Die Arbeit im Grünen genießen

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Sie wohnen ab vom Schuss. Früher, als auf der nahen Panzerringstraße noch Hochbetrieb herrschte, wäre diese Bezeichnung ganz unschön doppeldeutig gewesen. Nach der Verwandlung des öden Militärgeländes in ein Muster-Biosphärengebiet klingt es nach Ruhe und Abgeschiedenheit. Tatsächlich wohnen Gerhard und Hildegard Brändle sehr idyllisch. Dreihundert Meter liegen zwischen ihrem Aussiedlerhof und Auingen, von Münsingen trennen sie wenige Kilometer.

Wenn sie aus dem Fenster blicken, sehen sie in der Ferne die beiden Kirchtürme inmitten der roten Dachlandschaft. Felder und Wiesen, die für die Alb so typischen Wacholderheiden  erstrecken sich rund um ihr Anwesen, der Himmel, so scheint es, ist hier draußen unendlicher als anderswo. Für Gerhard Brändle ist die weitläufige Gegend der Arbeitsplatz.  „Im Märzen der Bauer die Rößlein einspannt ...“ , heißt es ja in einem uralten Volkslied. „Er pflüget den Boden, er egget und sät und rührt seine Hände früh morgens und spät.“ Auch wenn heutzutage ein moderner Maschinenpark zur Verfügung steht, so wird von den Bauern dennoch viel abverlangt. Nach den Wintermonaten, in denen Fortbildungen und Versammlungen der Berufsverbände, Büroarbeit und Instandsetzungen auf dem Plan standen, beginnt nun wieder die Feldarbeit. Je nach Witterung wird gedüngt und gesät. Rund um den Schweinemastbetrieb Brändle gedeihen Weizen und Gerste, Silomais und Triticale, eine Mischung, die ausschließlich verfüttert wird. Jetzt kommt es darauf an, den richtigen Zeitpunkt zu erwischen. Der Boden darf nicht zu nass und nicht zu trocken sein. „Täglich höre ich den Agrarwetterbericht“, sagt Gerhard Brändle. Das Klima ist ausschlaggebend. „Wenn es wochenlang nicht regnet, sinkt der Ertrag. Das hat massive wirtschaftliche Auswirkungen.“

Tauschen möchte er dennoch nicht. Wenn er frühmorgens auf dem Traktor sitzt, noch der Morgennebel sanft auf den Feldern liegt und die ersten Sonnenstrahlen sich den Weg durch die Wolken bahnen, empfindet er das als sehr wohltuend. Noch mehr,  wenn im Radio minutenlang die Staumeldungen runtergeleiert werden. Viele Älbler sind  auf dem Weg in die Ballungsräume. Der Arbeit wegen.

Diese Unabhängigkeit. Diese Arbeit in der Natur, das ist es tatsächlich, was Bauern am meisten schätzen. Vor wenigen Tagen hat Gerhard Brändle eine Schulung der Berufsgenossenschaft zum Thema Sicherheit in Nürtingen besucht. „90 Prozent meiner Kollegen haben auf eine entsprechende Frage diesen Vorzug genannt.“

Der Verfall der Preise, viel Schufterei, kaum Freizeit. Entweder die Bauern jammern oder sie sind wegen Massentierhaltung und ausgelaugten Böden der Kritik ausgesetzt. Viel zu selten hört man: „Ich mache diesen Beruf gerne, weil ich den Umgang mit Tieren mag und lieber draußen als drinnen bin.“ Aber genau hier setzt Gerhard Brändle an.

Dass er den Hof von seinen Eltern übernommen hat, der Vater ist schon 1962 ausgesiedelt, die Schweinemast ist seit 1985 Haupteinnahmequelle, bedeutete für ihn keinen Zwang. Das Gegenteil ist der Fall. Er selbst gehörte schon zu einer neuen Generation, die sich Freiräume geschaffen hat. Urlaub? Selbstverständlich. Seine Frau Hildegard hat er in Schottland kennengelernt, zusammen waren sie in Südafrika, Brasilien, vielen europäischen Ländern. Christoph, ihr ältester Sohn, der als Wirtschaftsingenieur in Holzgerlingen arbeitet, springt  ein, wenn Not am Mann ist, oder die beiden Töchter Johanna und Barbara, Ärztinnen in Tübingen und Stuttgart, schnuppern wieder Landluft. Verlassen können  sich die Brändles auch auf ihren Praktikanten. Aktuell ist es ein junger Mann aus Samarkand, der ein Jahr lang die schwäbische Landwirtschaft von Grund auf kennenlernt, dieses Wissen später in Usbekistan umsetzen kann. Hildegard Brändle ist eine Winzerstochter aus dem Kraichgau. Schon als Kind hat sie im Wengert mitgeholfen – beim Pflanzen, beim Schützen, beim Ernten. „Diese Arbeit“, sagt sie, „die nimmt keine Kraft, die gibt einem Kraft“. Wenn man etwas gerne macht, „dann ist Schaffen nie eine Last“. Sie kann das, was sie sagt, psychologisch untermauern.

Ein Blick auf ihren Lebenslauf:  Nach der Schulzeit geht sie für eineinhalb Jahre als Aupair-Mädchen nach Kanada, sie lernt Zahnarzthelferin, möchte in Nürtingen studieren. Durch die Heirat wird die Familie ihr Schwerpunkt. Nicht ausschließlich, denn in Münsingen absolviert sie eine Ausbildung in Hauswirtschaft, die sie als Meisterin abschließt. Weil sie schon immer den Umgang mit Menschen geliebt hat, folgt ein weiterer Beruf: Sie besucht das Evangelische Bauernwerk in Hohebuch und wird Landwirtschaftliche Familienberaterin. Gelehrt werden unter anderem die Grundhaltungen der „Personenzentrierten Gesprächsthe­rapie“  nach Carl Rogers. Hildegard Brändle: „Wenn man den Menschen versteht, dann entwickelt dieser Kräfte, um die Situationen zu meistern.“

Sie kommt auf viele Höfe und wird nicht selten mit Problemen konfrontiert, die sich durch ein oberflächliches und zeitlich begrenztes Eingreifen nicht lösen lassen. Oft sind es Verhaltensmuster, die von Generation zu Generation weitergegeben werden. Sie wendet sich der Psychologie zu. Die Lehre von Viktor E. Frankl interessiert sie brennend, dieses uneingeschränkte Ja zum Leben.  Sie studiert bei Professor Dr. Wolfram Kurz am Institut für Logotherapie und Existenzanalyse in Tübingen. Es folgt eine Ausbildung  am Hamburger Institut für Wertimaginative Logotherapie bei Professor Dr. Böschemeyer und in  „Logotherapeutischer Paarberatung“ bei  Dr. Renate Mrusek in Reutlingen.

Vertrauen als Grundlage

Kaum hatte Hildegard Brändle  ihre Praxis auf dem Aussiedlerhof eröffnet, wurde ihr auch schon die Tür eingerannt. In bäuerlichen Familien hatte es sich schnell herumgesprochen, dass sie sich auskennt und nicht „von außen“ auf die Verhältnisse schaut. „Sie wissen, dass man sie versteht.“ Vertrauen ist eine wichtige Grundlage für ihre Arbeit. Interessant ist, dass es bei den Gesprächen viel um Generationenkonflikte, um Schwierigkeiten in der Partnerschaft oder um finanzielle Engpässe geht, aber Depressionen oder Burnout eher eine untergeordnete Rolle spielen. Im Gegensatz zu jenen Klienten, die in der Stadt leben. Bei ihnen ist Vereinsamung häufig ein Thema. „Auch leiden sie mehr unter Angst- und Panikattacken.“ So ihre Erfahrung.

Das Wachsen und Gedeihen

Egal, welcher Hintergrund herrscht, Farbe ins Leben bringt die Natur. Raus ins Grüne, Bewegung, frische Luft. Ein kleiner Spaziergang, eine ausgedehnte Wanderung. Hauptsache, „der Kopf wird frei und der Geist durchlüftet. Das ordnet viel“, sagt Hildegard Brändle auch bei ihren Vorträgen. Sie selbst ist leidenschaftliche Gärtnerin. „Das verbindet mich mit dem, wo ich herkomme“, erklärt sie. „Es erdet mich.“ Wenn ihre Rosen aufblühen und einen betörenden Duft verbreiten, dann ist das die schönste Belohnung. „Man sieht das Wachsen und Gedeihen. Die Natur ist ein Kraftspender. Sie bringt Zufriedenheit und Erfüllung.“ Ludwig van Beethoven hat diese Erkenntnis in Worten zum Klingen gebracht: „Gehe hinaus in die schöne Natur und beruhige Dein Gemüt über das Müssende.“  

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