Die Alb mit anderen Augen sehen

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Wie lässt sich Heimat herstellen? Für ihre Erkundungen auf der Vorderen Alb als Teil des LTT-Projekts „Theaterwerkstatt Schwäbische Alb“ im Raum Engstingen setzt Maja Das Gupta gerne auch mal das Fahrrad als Verkehrsmittel ein.  Foto: 

Eine Entdeckerin ist derzeit auf der Vorderen Alb unterwegs: Die Theaterautorin und Literatin Maja Das Gupta begleitet im Auftrag des LTT Tübingen die drei Akteure der „Theaterwerkstatt Schwäbische Alb“, die in Engstingen unter der Überschrift „Verschwinden“ eine Reihe von Projekten und Aktivitäten auf die Beine stellen (wir haben berichtet). Vier Wochen Zeit hat Das Gupta, die Mitte Mai auf der Alb eingetroffen ist, um die Arbeit des Künstlertrios schreibend zu erfassen sowie ihre Entdeckerrolle auf der Suche nach spannenden Geschichten aus der Region mit Leben zu füllen.

„Eine der Fragen, die im Fokus steht, ist, wie sich Heimat herstellen lässt“, erzählt Das Gupta im Gespräch mit unserer Zeitung. Ihre Arbeit begreift sie als Prozess mit offenem Ergebnis. „Es geht darum, hier auf der Alb zu sein und die Region kennen zu lernen, um herauszufinden, wie die Menschen hier leben“. Dabei sieht sie sich in der Rolle eines „Albschreibers“ – analog zu den in größeren Städten oftmals etablierten Stadtschreibern. Dahinter steckt der Wunsch, die im Alltag oftmals kaum noch im Detail wahrgenommene Heimat einmal mit den Augen eines Fremden zu sehen. So ist sie zum Beispiel auf das Thema Religion gestoßen – und möchte herausfinden, inwieweit die früheren Unterschiede zwischen Katholiken und Protestanten noch heute in Engstingen eine Rolle spielen. Heimat ist sicherlich mehr als nur der Ort an dem man lebt. So hat ihr ein aus Nordeutschland stammender älterer Mann erzählt, dass er zwar seit vielen Jahrzehnten in Engstingen lebt, aber dort nie richtig angekommen sei. Solche Gespräche und Berichte sind es, die ihr die Themen liefern für die Auseinandersetzung mit der Region. Hier wiederum setzt das Thema Heimat an: Wie definiert sich der Ort, den Menschen als Heimat empfinden? Für den einen mögen dies die Menschen sein, die er seit seiner Kindheit kennt, für die anderen ist es die Landschaft oder „der blaue Himmel“ – der nirgends so blau ist wie zu Hause. Als spannend empfindet sie auch die Frage, wie sich junge Leute verhalten – möchten sie als Erwachsene weiter hier leben oder möglichst rasch wegziehen?

Ganz nebenbei haben sie die ersten Begegnungen mit den Engstingern bereits zu einer Erzählung inspiriert. Ein Förster, der im Sterben liegt, lässt in seinen Erinnerungen die Geschichten seines Lebens vorbeiziehen. „Das gehört allerdings nicht zu meinem Auftrag“, lacht sie.

Ganz anders dagegen die als Projekt geplante Entwicklung eines Mini-Dramas mit den Siebtklässlern der Waldorfschule. In Verbindung mit ihrer Arbeit für die LTT-Theaterwerkstatt wird sie zudem die Ergebnisse der Projektarbeit des Künstlertrios in literarisch-beobachtender Form festhalten. Trotz ihrer Anbindung an die Theaterwerkstatt ist sie  „völlig frei für eigene Beobachtungen“, freut sich Das Gupta. Ihr Wunsch ist es, einen nachhaltigen Prozess in Gang zu setzen. So etablierte sich in Verbindung mit ihrem Aufenthalt in Winterlingen beispielsweise eine Hörspiel-AG am Gymnasium in Ebingen.

Im Alltag der Wahlberlinerin selbst bleibt Heimat aus beruflichen Gründen oft eher eine Randnotiz: So hat sie im vergangenen Jahr lediglich zwei Monate in der Hauptstadt gelebt. Vier Monate führte sie die Erarbeitung des Stücks „Eiland“ an das Theater in Augsburg, zwei Monate verbrachte sie nordwestlich von Münster – ein Literaturstipendium der Stiftung Künstlerdort Schöppingen hatte sie dorthin geführt – und einen Monat lang lebte sie auf der Alb. Dazu kam ein weiterer München-Aufenthalt als Beobachterin beim NSU-Prozess – für den SWR hat sie dazu das Hörspiel „Weil Deutschland doch ein Rechtsstaat ist“ geschrieben.

Info In der Salzgrotte in Engstingen findet am Dienstag, 30. Mai, 17 Uhr, eine Lesung mit Maja Das Gupta statt. Sie trägt Texte mit Bezug zur Alb vor. Infos unter Telefon (01520)37 335 37.

Maja Das Gupta ist freie Literatin, Theaterautorin und Hörspielproduzentin. Sie hat am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig (Dramatik und Prosa) sowie an LMU in München (Neuere Deutsche Literatur) studiert. Ihre Stücke waren eingeladen zum Berliner Stückemarkt, dem Wochenende der Jungen Dramatik an den Münchner Kammerspielen, den Schillertagen in Mannheim und den Autorentagen des Wiener Burgtheaters. Sie hat mehrere Hörspiele für Radio Bremen, den SWR, Radio Brandenburg und Deutschlandradio verfasst. Für das Staatstheater Darmstadt hat sie „Auf die Straße“ geschrieben, zudem stammen die Stücke „Die dünne dicke Frau“, „Bitter, bitter, bitter“ und „Logbuch: Sex“ sowie „Kerims Nase“ aus ihrer Feder. rot

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