„Eine Mischung aus Bösartigkeit, Gewalt und Sadismus“

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Historiker und Holocaust-Experte Dr. Gideon Greif sprach am Samstagabend im Truppen-Ton-Film-Theater zum Thema „Schicksal der deutschen Juden zwischen 1933 und 1943“.  Foto: 

Üblicher Weise füllt er mit seinen Vorträgen die Säle großer Weltstädte. Nach Münsingen brachte ihn jetzt seine Freundschaft mit Bürgermeister Mike Münzing und die von Rebecca Hummel organisierte Veranstaltungsreihe „Kultur-Religion-Zusammen(-Leben)“. Der israelische Historiker Gideon Greif gilt als Koryphäe in der Erforschung des Holocaust. Am Samstagabend sprach der ehemalige Leiter der Gedenkstätte Yad Vashem im Truppen-Ton-Film-Theater beim alten Lager vor einem leider nur schmalen Münsinger Publikum.

Darüber hinaus fiel auch das ursprünglich vorgesehene Thema des Vortrags, nämlich über den Umgang mit dem nationalsozialistischen Völkermord im Film, den Unwägbarkeiten des deutschen Bahnverkehrs zum Opfer: Schwierigkeiten mit der Anreise machten eine entsprechende Vorbereitung des Referats unmöglich. Gideon Greif sprach statt dessen über die Geschichte und das Schicksal der deutschen Juden zwischen 1933 und 1943.

Über die große Leinwand im Truppen-Ton-Film-Theater flimmerten daher am Samstag auch nicht Filmausschnitte, sie zeigte statt dessen viele historische Fotos, die Gideon Greifs Referat begleiteten. Fotos, die auch heute noch beim Betrachter Gänsehaut hervorrufen. Nicht, weil sie den tatsächlichen Horror des Völkermordes zeigen, sondern weil sie das zeigen, was auch Dr. Gideon Greif als das eigentlich wichtige und zentrale Thema des Antisemitismus der Nazizeit betrachtet: Die Demütigung und Erniedrigung, welcher die Juden in Deutschland ausgesetzt waren, und den zynischen Sadismus, mit dem das NS-Regime zunächst die Vertreibung der Juden aus Deutschland betrieb.

Vereine zur Selbsthilfe

Reichsweit, so Greif, holten die Nationalsozialisten schon am 1. April 1933 zum ersten Schlag gegen die deutschen Juden aus: Unter Parolen wie „Deutsche! Wehrt Euch! Kauft nicht bei Juden!“ riefen sie zum Boykott jüdischer Geschäfte auf. Auch öffentliche Bloßstellungen jüdischer Bürger und Schilder mit der Aufschrift „Juden sind hier unerwünscht“ ließen nicht lange auf sich warten. Gideon Greif illustrierte dies mit historischen Schreckensbildern: kahlköpfig, geprügelt und mit einem zynisch beschrifteten Pappschild um den Hals wird ein Rechtsanwalt durch Münchens Straßen getrieben, ungläubig steht der Kölner Jude Richard Stern, Veteran des Ersten Weltkriegs und Träger des eisernen Kreuzes, vor seinem boykottierten Geschäft.

Aber es kommt noch schlimmer – mit den Nürnberger Rassegesetzen 1935, mit der Arisierung 1936 (Verdrängung der Juden aus Handel, Gewerbe, Wohnungen, Häusern und Wissenschaft), und schließlich mit der Reichskristallnacht 1938. Bis dahin, so Greif, haben knapp die Hälfte der 525 000 deutschen Juden das Land verlassen.

Für jene, die – von Tag zu Tag mehr isoliert – noch da sind, wird „das Leben schon sinnlos“, fasste Greif zusammen, hob jedoch auch die couragierten jüdischen Bemühungen zur Selbsthilfe hervor: etwa die 1933 gegründete Reichsvertretung Deutscher Juden und den 1934 ins Leben gerufenen Kulturbund Deutscher Juden.

Knapp 80 Millionen Deutsche hingegen blieben passiv, waren „Zuschauer wie in einem Theaterstück“ bei den antisemitischen Aktionen, die mit einer schrecklichen „Mischung aus Bösartigkeit, Gewalt und Sadismus“ gegen Juden ausgeführt wurden. Greif präsentierte dazu eines der für ihn schlimmsten Fotos vom 10. November 1938 aus Baden-Baden. Es zeigt die in der Synagoge zusammengetriebenen Juden ohne die respektvolle Kopfbedeckung und den Vorleser mit einem Buch anstelle der Thora: „Mein Kampf“ von Hitler.

1000 Jahre jüdischen Lebens in Deutschland fanden 1943 ein Ende, resümierte Gideon Greif schließlich seinen fesselnden und fundierten Vortrag. Und „5000 Juden wurden gerettet, hauptsächlich in Berlin“, antwortete er auf die Frage eines interessierten Zuhörers. Er lächelt: „Das heißt, es gab auch 5000 mutige Menschen.“

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