Nicht "Gnadentod", sondern industrieller Massenmord

"Entrechtet - verfolgt - vernichtet" ist der Titel eines neuen Buches der Landeszentrale für politische Bildung, das erstmals fürs Land die Geschichte der Opfergruppen des NS-Regimes im Südwesten zusammenfasst.

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Mit der NS-Geschichte im Südwesten beschäftigt sich das Buch der Landeszentrale für politische Bildung.  Foto: 

Alle Opfergruppen konnten im 460 Seiten dicken Buch "Entrechtet - verfolgt - vernichtet" der Landezentrale für politische Bildung nicht gewürdigt werden, stellen die vier Herausgeber - Peter Steinbach, Thomas Stöckle, Sibylle Thelen und Reinhold Weber - in ihrer gemeinsamen Vorbemerkung fest. Über die Verfolgung von Kriegsdienstverweigerern, Homosexuellen oder Zeugen Jehovas würden bislang nur rudimentäre Forschungsergebnisse vorliegen.

Die Beiträge in den elf Kapiteln des Buches lenken den Blick auf die südwestdeutsche Geschichte während des Nationalsozialismus und zugleich auf die Gedenkstätten in Baden-Württemberg. Sie beleuchten auch zentrale Probleme der aktuellen pädagogischen Arbeit vor Ort. Schließlich kommt es Gedenkstätten nicht nur auf antiquarische Erinnerung an, sondern auf die Reflexion menschlicher Verhaltensweisen, staatliche Ziele und Verfassungsnormen. In den Gedenkstätten werde es den Besuchern bewusst, wie fragil das Zusammenleben der Menschen ist. Schutzhaft gab es schließlich nicht nur in der NS-Zeit, sondern auch in Guantanamo, Misshandlungen von Gefangenen durch die Gestapo, aber auch in Abu Ghraib.

Die einzelnen Kapitel im Buch sind dreigliedrig konzipiert, und zwar nach dem Muster "Ereignis - Wahrnehmung/Deutung/Erinnerung - aktuelle Situation". In jedem Kapitel wird also zunächst die Ereignisgeschichte dargestellt, gefolgt von der "zweiten Geschichte" der NS-Verbrechen, also ihrer Wahrnehmung und Deutung. Was oftmals mit "Vergangenheitsbewältigung" umschrieben wird, zielt im Kern auf den langwierigen Prozess einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und seiner Massenverbrechen in der deutschen Gesellschaft. In den Beiträgen geht es auch darum, das Gespür für die zivilisatorischen Gefährdungen zu wecken, die heute zu bestehen sind. Den Abschluss jedes Kapitels bilden aktuelle Aspekte und Fragen der Erinnerungskultur: Wo steht die Gedenkstättenarbeit aktuell? Wie soll sich Erinnerungsarbeit entwickeln?

"Grafeneck 1940 - die Verbrechen von Zwangssterilisation und NS-,Euthanasie' in Baden und Württemberg 1933 - 1945" ist das von Thomas Stöckle, dem Leiter der Gedenkstätte Grafeneck, verfasste Kapitel überschrieben. Nirgendwo sonst im Land können sich die NS-Verbrechen räumlich und zeitlich so genau verorten wie in Grafeneck 1940, stellt Stöckle einleitend fest. Während die Morde in Grafeneck außerhalb gesetzlicher Regelungen begangen wurden und deshalb der Versuch der Geheimhaltung unternommen wurde, waren die Zwangssterilisationen gesetzlich geregelt. Die "Fälle" wurden an "Erbgesundheitsgerichten" verhandelt. Stöckle spricht von einer "biopolitischen Diktatur", deren zwei Säulen die "Erbgesundheits- und die Rassenpolitik" gewesen seien. Ein maßgeblicher Vollstrecker der Zwangssterilisation und der "Euthanasie"-Morde war Dr. Eugen Stähle, Abteilungsleiter im württembergischen Innenministerium. In den Vorermittlungen zum Grafeneck-Prozess hatte dieser in Münsingen ausgesagt: "Wenn der Einzelne das Unglück hat, erbkrank zu sein, muss er auf Fortpflanzung verzichten".

NS-"Euthanasie" und Zwangssterilisation haben eine bis ins 19. Jahrhundert zurückreichende Vorgeschichte, als sich weltweit eugenische Lehren verbreiteten und sich in Deutschland der Begriff der "Rassenhygiene" verbreitete. Rasch wurden Forderungen laut, die Träger von "erblicher Minderwertigkeit" an der Fortpflanzung zu verhindern. Mit der Machtergreifung der Nazis begann unverzüglich die Umsetzung der "Rassenhygiene". Am 14. Juli 1933 wurde das "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" verabschiedet. Etwa 400 000 Frauen und Männer wurden auf Grundlage dieses Gesetzes in der NS-Zeit zwangsweise sterilisiert. In Württemberg gab es wohl 19 000 Erbgesundheitsfälle und 11 814 Sterilisationen, drei Viertel davon mit den Diagnosen "Schizophrenie" und "angeborener Schwachsinn".

Von den Tätern als "Gnadentod" verharmlost, könne die NS-"Euthanasie" angemessen nur als Mord beschrieben werden, führt Stöckle weiter aus. In der Phase von 1939 bis 1941 stehen diese für industriellen Massenmord. Grafeneck habe ideal den Organisations- und Geheimhaltungskriterien der "Euthanasie"-Planer entsprochen, weil es abgeschieden auf der Alb lag. Der 18. Januar 1940 markiert den Beginn der "Euthanasie"-Aktion in Deutschland, den Beginn systematischer und industrieller Ermordung von Menschen durch die Nazis. Aus 40 Einrichtungen für Behinderte und psychisch Kranke wurden die Opfer - es sollten 10 654 werden - nach Grafeneck verbracht. Etwa 50 Prozent der Patienten und Bewohner von Anstalten und Behinderteneinrichtungen im Südwesten wurden somit ermordet. Nach dem Erfüllen des Solls wurde die Vernichtungsanstalt Grafeneck im Dezember 1940 geschlossen, das Personal nach Hadamar versetzt. Insgesamt wurden in Deutschland ausgehend von Grafeneck in sechs Vernichtungszentren mehr als 70 000 Menschen ermordet.

In zwei Prozessen nach dem Krieg standen zehn Angeklagte vor Gericht. Im Tübinger Prozess wurden fünf Angeklagte freigesprochen, drei zu Gefängnisstrafen zwischen eineinhalb und fünf Jahren verurteilt, "sehr milde" Urteile, so Stöckle. Es sei danach viel Zeit vergangen, ehe das Schweigen in und um Grafeneck gebrochen werden konnte. 1960 sei zwar durch die Samariterstiftung ein erster Gedenkort auf dem Friedhof der Einrichtung geschaffen worden, aber ohne erläuternde Gedenktafel. Zugleich sei das Vernichtungsgebäude abgerissen worden. Erst in den 1970er Jahren habe es die ersten Gedenkveranstaltungen gegeben. Seit 1982 erinnert eine Texttafel an die Verbrechen von Grafeneck. 1990 wurde eine offene Kapelle in Friedhofsnähe gebaut, 1998 der Verein "Gedenkstätte Grafeneck" gegründet, 2005 das Dokumentationszentrum eröffnet. Stöckle abschließend: "Als Lernort kann Grafeneck die Bedeutung der Demokratie mit ihren Konzepten von Menschenwürde und Menschenrechten unterstreichen und demokratisches Bewusstsein fördern".

"Dem Unsagbaren künstlerisch begegnen: Auseinandersetzung mit den "Euthanasie"-Morden von Grafeneck" lautet der Titel des Unterkapitels von Maike Hausen, in der sie an Aktionen wie "Spur der Erinnerung" erinnert, aber auch ganz aktuell die Tonfiguren von Jochen Meyder aufführt.

Mit Grafeneck in der Literatur befasst sich Susanne C. Knittel. Dabei spannt sich der Bogen von Hans-Ulrich Dapps Biografie seiner Großmutter Emma Zeller bis hin zu Rainer Gross' Grafeneck-Krimi, dem sie Abweichungen und Erfindungen vorwirft, die sich nur teilweise durch die Freiheit des Autors oder die Notwendigkeit der Handlung rechtfertigen ließen und die zu falschen Eindrücken bei den Lesern führen könnten. Weitere Kapitel des sehr empfehlenswerten Buchs sind dem Mössinger Generalstreik, der Geschichte des KZ Oberer Kuhberg in Ulm, der Vernichtung der jüdischen Gemeinden am Beispiel Laupheim, der NS-Zwangsarbeit oder dem Völkermord an den Sinti und Roma gewidmet.

Info "Entrechtet - verfolgt - vernichtet" NS-Geschichte und Erinnerungskultur im deutschen Südwesten; herausgegeben von Peter Steinbach, Thomas Stöckle, Sybille Thelen und Reinhold Weber, Landeszentrale für politische Bildung; Kohlhammer Verlag, Stuttgart, 462 Seiten, 6,50 Euro.

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