Mit frecher, aber segensreicher Gosch

Er ist ein "Schwätzer" für den guten Zweck. Dr. Gerhard Raff verhalf durch den Auftritt mit seiner "segensreichen Gosch" am Freitagabend dem Komitee zur Erhaltung der Stephanuskirche Gruorn zu 1035 Euro.

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Auch mit der Versteigerung des Bildbands "Gruorn" versuchte Dr. Gerhard Raff, den Vortragsbesuchern Euros aus der Tasche zu schwätzen. Foto: Maria Bloching

Das Sprichwort "Schwätz mr doch koi Mark en Dasch" trifft sicher nicht auf Dr. Gerhard Raff zu. Der "Benefizschwätzer" aus Degerloch versteht es wie kein anderer, seinen Vortragsbesuchern Hunderte von Euros aus der Tasche und hilfsbedürftigen Projekten in die Tasche zu schwätzen. Seit 27 Jahren ist er fast jeden Tag unterwegs, um wie in Gruorn die "intellektuelle Elite der Alb" mit historischem, wissenswertem und lustigem Geschwätz zu beeindrucken.

Für das Komitee zur Erhaltung der Stephanuskirche Gruorn ein wahrer Segen: "Wenn Raff auftritt, kommt Geld rein", wusste man hier. Deshalb wurde der studierte Historiker, Theologe und freie Journalist "nulltariflich und spesenfrei" zu einem schwäbischen Abend eingeladen. Bekannt geworden durch seinen schwäbischen Klassiker "Herr, schmeiß Hirn ra!" ist er der meistgelesene Dialektautor der Gegenwart und vermag es, Säle und Kirchen zu füllen. So kamen auch zahlreiche Besucher am Freitagabend in die Stephanuskirche, um sich von dem begnadeten Schwätzer unterhalten zu lassen und sich mit seinen Büchern einzudecken, die er ebenfalls zugunsten von Gruorn verkaufte.

Dass der einstige Student von Professor Hansmartin Decker-Hauff und "Wohltäter der Menschheit" (Richard Freiherr von Weizsäcker) mit seiner "frechen, aber segensreichen Gosch" für die Stephanuskirche in Aktion trat, hatte einen guten Grund. Im Chorbereich müssen Bauschäden behoben werden, deren Tragweite noch nicht bezifferbar ist. Sie werden aber sicherlich ein Loch in die Kasse des Komitees reißen. Deshalb trat Raff als "Schwätzer für die Schwaben" auf, auch wenn er rein gar nichts gegen Mitbürger hat, die nicht mit der Gnade einer schwäbischen Geburt gesegnet sind. Raff stellte Mutmaßungen an, wie viele Vortragsbesucher wohl alles Nachfahren des Uracher Grafen Eberhard im Bart sein könnten, der Vorsitzende des Gruorner Komitees Hans Lamparter sicherlich zu 80 Prozent. "Selbst Bobbele Boris Becker gehört wohl zu den unehelichen Nachfahren der Württemberger, allerdings stammt er von der "doofen" Linie ab", scherzte der Degerlocher mit dem berühmten "Loch im Buch" als Kennzeichen ganz ernsthaft.

Der urschwäbische Historiker durchleuchtete das Abendprogramm der Viertele schlotzenden Reichsfürsten und machte deutlich, was einst schon Eberhard im Bart erkannte: "Mein Reich hat keine Städte. Es ist ein bescheidenes und armes Land, aber eines habe ich: rechtschaffene Württemberger. Das ist der größte Reichtum". So sahen es auch viele andere, weshalb der bedeutende Eberhard im Bart damals schon als "reichster Fürst" galt. Was hätte also in Gruorn besser zum Thema gepasst, als die württembergische Nationalhymne "Preisend mit viel schönen Reden", deren sieben Strophen von vielen Besuchern auswendig gesungen und vom Posaunenchor Auingen feierlich gespielt wurde.

Nicht nur die Einführung der schwäbischen Kehrwoche als "hygienische Präventionsmaßnahme gegen Seuchen" geht auf das Konto von Eberhard im Bart. Er ist es auch gewesen, der mit seiner Mutter Mechthild die Universität Tübingen gründete. "Wäre ich Lothar Späth gewesen, hätte ich im Bad Uracher Schloss eine staatliche Entbindungsstation eingerichtet. Schließlich sind dort Eberhard im Bart und auch Herzog Christoph zur Welt gekommen. Vielleicht hätten hier noch weitere bedeutende Württemberger hervorgebracht werden können", meinte Raff.

Er durchstreifte ohne Punkt und Komma das Leben von König Wilhelm I. von Württemberg und zollte dessen zweiter Frau Katharina aufgrund zahlreicher guter Werke Anerkennung. Sie half dem armen Volk bei der Hungersnot 1816, gründete 1818 die landwirtschaftliche Hochschule in Hohenheim sowie die Württembergische Landessparkasse (heute BW-Bank) und rief nicht zuletzt das Canstatter Volksfest als ursprüngliches Erntedankfest ins Leben. "Mittlerweile ist daraus ein internationaler Multialkoholkongress geworden", bedauerte der nach eigenen Worten "wegen des schwäbischen Dialekts sprachlich behinderte" Raff.

Bei jedem Auftritt setzt er sich eintausend Euro zum Ziel: "Alles darunter wäre eine Ohrfeige für mich und ich bin in Württemberg noch nie geohrfeigt worden", meinte Raff. Gruorn machte da am Freitag keine Ausnahme. Die Besucher nahmen sich Raffs Ausführungen zu Herzen und öffneten ihre Geldbeutel weit für den "Benefizschwätzer", der somit auch in Gruorn mit großem Erfolg den Leuten Euros aus der Tasche schwätzte.

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