Käfer sucht Wohnraum auf der Alb

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Der Alpenbock (Rosalia Alpina) kommt außerhalb der namensgebenden Alpen nur noch an wenigen Stellen auf der Alb vor – so auch auf dem früheren Truppenübungsplatz. Dort hat der Bundesforst Heuberg Maßnahmen zur Habitatstärkung unternommen.  Foto: 

Alpenbockkäfer (Rosalia alpina) kommen in Süddeutschland in lokalen Populationen in den bayerischen Kalkalpen und deren Vorland sowie in Baden-Württemberg vor. In enger Kooperation mit Landesbehörden hat der Bundesforstbetrieb Heuberg auf dem früheren Truppenübungsplatz Münsingen verschiedene Maßnahmen umgesetzt, um den benötigten Lebensraum für Käferpopulationen zu schaffen. Das Projekt „Totholz in sonniger Lage für den prächtigen Alpenbock“ erhält am kommenden Montag aus den Händen der Parlamentarischen Staatssekretärin Rita Schwarzelühr-Sutter die Auszeichnung „UN-Dekade-Projekt Biologische Vielfalt“, die bundesweit nur zwölf mal jährlich vergeben wird.

Nach bisherigem Forschungsstand sind die wenigen verbliebenen Restpopulationen dieses Käfers auf der Schwäbischen Alb das einzige ständige, autochthone – also eingesessene – Vorkommen in der Bundesrepublik außerhalb der Alpen. In den Buchenwäldern auf Kalkuntergrund, in Höhenlagen von 500 bis 700 Meter waren die anspruchsvollen Kerbtiere bereits früher vertreten. Im Durchbruchstal der Donau und in Steilhängen am Trauf der Schwäbischen Alb leben heute nur noch Restbestände in kleinräumigen Rotbuchenwaldarealen mit den für die Käfer überlebenswichtigen Altbaum-Ansammlungen. Einen Schwerpunkt bilden forstwirtschaftlich nicht mehr genutzte Kernzonen des Biosphärengebietes Schwäbische Alb mit seinen Hang-Schlucht-Wäldern. Rosalia alpina gehört zur artenreichen Familie der Bockkäfer, wie man an den charakteristischen, manchmal auch wie die Hörner eines Steinbockes nach hinten gebogenen, Fühlern sehen kann. Alpenböcke zählen zu den Holzfressern. Ihre Larven ernähren sich ausschließlich von Holz, bevorzugt von Buchen. Die Art tritt jedoch nicht als Baumschädling auf, da sie nur an bereits anbrüchigem Holz lebt.

International hat die Rarität höchsten Schutzstatus, genau wie die in unserem Gebiet fliegende Spanische Flagge, ein Nachtfalter. Sie und Alpenbockkäfer sind „prioritäre“ Tierarten im Sinne der europäischen FFH-Richtlinie. Auch durch die Berner Konvention ist dieser Bockkäfer in ganz Europa geschützt. Er steht zudem auf der internationalen Roten Liste. Der Käfer ist ein Juwel unter den etwa 5800 Käferarten der Bundesrepublik Deutschland. Wie rund 600 andere gehört er zu den xylobionten, das heißt Holz bewohnenden, Käferarten, die auf Gedeih und Verderb in einer ihrer Lebensphasen auf ein bestimmtes Holzsubstrat angewiesen sind.

Der Käfer ist einer der wenigen Überlebenden einstiger mitteleuropäischer Urwälder. Seit der Mensch vor rund 12 000 Jahren mit Ackerbau und Viehhaltung, Rodungen, Waldweide, Holznutzung und Kultivierung der Wälder begonnen hat, veränderte er die ursprüngliche Landschaft und vernichtete seither die seit der Wiederbewaldung nach der Eiszeit entstandenen, echten Urwälder. Folge: Den Alpenböcken wurde wegen fehlender Lebensräume das Überleben erschwert. Moderner Waldbau und intensive Nutzung haben kultivierte, aufgeräumte Wälder geschaffen, in welchen stehendes und liegendes Totholz von Laubbäumen rar ist. Dadurch herrscht ein schwerwiegender Mangel an geeigneten Bruthölzern wie angekränkelte Buchen, frisch abgestorbenen, hohen Stubben oder am Boden liegenden Stämmen. In deren Borkenspalten, Ritzen und Trockenrisse legen Alpenbockweibchen mit Hilfe einer kurzen Legeröhre ihre Eier. Die großen Käfer fliegen schwerfällig und sind daher wenig mobil. Während der verschiedenen Eiszeiten traten Alpengletscher weit ins Vorland aus und kamen dem nach Süden ragenden nordischen Eisschild Skandinaviens bis auf knapp 300 Kilometer nahe. Während der Schwarzwald eine Eiskappe trug, blieb die Alb auch während der größten Ausdehnung der Eiszeiten frei von Gletschern, aber auch von Wäldern. Um überleben zu können, musste die Käferpopulation der holzbestockten Kalkgebirge der Alpenregion in tiefer liegende, relativ temperierte Gebiete abwandern.

Nach Ende der Würmeiszeit vor etwa 12 000 Jahren und der danach einsetzenden Wiederbewaldung bildeten die Alpenbuchengürtel und die echten Urwälder der Mittelgebirge wohl ein zusammenhängendes Verbreitungsareal für den Alpenbock. Dieses zerfiel mit der allmählichen Wiedererwärmung in verschiedene Teilgebiete. Wieder waren die Käfer gezwungen, zu verlagern. Diesmal aber in umgekehrte Richtung: In kühlere Regionen wie die Kalkalpen mit ihren Buchenbeständen und in klimatisch geeignete der Alb. Seither sind die Alpenbockkäfer der Alb von den Beständen in den Alpen vollständig isoliert.

Oftmals sind deshalb für die wenigen verbliebenen Käferpopulationen Stützungsaktionen durch ehrenamtliche Naturschützer nötig: Der inzwischen verstorbene Heinz Kirchner aus Dettingen, Gründungsmitglied des Bund Naturschutz Alb-Neckar (BNAN), kaufte vor 30 Jahren für 600 Mark aus vereinseigenen Mitteln Schichtholz zur Stützung einer kleinen Restpopulation im Ermstal auf. Dieser Holzstoß war jahrelang Anflugsziel, Paarungs- und Eiablageplatz.

Projekte zum Artenschutz bekommen bundesweit jährlich die Auszeichnung „UN-Dekade-Projekt Biologische Vielfalt“. Jetzt erhalten „Maßnahmen“ für den „Alpenbock“ den Preis.

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