Tollknechte und Irrenmeister

Im Juni 1812 wurden die geisteskranken Patienten des Ludwigsburger Tollhauses nach Zwiefalten umgesiedelt. Es war der Grundstein für die Krankenhauspsychiatrie im gesamten Land Württemberg.

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Nicht Wegsperren sondern Therapieren lautete der damals neue Ansatz des Pflegepersonals der Königlich-Württembergischen Staatsirrenanstalt Zwiefalten. Foto: ZfP

Statt, wie bis dahin üblich, in einem Zucht- und Arbeitshaus lediglich verwahrt zu werden, wurde mit der Unterbringung der Irren in einer eigens hierfür geschaffenen Anstalt nun auch in Württemberg ihr gesundheitlicher Zustand mit Krankheit in Verbindung gebracht und als solche auch behandelt. Das so genannte Wegsperren dieser Menschen sollte nun nicht mehr im Vordergrund stehen, vielmehr wurde ihr Aufenthalt auch mit einem therapeutischen Auftrag und der Hoffnung auf Besserung und Heilung verknüpft.

Im Juni 1812 wird die Staatsirrenanstalt in einem ehemaligen Benediktinerkloster in Zwiefalten gegründet. Als die ersten 46 Kranken in drei Transporten in der neuen Königlich-Württembergischen Staatsirrenanstalt in Zwiefalten eintreffen, stehen für ihre Unterbringung ausschließlich Einzelzellen zur Verfügung. Für die Versorgung der Kranken sind sogenannte Tollknechte und -mägde sowie "Irrenmeister" zuständig. Zur medizinischen Versorgung der Ankömmlinge wird der aus Ulm stammende Arzt Dr. Narziß Ulrich Schreiber eingestellt. Die Patienten verbringen den größten Teil des Tages in ihren Zellen. Ein gemeinsamer Aufenthaltsraum existiert nicht, die ruhigen Kranken kommen in den Gängen und Zellen zusammen. Bei günstiger Witterung dürfen alle, denen es möglich ist, ein bis zwei Stunden beim Hofgang an die frische Luft. Die gefährlichen Kranken werden dabei mit dem sogenannten englischen Hemd, das im Wesentlichen einer Zwangsjacke entspricht, versehen. Einzelne Kranke werden, soweit es ihr Zustand erlaubt, regelmäßig beschäftigt. Die Männer werden mit Holzsägen und Holzspalten beauftragt.

Da fast immer mit Holz geheizt wird, kann diese Beschäftigung beinahe das ganze Jahr über fortgesetzt werden. Für die Frauen sind Spinnräder und Strickzeuge vorhanden, auch beim Rosshaarzupfen und in der Wäscherei werden Kranke beschäftigt. Einzelne männliche Kranke haben freien Ausgang und arbeiten gegen Entlohnung bei Einwohnern von Zwiefalten.

Zur Unterhaltung der Menschen hat man eine kleine Bibliothek eingerichtet, außerdem wird eine Zeitung, der "Schwäbische Merkur" in einem Exemplar gehalten. Den religiösen Bedürfnissen der evangelischen Patienten kommt alle vierzehn Tage nachmittags der Pfarrer von Pflummern nach, der in der Anstalt auch einen Gottesdienst abhält. Die katholischen Kranken nehmen am Gottesdienst in der Münsterkirche teil. Auf der Empore der rechten Galerie haben die Patienten ihren Platz. Durch einen Zugang über den Gastbau können sie die Galerie direkt erreichen, ohne das Gelände der Anstalt verlassen zu müssen.

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