Selbstbestimmung im Klinikalltag

"Mit Schizophrenie leben - wer bestimmt die Richtung?" Unter diesem Motto stand die diesjährige Ethiktagung am Zentrum für Psychiatrie in Zwiefalten. Rund 70 Fachleute kamen dabei im Konventbau zusammen.

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Rund 70 Fachleute kamen zur diesjährigen ZfP-Ethiktagung.  Foto: 

Seit 1989 gibt es die Ethiktagungen am Zentrum für Psychiatrie (ZfP). Dabei sollen "Tabu-Themen" angesprochen werden, die sich im Grenzbereich zwischen fachlichen Fragestellungen einerseits und der öffentlichen Diskussion andererseits befinden.

So auch in diesem Jahr, als bei der 25. Auflage der Ethiktagung die Frage im Raum stand, inwieweit an einer Schizophrenie leidende Patienten selbstbestimmt über ihre Behandlung und ihr Leben mit der gesellschaftlich oft unverstandenen Krankheit bestimmen sollen - und dies auch tatsächlich können.

"Die Psychiatrie beschäftigt sich oft mit den Extremen des Menschen", sagte einleitend ZfP-Geschäftsführer Dieter Grupp. "Sie ist ein Spiegelbild der Gesellschaft. Die Frage, wie wir mit unseren Patienten umgehen, sagt viel über das Menschenbild aus, das unsere Gesellschaft prägt."

Eine wichtige Frage sei daher der Umgang mit dem Selbstbestimmungsrecht der Betroffenen. "Als Ärzte haben wir eine lange paternalistische Tradition. Wir wissen, was gut ist. Die Betroffenen haben aber oft eine andere Meinung. Wer setzt sich dann durch?"

Einfache Antworten gibt es nicht, das wurde im Verlauf der Ethiktagung deutlich. Denn allein die Akzeptanz der eigenen Schizophrenie kann für die Betroffenen, die infolge einer schwierigen Lebenssituation Wahnvorstellungen entwickeln können und mitunter glauben Stimmen zu hören, schwierig sein.

"Die Kommunikation mit der Außenwelt ist gebrochen", beschreibt der Psychologe Juan Valdes-Stauber vom ZfP Südwürttemberg, "weil der schizophrene Mensch in seine eigene Welt abgleitet." Den Menschen mit seiner Erkrankung zu akzeptieren und zu begleiten, sei deshalb eine Frage der Haltung. "Die Betroffenen leiden aber auch an der Schizophrenie, das ist Tatsache", so Valdes-Stauber weiter. "Das sollten wir nicht verniedlichen."

Klaus Decker, Patientenfürsprecher am ZfP, griff diesen Punkt auf und sprach über den schmalen Grat zwischen notwendiger Hilfe durch die Psychologie und die dadurch beschränkte Autonomie des Patienten. "In jedem einzelnen Fall bedarf es eines individuellen Abwägens." Decker monierte einen Anstieg an Fixierungsmaßnahmen in Zwiefalten. "Unter dem Aspekt der Hilfe ist das höchst fragwürdig."

Ein Modell, indem die Patienten einen hohen Grad an Selbstbestimmung erreichen, ist dagegen die Soteria. Diese Station, die einer Wohngemeinschaft ähnelt, stellte der Krankenpfleger Christian Fischer vor. Aber auch dieses Modell hat seine Grenzen. "Wir haben keinerlei freiheitsentziehende Maßnahmen", berichtete Fischer. "Deshalb sind wir auch nicht für jeden Erkrankten geeignet."

Eine möglichst hohe Patientenautonomie zu entwickeln bleibt für Dr. Frank Schwärzler, der am ZfP an einem Modell zur gemeinsamen Therapiezielplanung arbeitet, eine Herausforderung für die Zukunft. "Das zu erreichen dauert nicht Monate, sondern Jahre."

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