Von Sizilianern und Deutschen

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Mit einer Kneipenschlägerei musste sich kürzlich Amtsgerichtsdirektor Joachim Stahl in Münsingen herumschlagen. Angeklagt war ein 52-jähriger Gastwirt, dem die Staatsanwaltschaft vorwirft, in dem damals von ihm bewirteten Sportheim in einem Streit einem Vereinsmitglied einen massiven Glasaschenbecher über den Schädel gezogen zu haben. Sizilianisches Temperament traf dabei wohl auf deutsche Vereinsmeierei - jedenfalls war vor Gericht zu hören, dass der Angeklagte das Vereinsheim inzwischen verlassen hat.

Es gäbe eine Verschwörung gegen ihn, er würde in der Albgemeinde "alleine gegen die Mafia" kämpfen, sagte der 52-Jährige wild gestikulierend vor Gericht. Überhaupt habe er nur in Notwehr gehandelt, sein Gegenüber habe ihn in der Küche plötzlich angegriffen, in den Schwitzkasten genommen und gewürgt. Er habe sich nur befreien können, indem er in Notwehr mit dem Aschenbecher nach hinten ausschlug.

Bevor sein damaliger Kontrahent den Gerichtssaal als Zeuge befragt, ermahnte Stahl den Gastwirt jedenfalls deutlich zur Ordnung und schob den Zeugenstuhl ganz nebenbei ein Stück weiter weg vom Angeklagten. Der 37-Jährige erzählte dann eine ganz andere Geschichte des Vorgangs. So habe der im Verein engagierte Werbetechniker sich zunächst mit dem Gastwirt gut verstanden und ihm dabei geholfen, Speisekarten und Flyer für das Vereinsheim zu gestalten.

Dann jedoch sei es zum Bruch gekommen und als der 52-Jährige die Frau des Werbetechnikers an einem Kuchenstand anging, war für den gebürtigen Reutlinger das Fass übergelaufen. "Ich wollte ihn zur Rede stellen und klären, was das sollte", sagte der 37-Jährige vor Gericht. Allein: "Kaum hatte ich ihn angesprochen, flog mir auch schon ein Pizzablech entgegen." Anschließend soll eine Flasche in seinem Gesicht zerbrochen sein. Benommen habe er mit den Glassplittern im Gesicht gekämpft, als der Gastwirt ihm den Aschenbecher übergebraten habe. Im "Notfallmodus" und benommen sei er gewesen, erzählte der Mann.

Ein Zeuge, der die beiden Streithähne getrennt hatte, erinnerte sich etwas anders an die Geschehnisse. Der Polizeibeamte und Schiedsrichter, der als Vereinsmitglied zufällig vor Ort war, sah den Streit im vollen Gange, als der Aschenbecher zur Tatwaffe wurde. Auch später habe man beide Kontrahenten voneinander trennen müssen - ganz so benommen kann der 37-Jährige also nicht gewesen sein.

Ausgesagt haben am ersten Prozesstag auch die beiden Söhne des Angeklagten. Die fast 16-jährigen Zwillinge waren ebenfalls in der Küche, als der 37-Jährige ihren Vater angegriffen haben soll. Auf die Frage, weshalb die Jugendlichen in den Streit nicht eingriffen, bekam Stahl eine interessante Antwort im italienisch gefärbtem Akzent: "Wissen Sie, Herr Richter: Ich bin ein wahrer Sizilianer, aber meine Söhne, die sind echte Deutsche!"

Die Aussage der beiden Jugendlichen deckte sich übrigens weder mit der Aussage ihres Vaters, noch mit der des vermeintlichen Opfers. Sie sahen, wie der 37-Jährige ihren Vater plötzlich angriff. Der habe sich aber aus dem Schwitzkasten befreien können, bevor er das "Gefuchtel" mit dem massiven Aschenbecher eskalierte. Ein Urteil gibt es noch nicht. Weitere Zeugen sind geladen.

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