Schulferien waren in der Erntezeit

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Tauschgeschäfte waren nach dem Krieg verboten und wurden hart bestraft.  Foto: 

Am 20. Juni 1948 war die Währungsreform. Die Reichsmark wurde 1:10 abgewertet. Jede Person erhielt 60 Mark Kopfgeld auf zwei Raten, zunächst 40 Mark und einige Zeit später weitere 20 Mark. Die Zwangsbewirtschaftung (Lebensmittelkarten) blieb noch einige Zeit bestehen. Leute, die Waren gehortet hatten, konnten diese aber wieder für Geld verkaufen. Der Tauschhandel (Kompensationsgeschäft) war verboten.

In einem Brief von meiner Tante aus Feuerbach wird im Herbst 1948 berichtet: ein Ei koste 50 Pfennig. Man solle ihr zwei junge Hennen besorgen, was dann auch geschehen ist. Weil die Preise für Nahrungsmittel so gestiegen waren, dass viele Leute sich nicht mehr hätten ernähren können, wurde der Weizenpreis – als Eckpreis für das Getreide – auf 40 Mark pro Doppelzentner staatlich festgesetzt, ebenso der Milchpreis auf 17 Pfennige pro Liter.

Staat legt Preise fest

Der Preis für die Milch wurde im Laufe der 1950-er Jahre etwas angehoben. Der Preis für Weizen blieb bis zum Treffen des französischen Präsidenten De Gaulle und Bundeskanzler Konrad Adenauer 1962 in Ludwigsburg. Dort wurde vereinbart, dass die Deutschen die Autos bauen und die Franzosen den Weizen erzeugen. Im Jahr 2012 wurde das 50-jährige Jubiläum dieses Treffens gefeiert.

Nach der Währungsreform kostete eine Handwerkerstunde eine Mark, die Holzhauer verdienten beim Fürsten von Thurn und Taxis 0,60 Mark pro Stunde, waren aber sozialversichert.

Wie sich die Einkommen der Bauern und die Preise verändert haben, zeigt folgendes Beispiel: Nach der Währungsreform 1948 verkaufte ich auf Hochzeiten und bei sonstigen Veranstaltungen Brezeln für die Bäckerei Beisswenger-Ziegler in Mehrstetten. Eine Brezel kostete am Tisch in der Wirtschaft fünf Pfennig. Für einen Zentner Weizen bekam der Bauer 20 Mark. 400 Brezeln entsprachen also einem Zentner Weizen. Heute verkaufe ich den Weizen einschließlich Steuern für acht Euro. In der Wirtschaft bekomme ich dafür aber gerade noch acht Brezeln. Das heißt: Nur noch acht Brezeln entsprechen dem Erlös für einen Zentner Weizen. Der Erlös für den Bauern ist drastisch gefallen, gestiegen sind dagegen die Löhne in Handwerk und Industrie.

In den Jahren 1948/49 trat der Marshallplan der Amerikaner in Kraft. In Münsingen konnte mit diesen Geldern die Landwirtschaftsschule gebaut werden.

Nach 1945, als der Krieg zu Ende war, fehlten in der Landwirtschaft Arbeitskräfte. Sieben bis acht Prozent der Bevölkerung waren im Krieg gefallen oder wurden vermisst, in einigen Dörfern sogar weit mehr. Viele waren noch in Kriegsgefangenschaft und die Anzahl der Kriegsversehrten war groß. Mein Vater hatte im Krieg ein Bein verloren, daher weiß ich das aus eigener Erfahrung. Die landwirtschaftlichen Arbeiten mussten von den alten Leuten, den Frauen und Kindern erledigt werden. Es fehlten ja gerade die Männer im besten Alter. Maschinen gab es damals nur wenige.

Die Schulferien waren, außer an Weihnachten und Ostern, nur, wenn Heu-, Getreide-, oder Kartoffelernte war. Regnete es zu diesen Zeiten länger, war wieder Schule, bis das Wetter besser war. Diese Regel galt in Mehrstetten bis 1964. Von den Kindern, die keine Landwirtschaft zu Hause hatten, gingen die Jungen als Molkerbub oder die Mädchen als Kindsmagd arbeiten. Durch den Einsatz aller verfügbaren Arbeitskräfte auf dem Land gelang es, dass nach dem Zweiten Weltkrieg niemand verhungerte. Dagegen waren nach dem Ersten Weltkrieg in Deutschland zwischen 700 000 und 800 000 Menschen an Hunger gestorben, darunter auch meine Großmutter.

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