„Ich verstehe nicht, warum ich angeklagt bin“

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Das Landgericht Tübingen. Foto: Archiv

In der Nacht vom 27. auf den 28. Dezember vergangenen Jahres soll eine Frau in einer Trochtelfinger Wohnung ab 22 Uhr gebissen, geschlagen, gekratzt und verletzt worden sein. Ein Nasenbeinbruch, jede Menge Hämatome am ganzen Körper und auch im Gesicht habe das Opfer aufgewiesen, nachdem sie – so die Anklage gegen einen 46jährigen Trochtelfinger – um etwa 5 Uhr 30 in der Frühe es endlich geschafft habe, die Polizei zu rufen. Mehrfach soll die Frau in dieser Nacht auch vergewaltigt worden sein, wie Oberstaatsanwalt Dr. Thomas Trück verlesen hatte. Bevor jedoch schließlich Polizeibeamte auftauchten, habe der Peiniger laut Anklage das Opfer gezwungen, auf ein Blatt Papier einen Text zu schreiben. Darin hieß es, dass die Frau sich aus freien Stücken auf den „wilden“ Sex eingelassen habe.

Nach den Worten des 46-Jährigen, der gestern vor der Zweiten Großen Strafkammer des Landgerichts Tübingen seine Aussage machte, seien diese Sexspiele freiwillig gewesen und sogar von der Frau ausgegangen. „Sie hatte mich gefragt, ob wir ‚wilden‘ Sex miteinander haben sollen“, so der Angeklagte. Was sich das Gericht denn unter diesem Begriff vorzustellen habe, fragte die vorsitzende Richterin Diana Scherzinger. So einiges, berichtete der Angeklagte. Das habe vom Beißen, Kratzen, bis zu Anal- und Oralverkehr gereicht – bei Letzterem habe die Frau dem Mann kräftig in den Penis gebissen.

„Das hat sehr weh getan“, sagte der 46-Jährige. Und das sei auch der Grund gewesen, warum er seinen eigenen Worten nach „überreagiert“ habe: „Ich weiß, dass man Frauen nicht schlägt, das tut mir auch leid“, so der Angeklagte. Wie oft er zugeschlagen habe, wohin, und wie er sich das gebrochene Nasenbein des Opfers erkläre – daran könne er sich beim besten Willen nicht mehr erinnern. „Ich bin Diabetiker, ich bin irgendwann eingeschlafen.“

Zu Beginn des Abends habe er zweimal mit der Frau geschlafen, natürlich völlig einvernehmlich, wie er betonte. „Sie fragte mich, ob wir Sex haben sollen.“ Das sei ja auch nicht das erste Mal gewesen – im Jahr 2016 habe er zehnmal mit der Frau geschlafen. „Immer wenn es ihr schlecht ging, hat sie sich bei mir gemeldet, dann kam sie und hat Wodka-Fanta getrunken.“ Sex hätten sie beide immer in Verbindung mit Alkohol gehabt, wobei die Frau stets diejenige gewesen sei, die kräftig gebechert habe.

Auch in der Tatnacht sei das so gewesen. Und weil der 46-Jährige 2001 schon einmal von genau dieser Frau wegen Vergewaltigung angezeigt wurde, habe er sich vor der Aufforderung zu „wildem“ Sex am 27. Dezember 2016 vergewissern wollen, dass es nicht wieder zu solch einer Anklage komme. Deshalb habe er zu der Frau gesagt, sie solle aufschreiben, dass sie sich freiwillig darauf einlasse.

Vor 16 Jahren sei die Verhandlung im Übrigen eingestellt worden, sagte der Angeklagte. Und in einem vermeintlich unschuldigen Ton berichtete der Angeklagte – ohne einmal einzuhalten erzählte und erzählte er – grundsätzlich tue er doch niemandem was Böses, dass er der Frau gedroht haben soll, er werde ihre Kinder umbringen, so wie es in der Anklage steht – das stimme ja von vorne bis hinten nicht. „Ich verstehe überhaupt nicht, warum ich hier angeklagt bin.“ Eines beteuerte der Mann obendrein: „An diesem Abend ging bei mir nicht so richtig was, ich war nicht in Stimmung“, sagte der 46-Jährige. Zur Stimulierung habe er Potenzmittel eingeworfen. Die Verhandlung wird am 3. Juli mit der Aussage des Opfers fortgesetzt – voraussichtlich unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

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