Lothar Schnizer verlässt die Diakoniegesellschaft

Die eine Seite muss bedauert, die andere darf beglückwünscht werden: Lothar Schnizer wechselt von der Diakoniegesellschaft Münsinger Alb zur Paul Wilhelm von Keppler-Stiftung nach Ulm.

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Lothar Schnizer: "Für mich geht ein Traum in Erfüllung." Foto: Gudrun Grossmann

Die Reaktionen ähneln sich. Wer mit Lothar Schnizer über seinen Entschluss redet, die Leitung der Münsinger Diakoniestation aufzugeben, sucht erst mal nach passenden Worten, um die Enttäuschung auszudrücken. "Dann höre ich aber auch, dass sie sich für mich freuen," sagt der 42-Jährige, der in der Mitte seines Berufslebens steht und jetzt einen wesentlichen Teil seiner bisherigen Tätigkeit in den Mittelpunkt stellt - die Seelsorge.

Als Diakon wird er im Juni seinen Dienst bei der Paul Wilhelm von Keppler-Stiftung in Ulm antreten und sowohl im Clarissenhof in Söflingen als auch im Seniorenzentrum St. Anna in Munderkingen sowie in zwei Diakoniestationen für die Pflegebedürftigen, die Angehörigen und alle Mitarbeiter Ansprechpartner sein.

Es ist eine Aufgabe, für die er sich schon lange berufen fühlt. Mehr noch: "Damit geht ein Traum in Erfüllung." Nun könne er sich auf das Wesentliche konzentrieren.

Mit der Leitung der Münsinger Diakoniestation, die er am 1. Januar 2002 übernommen hat, wurde ihm viel Verantwortung übertragen. Allein die betriebswirtschaftliche Seite hätte ihn ausgefüllt. Aber weil er eben nicht nur einen neuen Job zu managen hatte, sondern im diakonischen Handeln eine Haltung sieht, wurde viel mehr daraus. Es ging in die Tiefe. Wie gehe ich mit anderen Menschen um? Wie fließt meine christliche Überzeugung in die Arbeit ein? Das waren Fragen, die ihn von Beginn an genauso beschäftigt haben, wie die Ausschöpfung aller Möglichkeiten, damit Menschen in Würde alt werden können und die optimale Pflege erhalten - trotz der bekanntlich engen Rahmenbedingungen.

Von Lothar Schnizer wurde dieses Mehr an Einsatz nicht verlangt. Das kam von ihm selbst. Die Andachten für die Mitarbeiter, die Gedenkgottesdienste für die Verstorbenen, die von den Angehörigen so rege in Anspruch genommen wurden, die Feiern für die Bewohner im Münsinger Altstadtpark oder für die Besucher der Tagespflege und ihre Familien. Tätig ist er zudem im Diakonischen Werk Württemberg. In einem Team gestaltet er das Gebetsbuch "Lass dich beflügeln"mit, das mit einer Auflage von inzwischen 60 000 gut angenommen wird. Von den offiziellen Terminen und Tätigkeiten abgesehen, bezieht sich seine Seelsorge auf den Alltag, was sich in unzähligen offenen Gesprächen und in der Stärkung seiner Mitarbeiter zeigt. Fasst er alles zusammen, kommt eine ausfüllende Tätigkeit heraus. Oder anders ausgedrückt: Er macht sein Ehrenamt zum Beruf.

"Ich werde viel zurücklassen, was mir wichtig ist und was ich lieb gewonnen habe." Ein einziger Satz zeigt schon, dass er mit dem Herzen dabei war. Und vielleicht deshalb auch so erfolgreich. Der gelernte Stuckateur, verheiratet und Vater von drei Kindern, ist immer dem gefolgt, was er gerne machen wollte. Er hat sich vom Handwerk abgewendet, um sich den Menschen zu widmen. Den Schwachen. Seine Ausbildung zum Krankenpfleger markiert diese Wende. Es folgt die Arbeit in einem Sanitätshaus in Wangen, wo er sich hauptsächlich mit dem Qualitätsmanagement befasst. Im Team der Münsinger Diakoniestation ist er der einzige Mann, der dann auch noch auf den Chefposten wechselt. Wer in Zukunft (ausgeschrieben ist eine 75-Prozent anstatt der bisherigen Vollzeitstelle) auf diesen Posten des Geschäftsführers nachrückt, ist für 60 hauptamtliche Kräfte und 70 ehrenamtliche Mitarbeiter zuständig. Schaut man auf die Anfangszeit von Lothar Schnizer, haben sich diese Zahlen verdoppelt.

Er hat die diakonische Einrichtung sehr wesentlich weiterentwickelt und geprägt. Aus den Grundaufgaben der ambulanten Pflege und Hauswirtschaft ist ein gut organisiertes Unternehmen mit großem Radius geworden. Die Tagespflege ist hinzugekommen, ZIB (Zeitintensive Betreuung, ein erfolgreiches Projekt mit Modellcharakter), das Einkaufsmobil, die verschiedenen Betreuungsgruppen. . . und vieles mehr.

Er war ein guter Manager, der noch anderes im Sinn hatte. Von 2006 bis 2008 macht Lothar Schnizer im evangelischen Diakoniewerk in Schwäbisch Hall eine Ausbildung zum Diakon. Als er fertig ist, steht er vor einer Aufgabe, die bei vielen Mitarbeitern Ängste auslöst. Die Station, bislang eine Einrichtung des Münsinger Kirchenbezirks, wird Teil der Diakoniegesellschaft Münsinger Alb, einem Tochterunternehmen der BruderhausDiakonie und der Samariterstiftung. Er erinnert sich an viele Gespräche. Das Ernstnehmen der Sorgen, das Zuhören hat das Vertrauen in ihn noch mehr gestärkt.

Es wäre nicht sein Stil gewesen, wenn er seine Neuorientierung nicht sofort im Kollegenkreis publik gemacht hätte. Bereits Ende Februar teilte er seine Entscheidung mit. Offiziell wurde es mit der Ausschreibung seiner Stelle am vergangenen Samstag. Damit hört er nun auch von außerhalb Worte des Bedauerns, gleichzeitig gönnt man gerade ihm, die Hinwendung zu einem neuen und gleichzeitig vertrauten Beruf.

Wenn er in den Heimen in Söflingen und Munderkingen kranke und sterbende Menschen begleitet, in der Trauer zur Seite steht, Gesprächskreise bildet, Besuchsdienste organisiert, sich Zeit für die Stärkung der Mitarbeiter nimmt, dann wird eins zum Ausdruck kommen: Er weiß, wovon er spricht. Die Paul Wilhelm von Keppler-Stiftung hat eine gute Wahl getroffen. Die Diakoniegesellschaft Münsinger Alb hat das Nachsehen. Nicht aber die Albgemeinden. Denn als Diakon wird Lothar Schnizer weiterhin in den Gottesdiensten zu sehen und zu hören sein.

Info Lothar Schnizer wird am Donnerstag, 23. Mai, verabschiedet. Frühestens am 15. Mai wird seine Stelle wieder besetzt.

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