„Windmonster“ mit 230 Metern Höhe

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Die allermeisten Mörsinger wollen keine Windenergieanlagen in ihrer direkten Nachbarschaft und verdeutlichten dies bei der Infoveranstaltung am Donnerstagabend auch.  Foto: 

Im Tautschbuch südlich des kleinen Zwiefalter Ortsteils Mörsingen ist die Errichtung eines Windparks geplant. Fünf gewaltige Windräder sollen sich ab Ende 2019, wenn die gesteckten zeitlichen Ziele eingehalten werden können, drehen, eines davon auf Mörsinger Markung, die vier weiteren auf der Fläche des ehemaligen Munitionsdepots Pflummern, das zu Riedlingen zählt.

Am Donnerstagabend hatte die jüngst gegründete Windenergie Tautschbuch GmbH – Projektpartner sind der Stromerzeuger EnBW, die Reutlinger Fair Energie sowie der Mörsinger Biosphärenhof St. Josefsgut von Johannes Traub – nach Mörsingen ins Dorfgemeinschaftshaus zur Infoveranstaltung eingeladen, zum zweiten Mal in diesem Jahr. Das machte durchaus Sinn, gab es doch Änderungen zu den seinerzeit vorgestellten Plänen.

Kritik am Bürgermeister

Wie nicht anders zu erwarten platzte das Dorfgemeinschaftshaus aus allen Nähten. Und es sollte auch in Mörsingen zu emotional geprägten Äußerungen kommen. Nicht nur die anwesenden Mitarbeiter von Fair Energie und EnBW bekamen dabei ihr Fett ab, auch Bürgermeister Matthias Henne geriet ins Fadenkreuz der Windkraftgegner, die die große Mehrheit der Besucher der Veranstaltung ausmachten, weil er in der Öffentlichkeit von einem gestörten Dorffrieden gesprochen hatte. Die Windenergiethematik habe die Bürger eher noch zusammengeschweißt, musste er sich sagen lassen. Gemeinderat Siegfried Waidmann unterstrich dies: „Es gibt zwar auch welche, die für die Windanlagen sind, aber der Dorffriede ist überhaupt nicht gestört“. Er nehme das so mit, erklärte Henne, entschuldigte sich für seine Aussage.

Michael Hubmann von der EnBW hatte bei der neuerlichen Projektvorstellung erneut keinen leichten Stand, wurde gegen seinen Wunsch immer wieder durch Zwischenfragen unterbrochen. Im Juni sei die Windenergie Tautschbuch GmbH gegründet worden, informierte er. Die Windmessungen, die ein Jahr liefen, seien abgeschlossen, man befinde sich in der Genehmigungsvorbereitung. Die beiden erstellten Gutachten hätten durchschnittliche Windgeschwindigkeiten von 6,1 beziehungsweise 6,14 Metern pro Sekunde ergeben: „Das ist ein Wert, mit dem man etwas anfangen kann“, so Hubmann.

Neu im Vergleich zur ursprünglichen Planung ist der Anlagentyp, der im Tautschbuch aufgestellt werden soll. Es handelt sich um Senvion 3,4 M-Windenergieanlagen „der neuesten Generation“. 160 Meter betrage die Nabenhöhe, 140 Meter der Rotordurchmesser, was eine Gesamthöhe von 230 Metern ergebe. Damit ist die Anlage um 12 Meter höher als die ursprünglich vorgesehene.

Das ergibt auch einen höheren Energieertrag von nun rechnerisch rund 46 Millionen Kilowattstunden im Jahr, was etwa 12 000 Haushalte mit Strom versorgen kann. Die neue Anlage ist zwar höher, aber leiser als die zuerst vorgesehene Variante. Die Senvion weise einen Emissionswert von 104 statt 107 dB(A) auf. Den Standort im ehemaligen Munitionsdepot nannte Hubmann ideal. Es gebe bereits versiegelte Flächen, breite Straßen. Die Kranstellflächen würden 3600 Quadratmeter groß sein, die Fundamente 400 Quadratmeter beanspruchen und 3,2 Meter tief in die Erde reichen. Temporär müsste eine Fläche von 2175 Quadratmetern gerodet werden.

Entscheidende Bedeutung haben die immissionsschutzrechtlichen Aspekte, führte Hubmann aus. Ende November werde das Landratsamt Biberach entscheiden, ob ein großes oder kleines Umweltverträglichkeitsverfahren nötig sei. Gutachter hätten bereits untersucht, welche Vögel und Fledermäuse im Planungsgebiet vorkommen. Es gebe ein Rotmilandichtezentrum. Im Gebiet selber brüte kein Milan, aber er Mäusebussard. Die Milane würden nicht im Bereich der Anlagen jagen, sondern über den Wiesen und Feldern Richtung Donau.

„Umweltverbrechen“

Mit der Visualisierung der neuen Anlagen endete Hubmanns Vorstellung und es begannen die teils sehr emotionalen Wortmeldungen. Er sei extra aus Berlin nach Mörsingen gezogen wegen der Abgeschiedenheit und Schönheit hier, und jetzt solle die ganze Landschaft verschandelt werden, meinte ein aufgebrachter Neubürger und sprach von großer „Dreistigkeit, mit der das Umweltverbrechen durchgezogen wird“. Dieses sei nun mal politisch gewollt, entgegnete Günter Stumpfnagel von der Fair Energie. Der Ausstieg aus der Atomenergie sei beschlossen worden und jetzt müsse man sich eben Gedanken machen, woher die Energie künftig kommen solle. „Aber nicht aus dem windschwächsten Bundesland“, meinte ein Zwischenrufer.

Achtzig Prozent der Mörsinger wollten keine Windenergieanlagen, betonte eine Bürgerin. Siegfried Waidmann orakelte, dass die Anlage jedes Jahr um 20 Meter höher werde, monierte mangelnde Verlässlichkeit. „Für wie dumm halten Sie die Mörsinger“, rief eine aufgebrachte Frau, zielte auf die Visualisierung. Die grünen Tübinger hätten keine Standorte, nur die dummen Älbler. Wenn die „Windmonster“ stünden, würden die Preise für die Immobilien in den Keller sinken, war zu hören.

Drohungen erhalten

Zu Wort meldete sich auch Johannes Traub, der betonte, dass es ihm darum gegangen sei, dass Investoren aus der Region hinter dem Projekt stünden,a ls klar war, dass dieses nicht zu verhindern war: „Ich wollte, dass das in geregelten Bahnen läuft“. Traub berichtete von massiven Drohungen, die er bereits erhalten habe, dabei sei doch noch längst nicht klar, ob die Anlagen überhaupt gebaut werden: „Da gibt es so viele Fragezeichen, die Milane, die Strompreise und mehr.“

Günter Stumpfnagel dankte nach gut zweieinhalb Stunden für die teilweise hitzige, aber doch auch faire Diskussion. Er verstehe die Befürchtungen und Bedenken, sehe sie in den Gesichtern.

Vier der fünf geplanten Anlagen im geplanten Windpark Tautschbuch liegen auf Gemarkung der Stadt Riedlingen, eine Anlage auf Gemarkung von Zwiefalten. Das Areal befindet sich insgesamt südlich von Mörsingen und nördlich von Pflummern. Die Riedlinger Flächen, ehemals Standort des Munitionsdepots, gehören der Gemeinde und über ForstBW dem Land. Die Zwiefalter Anlage wird auch auf Gemeindegrund stehen. Bis auf den Standort der Zwiefalter Anlage werden alle Flächen forstwirtschaftlich genutzt. Das Areal auf Riedlinger Gemarkung ist im Regionalplan der Region Donau-Iller als Vorranggebiet ausgewiesen. Die Planungen für die Anlage auf Gemarkung von Zwiefalten basieren auf § 35 BauGB. Die Windverhältnisse sind eine entscheidende Größe, die über die Eignung eines Standortes für die Windenergie entscheidet. Um hier möglichst sichere Informationen zu bekommen, hat die Windenergie Tautschbuch GmbH von Juni 2016 bis Juni 2017 Windmessungen mit einem LiDAR-Gerät durchgeführt. Nach Abschluss der Windmessung sind die  Messdaten von einem externen Fachgutachter ausgewertet worden. Die Messungen haben eine durchschnittliche Windgeschwindigkeit von 6,14 m/s auf Nabenhöhe ergeben. Für den Windpark waren ursprünglich Anlagen vom Typ Vestas 136 vorgesehen. Jetzt sehen die Planungen jetzt fünf Anlagen des noch effizienteren Typs Senvion 3.4 M mit einer Nabenhöhe von 160 Metern und einem Rotordurchmesser von 140 Metern vor. Der Energieertrag steigt mit diesem Anlagentyp um rund 3 Millionen Kilowattstunden pro Jahr.
Neben den Gutachten zu den Windverhältnissen werden avifaunistische und faunistische Erhebungen ebenso wie Schall- und Schattenwurfgutachten erstellt. So haben Fachgutachter bereits von März bis August 2017 analysiert, welche Vögel und Fledermäuse im Planungsgebiet vorkommen. Der neue Anlagentyp Senvion 3.4M weist Tautschbuch GmbH einen Emissionswert von 104,2 dB(A) auf. Für den Anschluss ans Netz der insgesamt 17 MW Leistung ist das Umspannwerk in Riedlingen vorgesehen. Dort wird der Strom ins Hochspannungsnetz der Netze BW eingespeist. ab

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