Rauschtrinken: Motive und Gefahren

Riedlingen.  Die Bedeutung des Themas "Alkoholmissbrauch unter Jugendlichen" zeigte sich bei einer Veranstaltung in Riedlingen auch an der großen Zahl der Zuhörer. Dabei stand vor allem die Prävention im Mittelpunkt.

Dass Rauschtrinken als neue Form der Freizeitgestaltung, aggressives und gewalttätiges Verhalten Jugendlicher auch vor dem Landkreis Biberach nicht Halt machen und besorgniserregend seien, nannte Landrat Dr. Heiko Schmid als Motiv, Initiative zu ergreifen. Es gehe nicht darum, den Alkohol zu verbieten, sondern um Aufklärung, Bewusstseinsschaffung und Prävention. Der Jugendschutz solle wieder verstärkt im Mittelpunkt stehen. Riedlingens Bürgermeister Hans Petermann freute sich auch über die Anwesenheit von Jugendlichen zu dem Vortrag und begrüßte das Verkaufsverbot von hochprozentigem Alkohol ab 22 Uhr ab dem neuen Jahr.

Die kommunale Suchtbeauftragte des Landkreises Biberach, Isabel Felder, beleuchtete die Frage, was Jugendliche zum Rauschtrinken veranlasst und die sozialen Aspekte des Rausches. Als Rolle des Alkohols in der Pubertät gab sie "Spaß haben und genießen" an, das Gefühl, erwachsen zu sein, die Kontaktaufnahme zum anderen Geschlecht, die Cliquenzugehörigkeit, die Problembewältigung, Abbau von Druck, Bewältigung von Stress, Protest, das Finden eines persönlichen Stils, Demonstration von Unabhängigkeit, den Entzug elterlicher Kontrolle. Zu beobachten sei eine Zunahme des frühen Beginns von Alkoholkonsum bei Mädchen. Während Jungen Bier und Spirituosen bevorzugten, tränken Mädchen lieber Sekt, Wein oder Mixgetränke, allerdings nehme auch hier das Konsumieren von Spirituosen zu.

Zu den gesellschaftlichen Veränderungen führte sie nicht nur die leichte Verfügbarkeit von Alkohol auf, die Beschleunigung und Grenzenlosigkeit des Alltags, auch dank Internet, die Verlockungen durch die Darstellung in der Werbung und den Medien allgemein.

Als Handlungsempfehlungen nannte sie Eindeutigkeit im eigenen Handeln, Vorbildfunktion, die Definition von Grenzen, Verständnis für die Schwierigkeiten der Pubertät zu entwickeln, Handlungsalternativen anzubieten, negative Auswirkungen und Risiken zu thematisieren, Unterstützung bei der Entwicklung eines guten Selbstwertgefühls und Selbstbewusstseins zu gewähren.

Professor Harald Rau, Diplom-Psychologe, Psychotherapeut und Vorstandsvorsitzender der Zieglerschen Anstalten erinnerte daran, dass es Alkohol schon 5000 Jahren vor Christus gegeben habe, besorgniserregend sei die Entwicklung von Alkoholgenuss bei Jugendlichen als Feierkultur. Die Verbindung von Feiern, Kneipe und Alkohol hinterlasse Spuren im Gehirn. Wenn Menschen immer wieder in einer bestimmten Situation Alkohol zu sich nähmen, entwickle sich ein Schlüsselreiz für den Alkohol. Diese Verbindung gelte es zu durchbrechen. Die größere Toleranz gegenüber dem Alkoholkonsum, die geringere Hemmschwelle und die soziale Akzeptanz, die Verfügbarkeit und den günstigen Preis sah er als Gründe für erhöhten Alkoholkonsum an, wobei vor allem die genossene Menge und der frühe Einstieg in das Trinken beängstigend seien.

Privatdozent Dr. Christian von Tirpitz ging auf die medizinischen Aspekte von akutem Rausch und chronischem Alkoholismus ein und nannte zuerst eine erschreckende Zahl: 14 Jungen und Mädchen wurden in diesem Jahr bislang allein in der Kreisklinik Riedlingen mit einer Alkoholvergiftung und einem Promillegehalt zwischen 2,5 und vier behandelt.

Er zeigte die akuten Folgen von Alkoholgenuss auf, von der Verringerung der Reaktionsfähigkeit ab 0,3 Promille, über Gleichgewichts- und Sprachstörungen ab einem Promille bis hin zu Muskelerschlaffung, Verwirrtheit ab zwei Promille und dem totalen Lähmungsstadium bis zur Gefahr des Atemstillstands ab drei.

Dass warme und süße alkoholische Getränke schneller ins Blut gehen, aber auch kohlensäurehaltige, ließ er wissen. 95 Prozent des Alkohols werde über die Leber abgebaut. Bei chronischem Alkoholmissbrauch sei Leberzirrhose als Folge "für uns Alltag." 60 Prozent dieser Erkrankung sei alkoholbedingt. Die Verringerung der Hirnsubstanz bis hin zur Demenz könnten Folgeerscheinungen sein. Außerdem wies er darauf hin, dass es "schwere, nicht wieder gutzumachende Schäden beim Kind" gibt, wenn Schwangere Alkohol genießen.

Dass bei den meisten Jugendlichen ein Aufenthalt in der Klinik nach dem "Komasaufen" prägend ist, wurde in der Diskussion deutlich, alle Alarmglocken läuten müssen, wenn es "kein Wochenende mehr ohne Alkohol gibt", bei Problemen Beratungsstellen kontaktiert werden sollen, Prävention schon im Kindergarten beginne und es für Jugendliche eindrücklich sei, wenn Betroffene von sich in Schulklassen berichten würden.


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Autor: WALTRAUD WOLF | 01.12.2009

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