"Oh mein Gott, Anna"

Die erste Szene ist noch harmlos. Aber am Ende herrscht blankes Entsetzen. Anna wird in Grafeneck ermordet. Ihren Lebensspuren folgten gestern rund 630 Münsinger Realschüler in der Zehntscheuer.

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    Sie zeigen Szenen aus dem kurzen Leben von Anna Lehnkering: Sascha Braun, Raphael Hiefer, Gina Stein, Anna-Lena Schöpflin, Laura Kloker, Manuela Weinreuter und Alexander Goral. Fotos: Gudrun Grossmann
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Münsingen - Euthanasie und der Völkermord im Dritten Reich stehen in den 9. und 10. Klassen auf dem Lehrplan. Die Fragen nach dieser Zeit sind längst vorher da. So macht es Sinn, dass an einem Gedenktag an die Opfer auch jüngere Schüler einbezogen werden. In der Gustav-Mesmer Realschule haben sich auf Anregung von Geschichtslehrerin Karen Marenke vier Schüler darüber Gedanken gemacht und das Buch "Annas Spuren" von Sigrid Falkenstein in vier Szenen auf die Bühne gebracht. Ein Schicksal stellvertretend für Hunderttausende, die getötet und vergessen wurden.

Raphael Hiefer, Sara Gotterbarm, Tabea Ludwig und Gina Stein hätten jetzt ellenlange Dialoge schreiben können, aber wer hört dann noch zu? Also beleuchten sie Eckpunkte im Leben von Anna Lehnkering, zeigen wie sie vorgeführt, wie über sie geurteilt wird. Eine Chance hatte sie nie. Der erste Arzt stellt sie vor dem Schulbesuch ein Jahr zurück, weil sie laut ihrer Mutter "ein bisschen langsamer" und ängstlich ist. Vielleicht werde es besser, sie sei ja noch sehr schwächlich, gibt er aufmunternd auf den Weg. Als sie 16 Jahre alt ist, wagt sie es kaum aufzusehen. Wieder urteilt ein Arzt über sie. Diesmal lautet die Diagnose: Schwachsinn - nach ein paar schwachsinnigen Tests. Im Bericht wird der Befund notiert: "Sie hat eine Verlangsamung der Auffassung und ist unfähig selbständige Denkoperationen durchzuführen."

In den nächsten zwei Jahren lebt sie in der Obhut ihrer Familie. Inzwischen sind die Nationalsozialisten an der Macht. 1934 tritt das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses in Kraft. Die Folge: Mehr als 400 000 Menschen werden bis 1945 zwangssterilisiert. Anna ist ein Opfer dieser sogenannten "Rassenhygiene". Wieder traut sie sich nicht den Menschen in die Augen zu schauen, die ein Urteil über sie fällen. Der Richter ist kurz angebunden. Er ordnet die "Unfruchtbarmachung" an. Die Nachkommenschaft müsse verhütet werden, "damit das deutsche Volk nicht unter diesen Belastungen leiden muss".

Die nächste Stufe in den Wahnsinn ist die "Aktion T4", die organisierte Massenvernichtungsaktion. Auf der Bühne sind jetzt nur noch eine Krankenschwester und Anna, die nicht versteht, was mit ihr geschieht. Ihre Sachen werden hastig in einen Koffer gepackt. "Du wirst verlegt, endlich," wird sie angeblafft. Sie werde das bekommen, was sie verdiene. "Anna Lehnkering, erblich schwachsinnig" - ein Zettel klebt auf ihrem Rücken, als sie aus der Tür geschoben wird, wie ein Stempel, der ihr die letzte Würde nimmt.

Von den Rheinischen Kliniken Bedburg-Hau wird sie am 6. März 1940 in das mehr als 500 Kilometer entfernte Grafeneck auf der Alb verlegt. Es wird die letzte Reise der 24-Jährigen. Mit ihr werden weitere 456 Menschen in einem abgedunkelten Sonderzug in den Tod geschickt. Endstation ist Marbach. Von dort fahren Busse hinauf nach Grafeneck, wo in den Gaskammern systematisch gemordet wird.

Lehrerin Manuela Weinreuter (sie spielt für die erkrankte Tabea Ludwig) sitzt auf einem Stuhl und faltet einen Brief auseinander. Der Mutter von Anna wird mitgeteilt, dass ihre Tochter "unerwartet am 23. April 1940 infolge einer Bauchfellentzündung verstorben ist". Bei ihrer schweren unheilbaren Erkrankung sei dies eine Erlösung für sie. "Auf Anweisung der Ortspolizei musste aus seuchenpolizeilichen Erwägungen heraus die Verstorbene sofort eingeäschert werden." Es geht nur noch darum, wo die Urne "mit den sterblichen Überresten der Heimgegangenen" hingeschickt werden oder ob sie gebührenfrei anderweitig beigesetzt werden soll. Die Mutter schaut ins Leere: "Oh mein Gott, Anna."

Allein in Grafeneck wurden innerhalb eines Jahres 10 654 Menschen getötet. Eine unfassbare Zahl. Die Münsinger Realschüler haben gestern von Anna Lehnkering erfahren, einem Mädchen, das nicht leben durfte. Wenn sie im Unterricht das Thema NS-Euthanasie vertiefen werden, wird sie gegenwärtig sein. Wer ihren Spuren folgen und die ganze Geschichte erfahren will, kann sie nachlesen - in "Annas Spuren". Ein empfehlenswertes Buch für alle, die gegen das Verdrängen und Vergessen sind.

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