Im Herbst weiß man mehr

Rund 150 Gomadinger waren zur Bürgerversammlung gekommen, um sich über das Thema Windkraft zu informieren. In der Gemeinde gibt es drei Vorranggebiete, die genau unter die Lupe genommen werden.

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Die Bürger, hier Förster Robert Greiner, beteiligten sich rege an der Windkraftdiskussion. Foto: Maria Bloching

"Wer hätte im Februar 2011 daran gedacht, dass Gomadingen sich einmal mit dem Thema Windkraft beschäftigen darf und muss", sagte Bürgermeister Klemens Betz am Donnerstagabend in der Sternberghalle. Betz präsentierte sich im Rahmen der Bürgerversammlung als Befürworter des Ausstiegs aus der Atomenergie, dem ein Einstieg in die erneuerbare Energiegewinnung folgen müsse.

Die Gemeinde Gomadingen hat diesen schon vor einiger Zeit vollzogen: Im vergangenen Jahr wurde Strom aus Wasserkraft mit rund 21 000 Kw/h für etwa 20 bis 25 Haushalte, rund 17 000 Kw/h aus Biogas und 610 000 Kw/h aus der Sonne gewonnen. Mit dem Blockkraftheizwerk des Sternberg-Hallenbades wird nicht nur das Wasser erwärmt, es kann auch das halbe Feriendorf beheizt werden. "Bestes Beispiel ist unsere Holzhackschnitzel-Heizanlage für die Sternberghalle, die Schule und den Jugendclub. Rund 34 000 Liter Heizöl können hier gespart werden", rechnete Betz vor. Etwa 3 000 Raummeter Holz wird jährlich von der Gemeinde an die Bürger verkauft, das entspricht rund 600 000 Liter Heizöl oder 6 Millionen Kw/h Strom.

Laut Windenergieerlass soll nun auch in Gomadingen aus Wind Strom erzeugt werden, doch das wird laut Bürgermeister Betz "eine verdammt schwierige Geschichte". Klar sei, dass es nicht wirklich eine Alternative gebe und dass der Ausbau von Windenergie vorangetrieben werden müsse. Ohne einen breiten gesellschaftlichen Konsens seien die Vorgaben der Bundes- und Landesregierung jedoch nicht umsetzbar.

Die Akzeptanz in der Bevölkerung ist durchaus da, wie Umfragen zeigen. Auch in Gomadingen gibt es zahlreiche Befürworter, trotz vieler Vorbehalte gegenüber Planverfahren, Bau und Betrieb, die an diesem Abend zur Sprache kamen. Von den insgesamt 20 Vorranggebieten im Regionalverband (Landkreise Reutlingen, Tübingen, Balingen) liegen allein 18 im Landkreis Reutlingen, die meisten davon auf der Albhochfläche. In der Gemeinde Gomadingen sind es die Gebiete "Hart" mit 43 Hektar, "Plaun" mit rund 86 Hektar und "Alter Hau" mit rund 40 Hektar, auf denen mindestens 15 Windkraftanlagen gebaut werden könnten.

Allerdings können laut Joachim Zacher vom Regionalverband Neckar-Alb "Ausschluss- und Abwägungskriterien nicht wegdiskutiert werden". Er benannte den Abstand zu allgemeinen Wohngebieten und zu Horsten des Rotmilans, weiterhin das Nachttiefflugsystem der Bundeswehr und Radaranlagen. Die Bundeswehr hätte signalisiert, ihre Flughöhe hundert Meter nach oben zu verlegen: "Damit hätten wir dann in Gomadingen keine Probleme mehr".

Dr. Claudius Müller vom Landratsamt Reutlingen betonte die Notwendigkeit eines schlüssigen Gesamtkonzepts. Die Gemeinde hätte es selbst in der Hand, eigene Ausschlusskriterien zu definieren, es sei durchaus möglich, zum Beispiel in Teile von Landschaftsschutzgebieten einzugreifen. "Allerdings fallen die wirklich interessanten Gebiete wohl aufgrund der naturschutzrechtlichen Abstandsregelung weg", räumte Müller ein. "Die Tendenz zeigt, dass wohl auf unserer Gemarkung Gomadingen die Gewinnung von Windenergie zwar möglich, aber wohl recht schwierig umzusetzen wäre", zog Bürgermeister Betz ein Resümee.

Die Bürger zeigten sich diskussionsfreudig, hielten weder mit kritischen Bemerkungen noch mit Hinweis auf die Notwendigkeit der regenerativen Energiegewinnung hinterm Berg. Landtagsabgeordneter Karl-Wilhelm Röhm (CDU) gab zu bedenken, dass Windkraft auch Speicherkapazitäten erforderlich mache, eine Besucherin aus Lonsingen regte an, das ganze Thema intensiv zu hinterfragen: "Das ist hier wie bei einer Tupperware-Verkaufsveranstaltung. Deckel drauf und einfrieren", kritisierte sie insbesondere die beiden Vertreter vom Biosphärenwindpark Klaus Saiger (Fair-Energie Reutlingen) und Roland Heinrich (Sowitec Sonnenbühl), die sich für eine Bürgerbeteiligung aussprachen."

"Die Region soll etwas davon haben", betonte Saiger. Eine Anlage koste rund vier bis fünf Millionen Euro und soll mindestens 20 Jahre betrieben werden. Deshalb komme es natürlich auf Wirtschaftlichkeit an.

Die zentrale Frage sei, so Heinrich, "woher der Wind weht". Man gehe davon aus, dass es durchaus beplanbare Flächen in der Region gebe, nun gelte es, optimale Standorte zu finden. "Nur wenn viele günstige Faktoren zusammenkommen ist es möglich, hier in der Region einen Windpark zu betreiben", machte Heinrich klar. Windmessungen und Ertragsanalysen seien Voraussetzungen für eine Umsetzung, zwischen Planung und Bau könnten durchaus drei bis fünf Jahre liegen. Um eine entsprechende Wirtschaftlichkeit zu erreichen, lautet seine Devise: "Je höher desto besser".

Bürger taten Befürchtungen hinsichtlich einer Beeinträchtigung des Landschaftsbildes und somit des wachsenden Tourismus kund, meinten aber auch: "Wenn wir die Energiewende wollen, müssen wir das akzeptieren. Und wenn der Standort stimmt, dann eben auch vor der Haustür". Eine Besucherin wollte "lieber Windräder als ein Endlager", ein Bürger bat um "Bürgerverträglichkeit".

Städteplaner Clemens Künster beschrieb die Möglichkeiten für die Gemeinde, durch den Flächennutzungsplan Vorschläge über mögliche Standorte zu unterbreiten. Bis Oktober werden wohl erste Untersuchungsergebnisse vorliegen, dann könnte eine Einspeisung von Kriterien und eine vernünftige Abwägung erfolgen.

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