Privatleben bleibt auf der Strecke

Bürgermeister sind auch nur Menschen. Florian Bauer, Bürgermeister aus St. Johann und der Dettinger Schultes Michael Hillert plauderten beim zweiten Kamingespräch im Lagerhaus aus dem Nähkästchen.

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Michael Gissibl, Michael Hillert, Florian Bauer und Alexander Wild plauderten am Kamin im Lagerhaus.  Foto: 

"Kamingespräche", ein ganz neues Unterhaltungsformat im Lagerhaus, welches perfekt ins Ambiente passt. So kommt bei den lockeren Gesprächen mit den beiden Rechtsanwälten Alexander Wild und Michael Gissibl von der Schlichtungsstelle Bad Urach nicht nur Kulinarisches auf den Tisch, sondern auch ganz Privates über Menschen, welches man sonst nicht alle Tage erfährt. Den Auftakt machten im Januar die beiden Bäckermeister Heiner Beck und Hubert Berger.

Am Freitag waren die Bürgermeister Florian Bauer und Michael Hillert an der Reihe. Leise bullerte der schwarze Bullerjan vor sich hin, um Wärme in die gute, heimelige Stube zu zaubern. Den Zuhörern bot sich schon bald das Gefühl, mit den vier plauderfreudigen Männern gemeinsam im Wohnzimmer oder am Küchentisch zu sitzen.

"Wie kommt man eigentlich auf die Idee Bürgermeister zu werden?", stiegen Wild und Gissibl in den unterhaltsamen Abend ein. Bei Hillert, der auf ein Recht- und Politikstudium blicken konnte, war einst ein Blick in den Staatsanzeiger der entscheidende Impuls.

Bauer hingegen, der in einer liberalen Familie aufwuchs, eine Ausbildung zum Bankkaufmann absolvierte und später als Leiter der Öffentlichkeitsarbeit bei der Landes-FDP arbeitete, kam über sein Amt im Gemeinderat an die Spitze der Bürgerschaft. Eine Spitze, die nicht immer spitze ist, wie sich in der etwas anderen Politiktalkshow zeigte. So musste Hillert in seiner Amtszeit auch mit Kommentaren fertig werden, die sich weit unterhalb der Gürtellinie bewegten. Kommentare, die ihn unter anderem, nach seinem Siegeszug in die zweite Amtsperiode, in ein dunkles Loch zogen. Professionelle Hilfe brachte ihn dazu, die Dinge anders zu betrachten. "Wenn es mir heute zu viel wird, geh ich mal eine Stunde laufen und lass mir kalte Luft durchs Hirn wehen. Das tut hinterher auch der Gemeinde gut".

Giftige Stimmung erlebe Bauer bereits im Wahlkampf. Genugtuung empfindet er heute, wenn er an eine ganz bestimmte Situation in seinem Wahlkampf denkt. Ein Sympathisant seines Konkurrenten wäre sich sicher gewesen: "Der hot koi Verwaltungserfahrung, ond schwul isch er au no, der hot koi Chance". Nach der Auszählung hat sich jedoch gezeigt, wie liberal auch konservative Strukturen sein können. Der schwule Bürgermeisterkandidat ohne Verwaltungserfahrung konnte besser punkten und zog ins Rathaus ein. "Vielleicht dachten die Wähler ja auch, der lebt anders, den wollen wir", so Wild. "Schon möglich", meinte Bauer, war sich aber nicht sicher, ob mit dem klassischen Familienbild aus Frau, Mann, zwei Kindern und dem Labradorhund ein völlig anders Wahlergebnis rausgekommen wäre.

Beim Thema Verwaltungserfahrung glaubt Hillert, dass es bei aktuellen Themen wenig bringt, wenn man auf ein Wissen, das man sich 20 Jahre zuvor angeeignet hat, zurückgreifen kann. Vielmehr setzt er auf die Lebenserfahrung. "Ich war erstaunt, wie viel in so ein Hirn reinpasst", schilderte Bauer, seine Einarbeitung ins neue Berufsfeld. Bürgermeister, ein Job, bei dem von nicht wenigen erwartet wird, dass sie ihn an sieben Tagen in der Woche 24 Stunden lang ausüben. Egal ob in der Amtsstube, bei Jubiläen, Generalversammlungen, Stromausfall oder Vereinsfestivitäten. Vom Bürgermeister werde erwartet, dass er da ist.

Hillert erinnerte sich noch genau an einen Abend, an dem er gleich drei Veranstaltungen besuchen sollte und dem auch nachkam. Die erste Veranstaltung wurde im Nachhinein mit "der isch scho bald wiedr ganga" kommentiert, die zweite mit "zu spät isch er komma, ond scho bald wieder ganga" und die dritte mit "do hätt er glei gar nemme komma braucha" quittiert.

Das Privatleben der Bürgermeister bleibe bei so vielen Verpflichtungen oft auf der Strecke. Hillert hat deshalb einen Abend fest für seine Frau eingeräumt, Bauer einen Tag für seinen Mann. "Ich habe auch kein schlechtes Gewissen, wenn ich mal ein verlängertes Wochenende nicht da bin", so Bauer, der sich bereits jetzt, nach gut einjähriger Amtszeit, seine verdienten Freiräume schafft.

Urlaubsanspruch besteht nämlich auch bei einem Bürgermeister. Und wer weiß schon, vielleicht gelingt es Bauer ja auch bald, mit seinen geliebten Basecaps durch die Straßen seiner Gemeinde zu laufen oder am Samstagmorgen mit der Jogginghose zum Bäcker zu gehen. Geliebte Angewohnheiten, die er seit seinem Eintritt ins Amt, bislang vermieden hat wie auch das Sonnenbad in der Badehose im heimischen Garten.

Den musikalischen Rahmen des etwas anderen Unterhaltungsabends, bot Schlichterkollege Werner Gericke mit seinen Gitarren.

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