Die eigenen Leute bombardieren sich mit Handgranaten

Am 23. Juni 1915 liegt der schwerste Sturm, den er je erlebt hat, hinter Ludwig Bückle. Jeder der Soldaten suche nach einem "inneren Halt".

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Laut Berichten in den Zeitungen, geht es bald dem Ende zu. Ludwig Bückle bleibt kritisch: "Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube." Am 7. April 1915 schreibt er: " Am Sonntag war Feldgottesdienst in der Division. Dabei habe ich wieder verschiedene Landsleute getroffen. Für die Feldgeistlichen ist es heute nicht leicht, das Evangelium zu predigen und den lieben Herrgott um den Sieg anzuflehen. Unsere Gegner tun wahrscheinlich das gleiche und so weiß unser Herrgott nicht, wem ers recht machen soll. Da wird es schon das beste sein, er hält es mit den starken Bataillonen."

Für den nächsten Sturm sollen Gasflaschen eingebaut werden, Bückle hält nicht viel von diesen neuen Kampfmitteln. 17. Juni 1915: "In den Sappenköpfen wird Tag und Nacht miniert. Die Pioniere behaupten, sie seien mit ihren Stollen schon unter dem feindlichen Graben. Es ist ganz unheimlich, dass die Infanteristen wirklich Zwei-Zentner-Minen vorschaffen zu den Minenwerferstellungen, es scheint, dass diesmal an der Munition nicht gespart werden wird. 23. 06. 1915: Das Gröbste wäre wieder hinter mir, es war so ziemlich der schwerste Sturm, den ich bis heute mitgemacht habe. Am Sonntag ging der Tanz los und zwar ohne dass ich mit meinen Leuten vorher abgelöst wurde. Von morgens 3.30 Uhr bis 8.50 Uhr, also 5 Stunden lang trommelten unsere Geschütze und Minenwerfer auf den französischen Graben los. Dass gleich in der ersten halben Stunde einige Schüsse zu kurz gingen in den eigenen Graben, dass wir gleich zum Auftakt 4 Tote und einige Verwundete hatten, war kein guter Anfang. Unsere schweren Minenwerfer schleuderten ihre Zwei-Zentner-Minen ununterbrochen in die feindliche Linie. Mit unheimlichem Getöse krachen die Einschläge Schlag auf Schlag. Die feindliche Artillerie blieb natürlich nichts schuldig und schoss ebenfalls wie wahnsinnig. Dicht zusammengedrängt hockten wir in unseren Löchern und mussten dieses Erdbeben 5 Stunden lang über uns ergeben lassen, sodass wir zuletzt die Minute herbeisehnten, bis es endlich herausging. Bei vielen Leuten wollten schon die Nerven nicht mehr gehorchen. Die Glieder fingen an zu zittern wie beim Veitstanz. Etliche hatten auch ihr Gebetbüchlein in der Hand und versuchten auf diese Weise ihr seelisches Gleichgewicht zu erhalten. Ich wurde zuletzt selber von dieser Unruhe angesteckt und erinnerte mich auch wieder an Sprüche und Liederverse, die wir einst in der Schule gelernt hatten. In solchen Augenblicken sucht eben jeder nach irgendeinem inneren Halt. Nur an zwei Stellen in unserem Regimentsabschnitt, ebenso bei Regiment 127, war der erste Anlauf geglückt und konnte in feindlichem Graben Fuß gefasst werden. Ein erbitterter Kampf tobte an den Anschlussstellen. Die dumpfen Schläge der Handgranaten beherrschen den Kampflärm. Immer wieder versuchen unsere Leute, die zäh vom Feinde verteidigten Grabenstücke aufzurollen. Ich war den ganzen Tag mit meinen 2 MG in Bereitschaft ohne eingreifen zu können. Nachts wurde mir dann an so einer brenzligen Stelle ein Platz angewiesen, wo die Gewehre bei einem evtl. Gegenangriff flankierend eingreifen konnten. Denn die eroberten Grabenstücke mussten unter allen Umständen gehalten werden. Es ist viel schwieriger in einer eroberten feindlichen Stellung ein Gewehr einzubauen, wie in einem neu angelegten Graben. Ähnlich wie auf den alten Belagerungsbildern aus dem 70er Krieg die Artilleriestellungen und Erdwerke zu sehen sind, so waren hier aus Faschinen und Körben Schanzen und Brustwehren aufgebaut und zwischen diesen Befestigungswerken unauffällig eingebaut, steckten die Blockhütten und MG-Nester drin. Ein Labyrinth von Laufgräben und Brustwehren machte die Stellung ganz unübersichtlich. Daher kam es auch vor, dass bei uns zwei Sturmtrupps in der Hitze des Gefechts sich gegenseitig mit Handgranaten bombardierten. Dieses Missverständnis kostete uns 5 Tote und 13 Verwundete".

Im Laufgraben von Ludwig Bückle werden Schwerverwundete transportiert. Eine Schinderei. "Wie oft kommt es vor, dass der Verwundete in seiner Zeltbahn rasch niedergelegt werden muss, wenn eine feindliche Mine in bedrohliche Nähe kommt und alles in Deckung gehen muss. Das heißt, eben auch zu den Verwundeten in die Grabensohle sich hinkauern. Beim Regiment 127 sind auch die Musiker als Krankenträger eingesetzt. Ich sehe zufällig meinen Landsmann H. D., wie er in Schweiß gebadet einen Schwerverwundeten helfen zurücktransportiert. "Gelt Hans", rufe ich im zu, "das ist anders wie Promenadenmusik machen". "Frog me et", war seine kurze Antwort.

Während der Nacht ist es etwas ruhiger, wenn auch an den Anschlussstellen der Handgranatenkampf einige Mal aufflackert. Das rechts von 127 außerhalb dem Wald liegende preußische Landwehrregiment hat ohne viele Verluste die feindliche Stellung bekommen und noch dazu die meisten Gefangenen gemacht." Die Vorbereitungen hätten diesmal zu lang gedauert. " Dadurch haben die Franzosen Zeit bekommen, sich für den bevorstehenden Sturm zu rüsten . . . Es ist jetzt gerade, als hätte man in ein Wespennest hineingestochen. Die ruhigen Tage sind jetzt vorüber. Gegen Morgen ging dann das Artilleriefeuer wieder los. Wahrscheinlich werden die Franzmänner alles versuchen, ihren Graben wieder zurückzugewinnen. Gottlob bin ich dann abgelöst worden. Es ist doch etwas schönes, wenn wir zurückkommen und haben eine gemütliche wohnliche Hütte, wo man sich wieder als Mensch fühlen kann."

Erlebnisse, die den Nachkommen eine Lehre sein sollen

August 1914. Die Mobilmachung läuft, vier Jahre später sind 17 Millionen Menschen tot, die "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts" verändert die Welt. Ludwig Bückle schildert, wie er als Soldat den Krieg erlebt. Spätere Generationen, schreibt er, sollen aus dem "unsinnigen Völkermorden" eine Lehre ziehen. Sein Tagebuch veröffentlichen wir in Auszügen.

SWP

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