden? Einer unserer Professoren warf, wenn wir uns über etwas wunderten, oft den Satz dazwischen "die Alten waren nicht so dumm."

Was die Alten gut konnten: Das, was ihren Glauben ausmachte, mit Hilfe von Alltagserscheinungen in Erinnerung zu bringen. Man denke nur einmal an die Wirtshaus-Namen, die oft einen biblischen Bezug haben. Und eben auch der Tagesablauf: Der Morgen und die Erschaffung der Welt, das Lob des Schöpfers - ihm verdanke ich mich; der Mittag und die Mitte des Lebens - um wen oder was drehen wir uns, wo gehören wir hin, wo finden wir Halt und Ruhe? Und der Abend, das Ende des Tages, erinnert an das Ende des Lebens: "In Deine Hände, Gott, lege ich mich."

Strukturiert leben und planen, so nennen wir das heute, und meinen vor allem, dass es effizient sein muss. Es muss sich auszahlen und muss sich rechnen, aber in wirtschaftlichen Zahlen, und leider nicht in Lebensqualität.

Glaube an Gott ist Lebensqualität pur! Wenn uns diese Qualität und der Bezug zu unserem Schöpfer unter allen wirtschaftlichen Zahlen und Zwängen verloren geht, erinnert uns der Tagesablauf nur noch an das Tempo der Nützlichkeit. Dann plane ich morgens, was heute alles geschafft werden muss; mittags überschlage ich, wie weit ich gekommen bin, ob ich eventuell an Tempo zulegen muss; abends schaue ich zurück und bin - bestenfalls - stolz, wenn ich meinen Plan bewältigt habe, lege mich nach einem "Absacker" ins Bett, um den nächsten Tag wieder so zu packen, und den übernächsten . . . Nach einigen Jahren frage ich mich, ob das alles gewesen sei, oder der "Burnout" hat mich längst erschlagen.

Bewusster leben ist unser Schlagwort. Manche betreiben Meditationen und Wellness, sie drehen sich dabei um sich selbst, vergöttern sich selbst und - langweilen sich mit sich selbst zu Tode.

Ja, die Alten waren wohl so nicht dumm. Sie haben auf das geachtet, was ihnen begegnet ist, was am Weg lag, und haben es mit dem in Verbindung gebracht, was ihnen Halt gegeben hat. Und dabei sind sie sicher oft überrascht worden, was, oder wer ihren Weg gekreuzt hat. Sie haben ihre Bezüge zum Glauben an Jesus Christus auch in dem wahrgenommen, was so nebenher auch uns begegnet: Wenn es nicht so läuft, wie geplant, wenn ein anderer Mensch, ein Stau auf der Straße, ein nicht erreichbarer Telefongesprächspartner mal wieder alles durcheinander bringen.

Stress - oder Gelegenheit zum Atemholen und zum Gespräch mit Gott, gar zu einem Fürbittegebet für jemand am Rand meines Weges? Das hat für mich etwas mit Lebens-qualität zu tun. Und ich habe es selbst in der Hand, an was ich mich erinnern lasse, und was mir so ein Moment gibt.

Sicher kann nicht der ganze Glaubensgehalt mit Alltagsbegegnungen ausgeschöpft werden. Aber wenn wir hier bewusster leben, dann haben wir uns etwas zu erzählen, wenn wir uns als Gemeinde treffen, um miteinander in Gottes Wort zu lesen und auf seine Stimme zu hören. Da kann unsere Beziehung zu Gott ihre Alltagstauglichkeit erweisen.

Mitten am Tag sich der Zugehörigkeit zu Gott bewusst zu werden, nur einfach deshalb, weil die Uhr auf 12 steht? Für mich faszinierend, für Gott ist das Alltag: Jesus hat sich als Wasser des Lebens vorgestellt, gut und wichtig für alle Tage - nicht als Champagner für die besonderen Zeiten.

Und er verspricht, bei uns zu sein an allen Tagen, bis an das Ende der Welt. Jeder Tag, jeder Weg, jeder Mitmensch kann zu einer Entdeckung werden. Oft versteckt sich Gott selbst dahinter.

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