Schockierter Blick nach Rechts

Viel Gesprächsbedarf, wenig Euphorie: So lässt sich die Stimmung bei den Wahlpartys in der Region wohl am besten zusammenfassen. Sorgen bereitet allen Parteien das starke AfD-Ergebnis.

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Kerstin Lamparter verfolgte um 18 Uhr die erste Hochrechnung zusammen mit rund 25 Parteifreunden bei der Grünen-Wahlparty in Metzingen. Der laute Jubel, der die Ergebnisse der Grünen und der CDU begleitet, erstirbt beim Ergebnis der SPD. Ernüchterung macht sich breit, auch wenn zunächst noch Hoffnung auf eine Fortsetzung der grün-roten Koalition im Raum steht.

Um 18.15 Uhr bezahlen die ersten Gäste ihre Getränke, zugleich kommen aber auch neue Besucher dazu. Smartphones werden gezückt - nun wird Lamparters Abschneiden verfolgt. Als Thomas Strobl, Landesvorsitzender der Union, im ZDF-Interview auf der Leinwand davon spricht, dass die Regierung abgewält sei, herrscht Emörung im Saal. Die von ihm ins Spiel gebrachte Deutschland-Koalition? Die Grünen winken mit einem Lächeln ab, in der Opposition zu stehen - das kann und will sich hier heute niemand vorstellen.

Szenenwechsel, 19.15 Uhr: Andreas Glück spricht bei der Wahlparty der Liberalen in Dottingen, begleitet von warmem Applaus. Über 50 Parteifreunde sind zusammengekommen, feiern vor allem die starken lokalen Ergebnisse ihres Landtagskandidaten. "Es sieht gut aus", ruft einer, als Glück vor voreiligem Jubel warnt: "Wir bleiben bescheiden."

Gudrun Hodina hat sich aus Reutlingen zur FDP-Party aufgemacht. Sie hat "gemischte Gefühle", bekennt die 67-Jährige. Natürlich freue sie das FDP-Ergebnis, aber die Wahlergebnisse der Alternative für Deutschland machen der Reutlingerin Sorgen. Vor allem in Gesprächen mit Fremden hätten viele ihre Präferenz für die AfD zugegeben, erzählt sie aus ihren Erfahrungen: "Da sind dann Äußerungen gefallen, die wirklich erschüttern."

Immer wieder bittet Glück um Ruhe und berichtet von neuen Ergebnissen - geschockt reagieren die Liberalen, als bekannt wird, dass der Reutlinger Wahlkreis wohl an die Grünen gehen wird. Dennoch geht der Blick in die Zukunft - vielleicht mit den Liberalen an der Macht? Auf die Deutschland-Koalition hoffen viele im Raum. Und mit den Grünen? "Das wird nicht funktionieren", ist sich Erwin Schult sicher. Der 74-Jährige ist Jäger - und auf die Grünen überhaupt nicht gut zu sprechen. Generell herrscht bei den Liberalen viel Gesprächsbedarf. Spannend bleibt es, da auch Karl-Wilhelm Röhm sein CDU-Direktmandat zu verlieren droht. "Oh mein Gott", lautet ein Kommentar dazu in Dottingen.

Also weiter zur CDU, inzwischen ist es 19.55 Uhr: Die Christdemokraten kommen in Gomadingen zusammen, rund 40 Gäste sitzen im Sportheim, es riecht nach Wiener Würstchen aus dem Kochtopf. Die Stimmung: Gedämpft. Während manche sich leise unterhalten, blicken andere mit bitteren Mienen auf die Leinwand, die das für die CDU enttäuschende Wahlergebnis hinter den Grünen zeigt.

"Euphorisch kann da keiner sein", kommentiert Bernd Hummel, der CDU-Ortsverbandsvorsitzende aus Trochtelfingen, das Wahlergebnis - gerade auch im Hinblick auf die AfD. Er beklagt, die Wähler hätten die "grüne Ideologie" hinter Ministerpräsident Winfried Kretschmann nicht erkannt. Als dann auf der Leinwand gezeigt wird, wie Spitzenkandidat Guido Wolf der Bundeskanzlerin einen Plüsch-Wolf schenkt, müssen selbst dessen Parteifreunde lachen.

Ein wenig hofft man bei der Union noch, künftig die Regierung anzuführen und verweist darauf, dass schließlich auch Grün-Rot an der größten Fraktion vorbei regiert habe. Doch die Skepsis ist groß. Auch im Blick auf Sachsen-Anhalt, wo die CDU künftig wohl eine Dreier-Koalition braucht. "Das wären katastrophale Verhältnisse", schimpft ein CDU-Mitglied.

Gegen 21 Uhr geht es dann zur SPD - Klaus Käppeler ist inzwischen aus Stuttgart zurück, im "PerDu" auf der Haid gibt er zunächst dem Regionalfernsehen ein Interview. Die Genossen schwanken derweil zwischen "geschockt" und "deprimiert", wie Kreisrätin Annette Schneider sagt.

Nur 20 Parteifreunde sind da noch auf der Haid - die aber harren tapfer aus. Am Ende wird die Stimmung etwas besser, fast schon herzlich: Käppeler dankt seinen Wahlhelfern und erzählt manche Anekdote aus dem Wahlkampf. Als er etwa einmal um 4 Uhr aufgestanden sei, um am Metzinger Bahnhof Brezeln zu verteilen. "Als Röhm kam, war der Zug schon abgefahren", erzählt Käppeler schmunzelnd. Für eine junge Unterstützerin, die an diesem Abend Geburtstag feiert, gibt es noch ein Ständchen. Und für den späten Gast, Bad Urachs Bürgermeister Elmar Rebmann, warmen Applaus: Liegt doch SPD in der Kurstadt "über dem Landesschnitt".

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