Erinnerung wird inklusiv

|
Vorherige Inhalte
  • Das Autorenteam des in leichter Sprache verfassten Begleitbands für den Katalog der Gedenkstätte „Grafeneck“ vom AK Selbstbestimmung der Lebenshilfe Reutlingen (von links): Jörg Tröster, Frank Bakos, Rolf Rathfelder, Thomas Geprägs, Brigitte Edelmann, Matthias Braun, Angelika Lotterer, Detlef Hartwig sowie Franka Rößner und Sebastian Priwitzer von der Gedenkstätte. 1/2
    Das Autorenteam des in leichter Sprache verfassten Begleitbands für den Katalog der Gedenkstätte „Grafeneck“ vom AK Selbstbestimmung der Lebenshilfe Reutlingen (von links): Jörg Tröster, Frank Bakos, Rolf Rathfelder, Thomas Geprägs, Brigitte Edelmann, Matthias Braun, Angelika Lotterer, Detlef Hartwig sowie Franka Rößner und Sebastian Priwitzer von der Gedenkstätte. Foto: 
  • Das Ausstellung im Infozentrum ist nun auch durch Audio-Guides zugänglich. 2/2
    Das Ausstellung im Infozentrum ist nun auch durch Audio-Guides zugänglich. Foto: 
Nächste Inhalte

Mehr als 20 000 Besucher kommen alljährlich in die Gedenkstätte Grafeneck, die mit ihrer Arbeit an jene 10 654 Menschen erinnert, die von den Nationalsozialisten dort von Januar bis Dezember 1940 ermordet wurden, und über die historischen Zusammenhänge informiert. Und mehr als 400 Gruppen haben sich im vergangenen Jahr für eine Führung angemeldet. Zwei Ziele verfolgt die Gedenkstätte: Zunächst steht natürlich die Erinnerung an die Opfer im Vordergrund. „Es geht darum, diese Menschen mit Hilfe ihrer Namen wieder ein Stück  weit sichtbar zu machen“, erklärt Gedenkstellenleiter Thomas Stöckle. Neben der eigentlichen Gedenkstätte ist 2005 mit Fördermitteln des Bundes sowie der Baden-Württemberg Stiftung ein Informations- und Dokumentationszentrum entstanden, das mit Hilfe einer Dauerausstellung an die Opfer erinnert und die Geschichte des Euthanasieprogramms der Nationalsozialisten vorstellt.

Die Palette der Besucher ist breitgefächert. „Natürlich war die Ausstellung nie nur für eine bestimmte Zielgruppe konzipiert“, sagte Stöckle. Allerdings zeigte die praktische Erfahrung im Verlauf der ersten Jahre, dass die von Historikern erstellten Ausstellungstexte sowie natürlich der dazugehörige Katalog „nicht ganz einfach zu verstehen sind“. Der Grund liegt auf der Hand, denn viele komplexe Inhalte wurde informativ verdichtet präsentiert. „Das haben wir zum Teil selbst erkannt und es wurde auch von außen an uns herangetragen“.

Den Ausschlag für das 2014 gestartete Projekt „Barrierefreie Gedenkstätte“ gab ein Student der PH Ludwigsburg-Reutlingen, der in seiner Abschlussarbeit Grafeneck aus sonderpädagogischer Sicht untersucht hatte. Fazit: „Die Gedenkstätte ist von Menschen ohne Behinderung für Menschen ohne Behinderung gemacht worden“, wie sich Stöckle im Gespräch mit unserer Zeitung erinnerte. „Das wollten wir mit Hilfe eines Projekts ändern“. Die Gedenkstätte betrat damit Neuland, denn unter den deutschen Gedenkstätten gibt es noch keine Ansätze zu einer Integration der Sonderpädagogik.

Von Anfang an war klar, dass die Barrieren nicht völlig zu beseitigen sind, aber es ging darum, sie zumindest abzusenken, verdeutlicht Stöckle weiter. Dazu holte sich die Gedenkstätte neben der PH Ludwigsburg-Reutlingen auch ein Team des „AK Selbstbestimmung“ der Lebenshilfe Reutlingen ins Boot: Menschen mit einem Handicap, die selbst am besten beurteilen konnten, ob die von Projektmitarbeiter Sebastian Priwitzer entworfenen Texte den Ansprüchen an „leichte Sprache“ genügten, mithin also gut zu verstehen waren. Die von Priwitzer verfassten Texte wurden dem Autorenteam des AK bei den zweiwöchentlichen Treffen im Reutlinger Kaffeehäusle vorgelegt. „Es waren immer wieder ein paar Wörter drin, die wir nicht verstanden haben“, erzählt Brigitte Edelmann unserer Zeitung – und in ihrer Anmerkungen waren sich die Mitglieder des AK einig. In Verbindung mit der Arbeit an dem Begleitband haben die AK-Mitglieder auch die Gedenkstätte besucht. „Das war heftig“, erinnert sich Edelmann und „es ist schlimm, wie man früher mit uns Behinderten umgegangen ist“, ergänzt ihre Kollegin Angelika Lotterer. Die Arbeit an dem Buch habe ihr Spaß gemacht und auch Edelmann bestätigt das. Das Ergebnis sei „viel besser“ als der normale Katalog und vor allem „auch gut für die Menschen in den Wohnheimen in Grafeneck“, ist sich Edelmann sicher.

Doch das für die Dauer von zwei Jahren vom Bund und dem Land mit insgesamt 250 000 Euro für Personal- und Sachkosten geförderte Projekt war natürlich nicht auf den Begleitband beschränkt, sondern sollte auch die Ausstellung leichter zugänglich machen. Das ist mit Hilfe einer zusätzlich erarbeiteten Hörversion gelungen. Dafür stehen jetzt Audio-Guides zur Verfügung. Zudem hat die Gedenkstätte ein neues Seminarangebot für inklusive Gruppen oder beispielsweise Förderschulen geschaffen, das mittlerweile zehn Prozent des Gesamtangebots einnimmt. Der vierte Bereich, nämlich die Erschließung des Geländes durch ein Leitsystem, war nicht mehr zu realisieren, so Stöckle. Allerdings wurde ein Faltplan erstellt, der eine leicht verständliche Übersicht ermöglicht.

Seiten und eine CD umfasst der Begleitband zum Ausstellungskatalog der Gedenkstätte Grafeneck. Er wurde unter Mitwirkung eines Autorenteams des „AK Selbstbestimmung“ erstellt.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Edler Wettstreit um das schönste Fest

Das Münsinger Ehepaar Pamitsch nimmt mit der Goldenen Hochzeit an der VOX-Reality-Show „Vier Hochzeiten und eine Traumreise“ teil. weiter lesen