"Es ist der schönste Beruf der Welt"

Seit 1984 kümmert sich Dr. Hans Scheub um die Gesundheit der Gomadinger. "Landarzt ist für mich ein toller Beruf, den ich jederzeit wieder ergreifen würde", sagt Scheub. Trotz veränderter Rahmenbedingungen.

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Für Dr. Hans Scheub war die Stelle in Gomadingen Anfang der 80er Jahre ideal: Der junge Arzt wollte "ganz bewusst aufs Land", wie er betont, und kannte die Alb von seiner fachärztlichen Ausbildung zum Allgemeinmediziner am Münsinger Kreiskrankenhaus. Die Gemeinde Gomadingen wiederum war auf dem Weg zum Luftkurort und musste als eine Voraussetzung dafür eine Arztpraxis am Ort nachweisen. Und so wagte Scheub 1984 den Schritt in die Selbständigkeit. Der Arztsitz war natürlich von der Kassenärztlichen Vereinigung ausgeschrieben und doch zeigten sich nicht alle Kollegen in der Umgebung begeistert von der neuen Konkurrenz. Zunächst hatte Scheub Praxisräume angemietet und diese für rund 120 000 Mark mit Mobiliar und medizinischen Geräten eingerichtet.

Der Arztberuf war damals im Vergleich zu heute wesentlich freier. Das Ausmaß der Bürokratie und der Umfang der Reglementierungen haben immens zugenommen, bilanziert Scheub. "Die Bürokratie ist ein Ärgernis für alle Ärzte. Das ist aber politisch gewollt", betont er. Obendrein sei damals die finanzielle Seite eindeutig gewesen: "Wir wurden für die Leistungen bezahlt, die wir erbracht haben, ohne Deckelung".

Zunächst seien die jüngeren Leute zu ihm gekommen, erinnert sich Scheub, der bald schon eine Zusatzausbildung für Naturheilverfahren absolviert hat. "Ohne dies würde mir die Medizin nur halb so viel Spaß machen, denn es ergänzt den ohnehin schon ganzheitlichen Ansatz des Allgemeinmediziners", erläutert Scheub. "Später habe ich mir ein Grundstück im Ort gekauft und das Haus mit Praxis errichtet".

Für ihn spiegelt sich darin ein zentrales Element seiner Arbeit als Landarzt. "Ich will auch in dem Ort und den sozialen Strukturen leben, in denen ich arbeite". Ein Landarzt kenne seine Patienten sehr gut und dazu gehöre eben auch das Lebensumfeld. Die Verbindung zwischen Praxis und Wohnhaus erleichtere wiederum zum Beispiel den Nachtdienst. "Meine Frau stand immer hinter mir und hat mir den Rücken freigehalten", räumt der Vater von vier Kindern ein, "sonst hätte es nicht funktioniert".

Obwohl Scheub seinen durchschnittlichen Arbeitstag auf zwölf Stunden beziffert und einräumt, die "Bürokratie" am Wochenende zu erledigen, sagt er von sich, kein Arzt zu sein, der rund um die Uhr da ist. "Ich brauche meine Auszeiten", unterstreicht der Mediziner. Drei bis vier Mal im Jahr nehme er Urlaub, verreise, auch mal drei Wochen berichtet der Hobbyimker, der zudem gerne segelt und sich hin und wieder der Malerei widmet.

"Man muss sich ein Privatleben erhalten und eine gewisse Distanz zum Beruf wahren", empfiehlt er jungen Kollegen. Es sei keinesfalls so, dass der Arztberuf auf dem Land in der Gegenwart automatisch den Verzicht auf Privatleben oder die Teilnahme am kulturellen Leben bedeute. "Jeder kann das so gestalten, wie er es für richtig hält. Unser Beruf ermöglicht ein flexibles Leben". Sein Fazit: "Junge Leute sehen oft noch zu sehr den Landarzt alter Prägung".

Für viel entscheidender als den Zeitfaktor mit Blick auf das Problem, junge Ärzte als Nachfolger für Praxen auf dem Land zu gewinnen, hält Scheub das "schlechtere Image" der Hausärzte. Im Vergleich zu Fachärzten sei deren Ansehen oft geringer. Dabei handele es sich um einen hochqualifizierten Beruf. "Jeder Allgemeinmediziner ist ja ebenfalls Facharzt, und gerade auf dem Land der erste Ansprechpartner für Patienten, weil andere Ärzte räumlich weiter entfernt sind". Es sei eine hochqualifizierte Arbeit, die zum Teil weit über rein medizinische Fragen hinaus gehe. "Das macht den Beruf so unglaublich spannend. "Es ist der schönste Beruf der Welt", sagt Scheub, da er einem selbst einen Lebenssinn vermittle. Dennoch sei es unerlässlich, einen Mittelweg zischen Engagement und Distanz zu finden.

Das schlechte Image, das Hausärzte gerade auch in den Köpfen junger Medizinstudenten genießen, besteht nach Einschätzung von Scheub also völlig zu Unrecht. Hier stecke ein wichtiger Ansatzpunkt, wenn es darum gehe, verstärkt Nachwuchs für Praxen auf dem Land zu gewinnen. Zudem lasse sich heute der Alltag in der Praxis weitaus besser nach den eigenen Vorstellungen einrichten. Es seien Gemeinschaftspraxen möglich, auch der Nacht- und Wochenenddienst sei ja im Unterschied zu seinen Anfangsjahren längst geregelt. Auf der anderen Seite gehe dadurch natürlich ein Stück "Nähe" zum Patienten verloren. Dasselbe gelte natürlich auch für die derzeit von den Krankenkassen favorisierte leitlinienorientierte Medizin, die nicht mehr den Patienten sondern nur noch die Krankheit sehe. Scheub wertet dies als "ungute" Entwicklung.

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