Vom Tollhaus zur Klinik

1811 wurde auf Empfehlung König Friedrich I. die erste Staats-irrenanstalt eingerichtet. Standort: die ehemalige Benediktinerabtei Zwiefalten. Ein Überblick über 200 bewegte Jahre - vom Tollhaus zur modernen Klinik.

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Heute gibt es Angebote wie die Reittherapie.

Im 17. Jahrhundert entstanden in Deutschland erstmals spezielle Einrichtungen für "Irre" und andere, die Sicherheit und Ordnung störende "Subjekte", die so genannten Arbeits-, Zucht- und Tollhäuser. Ein Beispiel hierfür stellt das im Jahr 1749 fertiggestellte Tollhaus in Ludwigsburg dar. Mit dem Einsetzen der Zeit der Aufklärung begann eine Medizinalreform, die dazu führte, dass "Irre" als zu behandelnde Menschen anerkannt wurden. So erließ, auf Empfehlung des Stuttgarter Medicinalcollegiums, Königs Friedrich I. am 10. Mai 1811 ein Reskript an das Staatsministerium, im ehemaligen Benediktinerkloster in Zwiefalten die erste Königlich-Württembergische Heilanstalt, auch Staatsirrenanstalt genannt, einzurichten.

Als im Juni 1812 die ersten 46 geisteskranken Patienten des Ludwigsburger Tollhauses nach Zwiefalten umgesiedelt wurden, begann nicht nur die Geschichte der Zwiefalter Heil- und Pflegeanstalt, es wurde auch der Grundstein für die Krankenhauspsychiatrie im gesamten Land Württemberg gelegt. Das bis dahin praktizierte "Wegsperren" dieser Menschen blieb nicht die alleinige Zielsetzung. Vielmehr setzte sich im Verlauf des 19. Jahrhunderts zunehmend die Ansicht durch, dass verschiedene Geisteskrankheiten heilbar und deshalb abgestimmte Therapien und Behandlungsangebote notwendig seien. Dem damaligen medizinischen Kenntnisstand entsprechend, wurden in der Klinik in den folgenden Jahrzehnten Aderlässe, kalte Bäder, belebende oder dämpfende Medikamente, ja sogar Brechmittel eingesetzt. Auch Beschäftigung war von Beginn an ein wesentliches Element der Behandlung. Ergänzend zur stationären Behandlung, die sich damals durchaus über mehrere Jahre erstrecken konnte, kam es um die Wende zum 20. Jahrhundert hin zur Einrichtung von lebensnäheren Betreuungsformen. So wurden Patienten im Rahmen der Psychiatrischen Familienpflege in Gastfamilien in der unmittelbaren Umgebung Zwiefaltens untergebracht. Im nahegelegenen Hofgut Loretto wurde die erste sogenannte agrikole Kolonie für männliche Patienten eingerichtet, die zweite für weibliche Patienten folgte durch den Erwerb eines kleinen Anwesens in Gossenzugen.

Mit der politischen Machtübernahme der Nationalsozialisten änderte sich die bis dahin auch im internationalen Vergleich durchaus positive Entwicklung der Anstaltspsychiatrie im gesamten Deutschen Reich drastisch. Die vermeintlich hoffnungslosen Fälle, die chronisch Kranken, gerieten ins Visier des auf einen "erbgesunden Volkskörper" ausgerichteten Regimes. In einer in Schloss Grafeneck eingerichteten Gaskammer wurden im Jahr 1940 mehr als 1000 Menschen ermordet, die aus der Heilanstalt Zwiefalten stammten oder - mitunter zur Verwischung ihrer Spuren - kurzzeitig dorthin verlegt worden waren. Dem aktuellen Forschungsstand zufolge, starben in der Anstalt in den Kriegsjahren weitere 1500 Menschen infolge Mangelernährung, unzureichender Pflege, an Infektionskrankheiten oder als Opfer heimlichen Tötens, der so genannten "dezentralen Euthanasie".

In den Nachkriegsjahren versuchte man zunächst an der Behandlung der zwanziger und frühen dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts anzuknüpfen. Die Behandlung wurde durch die Einführung neuer Verfahren wie Insulin- oder Elektrokrampftherapie erweitert. Eine breitere Anwendung von Psychopharmaka erfolgt ab dem Ende der sechziger Jahre.

Eine Neustrukturierung der psychiatrischen Kliniken in Baden-Württemberg fand im Jahr 1953 mit der Umwandlung in Psychiatrische Landeskrankenhäuser statt. Jedoch hatte die Klinik auch in den 60er Jahren mit Problemen wie starker Überfüllung und Personalmangel zu kämpfen. Um der Überbelegung der Stationen Herr zu werden, wurden ganze Gruppen chronisch kranker Menschen in zum Teil heimatferne Anstalten verlegt.

Die Auswirkungen der Psychiatrie-Enquête 1975 brachten in einer gemeinsamen politisch-gesellschaftlich-fachlichen Initiative deutliche Verbesserungen in der Versorgung: Aufbau ambulanter Dienste, Öffnung einzelner Stationen, Einbeziehung psychotherapeutischer Ansätze und Aufbau begleitender Therapieverfahren wie Bewegungstherapie, Ergotherapie und Reittherapie. In den folgenden Jahren wurde das therapeutische Angebot immer weiter differenziert.

Im Jahr 1996 wurde die Klinik von einer reinen Landeseinrichtung zu einer Anstalt des öffentlichen Rechts umgewandelt und trug den Namen Münsterklinik - Zentrum für Psychiatrie. Es folgten die Errichtung einer gemeinsamen Geschäftsleitung für die drei Zentren für Psychiatrie in Südwürttemberg im Jahr 2005 und letztlich die Fusion der drei Zentren für Psychiatrie in Ravensburg-Weissenau, Bad Schussenried und Zwiefalten zum ZfP Südwürttemberg 2009.

Heute versorgt die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Zwiefalten Patienten aus den Landkreisen Reutlingen, Tübingen und Esslingen. Sie bietet ein differenziertes und flächendeckendes Hilfesystem für psychisch Kranke: Die gemeindenahe psychiatrische Versorgung wird durch regional orientierte Sektorstationen, Tageskliniken und in Psychiatrischen Institutsambulanzen gewährleistet. Ergänzend gibt es am Standort Zwiefalten Behandlungs- und Betreuungsangebote in der Klinik für forensische Psychiatrie und Psychotherapie, in den Wohn- und Pflegeheimen, den betreuten Wohnangeboten und den Einrichtungen der beruflichen Rehabilitation.

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