Heute Urteilsverkündung

Heute ist Urteilsverkündung im Prozess um die Messerattacke. Die Anklage forderte sieben Jahre Haft wegen versuchtem Mord und Totschlag. Die Verteidigung plädierte auf gefährliche Körperverletzung.

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So gegensätzlich die Anträge der Prozessparteien, so unterschiedlich die Wertung der Vorkommnisse während der diesjährigen Trochtelfinger Straßenfasnet. Wie alle Jahre, verwandelte sich auch im Februar die Innenstadt in ein riesiges Festgelände. Partygänger feierten und begossen dort bis in die frühen Morgenstunden die Weiberfasnet. Ein 26-Jähriger aus Hörschwag überlebte die Nacht nur mit Glück. Er erlitt einen 14 Zentimeter tiefen Messerstich in den Nacken. Nur durch Zufall wurden dabei keine lebenswichtigen Blutgefäße verletzt. An den körperlichen und insbesondere an den psychischen Folgen der Attacke leidet er bis heute.

Die Attacke selbst, sei das Resultat einer regelrechten "Eskalationsspirale" gewesen, die der Angeklagte selbst in Gang gesetzt habe, ist sich Staatsanwältin Henriette Unsöld sicher: Nach einem Rempler, flog zum ersten Mal eine Faust. Der Getroffene rief den Angeklagten zu Hilfe. Der habe den vermeintlichen Schläger aus der Hörschwager Narrenzunft gestellt, ihn an der Gurgel gepackt und ihm bedeutet: "Ich stech deine Mutter und deine ganze Familie ab."

Der so Bedrohte revanchierte sich mit einem kräftigen Faustschlag ins Gesicht des Angeklagten. Diesen Faustschlag zu rächen, habe sich der damals 19-Jährige vorgenommen, so Unsöld. Zu diesem Zweck habe er das Fest verlassen, aber nur, um von zu Hause ein 23 Zentimeter langes Küchenmesser zu holen. Er habe damit nur eine "Show" abziehen wollen, erklärte sein Verteidiger Peter Zoll, auch um die zusammenstehende Gruppe auf Abstand zu halten.

Dieser Interpretation widersprach jedoch die Staatsanwältin, hätten Zeugen seine damalige Verfassung doch als "wütend" und "auf 180" beschrieben. Vielmehr, so Unsöld weiter, habe der Angeklagte den Moment abgewartet, als sich eine Gruppe von vier Personen zu Fuß auf den Heimweg gemacht habe. Wortlos sei er den Hörschwagern hinterher gerannt. Den Angriff des Angeklagten mit erhobenem Messer, konnte der Bruder des späteren Opfers noch abwehren, den folgenden Messerstich erlebte der 26-Jährige als dumpfen Schlag.

Für Unsöld ein heimtückischer, aus Rachegelüsten getriebener Angriff von hinten, der die Arg- und Wehrlosigkeit der Opfer in Tötungsabsicht vorsätzlich ausgenutzt habe. Diese Umstände begründen die nun verschärfte Anklage wegen versuchten Mords in Tateinheit mit versuchtem Totschlag, samt gefährlicher Körperverletzung.

Nach Jugendstrafrecht hält Unsöld eine Haft von sieben Jahren für angemessen. Zuvor entkräftete die medizinische Sachverständige Adina Schweickhardt, die Version des Angeklagten, wonach der Stich in die "hochgefährliche" Halsregion bei einem Gerangel mit folgendem Sturz passiert sei, als "unplausibel". Die Verletzung deute auf eine ausholende Bewegung hin, geführt mit "deutlicher Energie".

Zweifel säte Schweickhardt auch an den Angaben des Angeklagten, er sei in jener Nacht erheblich betrunken gewesen und habe vor der Tat zudem zwei Nasen Kokain konsumiert. Ein nachträglicher Alkoholtest brachte keine Klarheit, nur geringe Spuren von Kokain deuten entweder auf eine sehr geringe Dosis oder auf einen länger zurückliegenden Konsum hin. Die Gerichtsmedizinerin geht nach Zeugenschilderungen, von einer "deutlichen Enthemmung" des Angeklagten zur Tatzeit aus, nicht jedoch von einer erheblich eingeschränkten Steuerungsfähigkeit.

Der Verteidiger Peter Zoll hielt fest, dass der Angriff seines Mandanten offen stattfand und daher nicht als heimtückisch gewertet werden könne. Vielmehr erkennt er, wie auch seine Anwaltskollegin Sabine Höfner, einen strafbefreienden Rücktritt vom Versuch des Totschlags: "Er hat den Angriff nicht fortgesetzt, obwohl er es konnte." Es handle sich daher lediglich um eine gefährliche Körperverletzung, was ein Strafmaß "deutlich unter der Forderung der Staatsanwaltschaft" nach sich ziehen müsse.

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