Jedes Messer ist ein echtes Unikat

Die Messer, die Janosch Vecernjes und sein Vater Karolj in Bernloch herstellen, sind Gebrauchsgegenstände - aber auch wahre Kunstwerke, die in aller Welt begehrt sind. Sie wurden jetzt ausgezeichnet

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Wenn Janosch Vecernjes über die Kunst des Messerschmiedens berichtet, merkt man schon nach wenigen Sätzen, dass da jemand mit Begeisterung seinem Metier nachgeht, das ihm vom Vater fast in die Wiege gelegt wurde, das er aber erst nach einem großen Umweg in die verzweigte und oft undurchschaubare Welt der Finanzen für sich neu entdeckte.

Doch der Reihe nach: Im Alter von elf Jahren kam Karolj Vecernjes mit seinen Eltern aus Ungarn nach Deutschland. In Gomaringen ist er zur Schule gegangen, lernte später das Maler- und Lackiererhandwerk, das er mit der Meisterprüfung abschloss. Seit Jahren arbeitet er als Lehrer an der Beruflichen Schule in Reutlingen. In Ungarn hatte die Familie neben einem Schmied gewohnt, bei dem er ein- und ausging. Das Schmieden sollte später zum Hobby werden.

Als die Eltern wieder in die Heimat zurückkehrten, lernte er im Nachbardorf einen Messerschmied kennen, einen der zwei letzten, die in Ungarn die Gesellenprüfung in diesem Beruf abgelegt hatten. Zu ihm zog es ihn immer wieder, später auch seinen Sohn Janosch.

Der erinnert sich noch gut daran, dass sein Papa immer mit Messern zu tun hatte, diese auch sammelte. Mit sieben Jahren hat er sein erstes Messer selbst geschnitzt, aus Eichenholz. Es hängt heute in der Werkstatt in Bernloch, die im ehemaligen Lagerhaus der früheren Raiffeisenbank untergebracht ist, wo die Familie im Obergeschoss auch wohnt.

In Ungarn lernten Vater und vor allem auch der wissbegierige Sohn vom Messermeister, wie ein gutes Messer produziert wird. Aber es mussten schon sechs, sieben Jahre ins Land ziehen, ehe er sie in die letzten Geheimnisse einweihte.

Janosch Vecernjes besuchte das Wirtschaftsgymnasium, absolvierte eine kaufmännische Ausbildung, stieg schnell zum Assistenten der Geschäftsleitung bei der Reutlinger Firma Morgenstern auf. Mit Freunden zusammen gründete er eine "Börsengruppe", "machte" noch den Finanz- und Versicherungsfachmann, hatte beruflich fast nur noch mit Geldanlagen, mit großen Beträgen zu tun, hing nur noch am Telefon.

2010 nahm er sich am Ende der Finanzkrise eine zweimonatige Auszeit, berichtet Janosch Vecernjes. Verbrachte die meiste Zeit beim Messermeister - und wusste plötzlich, dass er sein Leben danach komplett ändern würde. "Ich habe gemerkt, dass das Messermachen mein Ding ist, dass ich keine Lust mehr auf zig oberstressige Kundengespräche am Tag hatte, in denen es nur um Geld und Aktien ging", erzählt er. Schon zuvor hatte er von Freunden, darunter auch Berufsköche, das Feedback bekommen, dass seine Messer gut waren, was ihm die Entscheidung leichter machte, etwas völlig Neues zu machen, "etwas Handfestes, auf das man stolz sein konnte".

Große Unterstützung für diese Pläne bekam er vom Vater, dem die Arbeit des Sohnes ohnehin eher suspekt war. Ergebnis war die Gründung der gemeinsamen Firma Albmesser in Bernloch. "Wir wollten gemeinsam unsere Leidenschaft teilen, nicht, um viel Geld zu verdienen, sondern um Messer herzustellen, die etwas ganz Besonderes sein sollen", erzählt Janosch Vecernjes. Tatsächlich ist jedes von ihnen ein Unikat, ein Messer, das im Idealfall den Bedürfnissen seines Erwerbers entspricht.

Denn, wer ein Albmesser erwirbt, der wird in der Regel der Werkstatt in Bernloch einen Besuch abstatten, ehe überhaupt der erste Arbeitsschritt begonnen wurde.

Es geht dann zum Beispiel um den richtigen Griff, darum, ob der spätere Benutzer große Hände hat oder kleine. Ob ihm ein Holzgriff gefällt oder einer aus Mammutknochen, wie lang die Klinge sein soll und vieles mehr.

Für ein - sagen wir mal "normales" Albmesser sind 60 Arbeitsschritte notwendig, erläutert Janosch Vecernjes, bei einem der von Sammlern begehrten Damastmesser können es schon 200 und mehr sein, was auch den später weit höheren Preis erklärt.

Den Stahl, den Karolj und Janosch Vecernjes verwenden, haben sie dem ungarischen Messermacher abgekauft. Er weist gegenüber dem heutigen Industriestahl viele Vorteile auf, ist geschmeidiger, nicht so hart, weniger porös.

In der Werkstatt werden zunächst die Rohlinge herausgeschmiedet. Die Klinge ist noch zwei, drei Millimeter dick. Nach dem Feinschmieden sind es nur noch 0,6 bis 1 Millimeter. Jetzt wird die Klinge in Form geschliffen, damit man beim Härten nicht so viel Material abnehmen muss.

Die Klinge kommt nun in den Härteofen, wird auf 850 bis 1100 Grad erhitzt, wobei genau auf die Farbe des Stahls beim Erhitzen geachtet wird. Es folgt das Abschrecken in Hydrauliköl: "Der Stahl bleibt so geschmeidiger", weiß Karolj Vecernjes. Nächster Schritt ist die Begradigung der Klinge, gefolgt von der Endhärtung im Ofen bei 170 bis 220 Grad, bei der die Sprödigkeit genommen wird. Am nächsten Tag wird eventuell noch der Richthammer geschwungen, ehe die Klinge mit dem japanischen Wasserschleifstein und anschließend an Keramikbändern geschliffen wird. In der Plisternmaschine gibt es allein noch neun Polierdurchgänge mit immer feinerer Körnung, wird die Klinge nochmals oberflächenbehandelt. Nun müssen die Griffbacken angepasst und die Griffe eingesetzt werden. Sie liegen am Ende noch zwei Tage in Öl, werden aufpoliert und erhalten eine Wachspolitur, so- dass sie auch für Gastronomen geeignet sind. Komplettiert wird die Arbeit schließlich durch genau dazu passende Ledertaschen.

Am Ende ist ein kleines Kunstwerk entstanden. Ein Albmesser, das möglicherweise in eine Sterneküche wandert oder aber in die Vitrine eines Sammlers. Wichtig ist es Janosch und Karolj Vecernjes, dass jedes ihrer Messer, ganz gleich zu welchem Preis es verkauft wird, auch funktionstüchtig ist. Zehn Messer-Grundformen haben sie entwickelt, zuletzt ein Messer, das sie "Albmesser" nennen. Mit ihm kann man genauso gut Zwiebeln schälen wie Fische filetieren, ein Allrounder also, der mittlerweile das meist verkaufte Messer geworden ist: "Es ist aus der Praxis heraus entstanden", sagt Janosch Vecernjes, zu dessen Freunden auch der Ehestetter Simon Tress zählt.

Kein Kunde wird die Werkstatt mit einem neuen Messer verlassen, ohne über die richtige Pflege aufgeklärt worden zu sein, und das nachdrücklich. "Das ist so wichtig wie die Gebrauchsanweisung bei einem Auto", so der 31-Jährige.

Wie man sein Albmesser scharf halten kann, erfahren die Käufer, werden etwa über Fehler beim Abziehen aufgeklärt, auf die Unterschiede von Wetzstein und Wetzstahl. "Sie sollen möglichst lange Freude an unseren Messern haben", so Janosch Vecernjes.

Schmuckstücke sind die Damastmesser, die aus 168 Schichten hauchdünnen Damaststahls bestehen und bis zu 3000 Euro kosten. "Die Industrie kopiert nur das Design", weiß er.

Um ein Volldamastmesser herzustellen, sei große Erfahrung nötig, damit es dünn, filigran und leicht wird. 80 bis 100 Arbeitsstunden braucht es, ehe ein Damastmesser mit seinen typischen Wellenlinien fertiggestellt ist.

Nicht alle Messer sind natürlich so teuer. Ambitionierte Hobbyköche werden auch für weniger als 100 Euro in Bernloch ein passendes Messer finden. Janosch und Karolj Vecernjes sind bis Jahresende fast ausgebucht, zumal sie auch noch bei drei Messen in Kiebingen (22./23. November), Ulm ("Handgemacht" 15./16. November) und Stuttgart (13. und 14. Dezember) vertreten sein werden.

Am Freitag wurden Vater und Sohn übrigens mit dem dritten Platz beim Innovationspreis der Kreissparkasse ausgezeichnet (wir berichteten).

Info Informationen zur Manufaktur von Janosch und Karolj Vecernjes im Internet: "www. albmesser.de"

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