Psychisch Kranke in Ketten

Ihre Schicksale berühren: Die von psychisch Kranken in der Elfenbeinküste, die von ihren Angehörigen in Ketten gelegt ein bitteres Dasein fristen. Eine Wechselausstellung am ZfP zeigt aber: Es tut sich etwas.

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Die Gruppe "Feuervogel" umrahmte die Vernissage der Ausstellung "Kettenmenschen" musikalisch.  Foto: 

Nachdem sich die vergangene Wechselausstellung im Verwaltungsgebäude des Zentrums für Psychiatrie mit der jüngeren Vergangenheit beschäftigt hatte - den Kriegszitterern im Ersten Weltkrieg - gibt die neue Ausstellung, die am Mittwoch-Abend mit 50 Gästen bei einer Vernissage im ZfP-Casino eröffnet wurde, einen bedrückenden Einblick in die Gegenwalt: Auf die Schicksale von psychisch Kranken in der Elfenbeinküste.

Von einer menschenwürdigen Behandlung können die meisten Erkrankten in dem Land mit rund 23 Millionen Einwohnern nur träumen. "In der ganzen Elfenbeinküste gibt es gerade einmal 16 Psychiater, 15 davon in der Küstenstadt Abidjan", erklärte Dr. Theresia Alt. Die Fachärztin am ZfP in Zwiefalten engagiert sich seit Jahren für die Erkrankten in der westafrikanischen Nation. Und sie betont, dass man die Angehörigen nicht dafür verurteilen könne, die Menschen unbehandelt etwa an Bäumen festzuketten oder wegzusperren. "Sie behandeln die psychisch Kranken nicht anders als bei uns - nur anders als bei uns heute", sagte Alt. "Was sollen die Leute auch machen, wenn ihre Verwandten andere Menschen angreifen oder sich umbringen wollen und sie keine Möglichkeit zur Behandlung haben?"

Auch in Europa habe der Kulturwandel in der Psychiatrie fast 200 Jahre gedauert, nachdem Philippe Pinel 1793 erstmals für einen menschlicheren Umgang mit psychisch Kranken in Frankreich warb und daher bis heute als derjenige Psychiater gilt, der die Erkrankten von ihren Ketten befreite - auch wenn die Zwangsjacke die Psychiatrie noch über viele Jahrzehnte prägen sollte. "Einen wirklichen Unterschied haben erst moderne Medikamente gebracht und andere Therapieformen ermöglicht", blickte Alt auf die Entwicklung zurück.

Und während solche Behandlungen in Europa inzwischen selbstverständlich sind, ist die Wirkweise der Medikamente und deren Möglichkeiten in Afrika vielerorts noch Unbekannt - stattdessen fürchten weiterhin viele, bei einer Berührung der Erkrankten selbst von "böse Demonen" befallen zu werden.

Doch die neue Wechselausstellung mit dem Titel "Kettenmenschen - Vom Umgang mit psychisch Kranken in Westafrika" soll nicht nur das Elend abbilden, sondern aufzeigen, dass sich in der Elfenbeinküste etwas tut, sich das Bewusstsein verändert und es für die psychisch Kranken inzwischen mehr Hoffnung gibt.

So zeigen die 16 großformatigen Fotografien, die das Württembergische Psychiatriemuseum in Zwiefalten vom "MuSeele", dem Göppinger Psychiatriemuseum, übernommen hat, nicht nur die Menschen in Ketten, sondern auch den gläubigen früheren Taxifahrer Gregoire Ahongbonon. Er hat sich der psychisch Kranken angenommen und ist inzwischen als deren "Befreier" bekannt geworden. Als Direktor der katholischen Vereinigung St. Camille de Lellis versorgt er die Erkrankten in drei Zentren im Raum der Reutlinger Partnerstadt Bouaké. Auch Szenen aus diesen Einrichtungen zeigt die Wechselausstellung.

Im Landkreis Reutlingen - insbesondere im Umfeld der Psychiatrien in Zwiefalten und dem Reutlinger PPrt - hat sich inzwischen ein "Freundeskreis St. Camille" zusammegefunden, der Ahongbonons Arbeit finanziell und personell unterstützt. So ermöglicht die finanzielle Hilfe etwa den Erwerb der dringend benötigten Psychopharmaka.

Auch wenn der Umgang mit den Medikamenten dort für westliche Verhältnisse zu wünschen übrig lässt - schließlich sind in den Zentren keine Psychiater, sondern vor allem stabile Erkrankte für die Versorgung der Patienten zuständig. "Es gibt in Bouaké fünf Medikamente, vier davon bekommen fast alle", erklärte Alt. Um den Betroffenen zu helfen reicht dies rudimentär aber aus. "Es ist nicht so wie wir es haben wollen, aber es ist ein Anfang und reicht auf diesem Niveau."

Um auch therapeutisch eine Entwicklung anzustoßen, reisen immer wieder ZfP-Mitarbeiter in die Elfenbeinküste. Davon berichteten Deborah Zwick und Barbara Boßle, während Rolf Brüggeman vom Göppinger "MuSeele" für die Zusammenarbeit mit Zwiefalten dankte und betonte, wie wichtig die Öffentlichkeitsarbeit sei, um weitere Hilfen für die Erkrankten in der Elfenbeinküste anzustoßen. "Viele Besucher fragen oft, aus welchem Jahrhundert die Bilder stammen - sie können sich nicht vorstellen, dass sie tatsächlich aktuell sind", beschrieb er die ersten Reaktionen auf die Ausstellung in Göppingen.

In Zwiefalten ist die Wechselausstellung bis zum 31. Juli täglich von 10 bis 18 Uhr zu sehen, ehe sie beim Berliner Psychologenkongress und in Reutlingen gezeigt werden soll.

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