"Der Mercedes der Minderheiten"

Schonungslos schoss sich das Kabaretttrio "Volksdampf" in Mehrstetten auf die 180 Besucher mit schwarzem Humor und Mundartmusik ein. Mit "Grüße aus dem Hinterhalt" traf es sein Ziel punktgenau.

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"Volksdampf" begeisterte in Mehrstetten mit dem Programm "Grüße aus dem Hinterhalt".  Foto: 

Das neue Programm der oberschwäbischen Kabarettisten Reiner Muffler, Lisa Greiner und Suso Engelhardt hat es in sich. Scheinbar ganz harmlos plätschert ihr Gespräch vor sich hin, doch plötzlich beißen sie sich fest, haken nach, werfen scharfsinnige Bemerkungen in den Raum und würzen ihre irrwitzigen Gedankengänge mit schrägem und subversivem Humor, der insbesondere vor konservativen Moralvorstellungen nicht Halt macht. Auch nach 32 Jahren Bühnenerfahrung hat "Volksdampf" weder an Esprit noch an Ideenreichtum eingebüßt.

Schon vor acht Jahren begeisterten die Akteure auf der Mehrstetter Kabarettbühne, das ist ihnen am Freitagabend erneut gelungen. Hier bewiesen sie, dass sie völlig zu Recht unter anderem im Jahr 2012 mit dem Kleinkunstpreis des Landes Baden-Württemberg ausgezeichnet wurden. Das Trio versteht es vorzüglich, Gegensätze mit subtiler verbaler und musikalischer Virtuosität aufzuzeigen, sie auseinanderzunehmen und neu zusammenzusetzen. Denn "mit Musik kriegt man normal jedes Publikum. Die geht direkt übers Ohr rein ins Dings. . ." Das ist nicht zu viel versprochen.

Lisa Greiner greift zur Geige, zur PC-Tastatur oder zum Glockenspiel, Reiner Muffler spielt auf seiner Folk-Gitarre oder auf dem Banjo, während Suso Engelhardt seinem aufgemotzten 70-Liter-Mülltonneninstrument die erstaunlichsten Rhythmen und Beats entlockt. Und natürlich singt das Trio perfekt zusammen, auch wenn die Erstklassigkeit ihrer Stimmen fast unter dem Gelächter der Kabarettbesucher aufgrund der Absurdität ihrer Texte untergeht.

Ist der Fortschritt der Menschheit ein Rückschritt für die Menschlichkeit? Ist die philosophische Grundfrage "Haben oder Sein" eindeutig zu beantworten und ist eine Stunde Lebenszeit für die Frisörin gleich viel wert wie für den Makler? Diesen und vielen anderen bedeutenden Fragen geht "Volksdampf" mit großer Akribie nach. Die Kabarettisten sprechen sich für Minderheiten aus, denen jeder Mensch ja doch irgendwie in irgendeiner Weise angehört. Beispiele sollen dies belegen: "Wenn ich sagen würde, die CDU in Baden-Württemberg ist ein korrupter, verlogener, reaktionärer Haufen. . .", gibt Suso im Konjunktiv zu bedenken und Lisa ergänzt: "dann wäre das ein Seitenhieb gegen eine Minderheit". Dabei müssen Minderheiten doch geschützt werden, so wie Schwule, quasi die "Mercedes der Minderheiten".

Als Kabarettisten kann man in der heutigen Zeit niemanden mehr in die Pfanne hauen, denn "mit einem eingeschnappten Moslem ist nicht gut Kirschenessen". Und die Exkremente der "rechten Bagage" nach dem Gestank zu sortieren, wäre ein Ding der Unmöglichkeit: "Auch wenn die NPD verboten wird - der Gestank ist trotzdem da".

Dass der Fortschritt nicht mehr aufzuhalten ist, daran hat an diesem Abend keiner mehr einen Zweifel. Der Mensch wird immer erreichbarer, der Extremsport immer extremer und in den Städten gibt es aufgrund der steigenden Demenz nun schon "Seniorenklappen". Geld regiert die Welt, doch was heißt überhaupt reich? "Reich sind nur die Bedürfnislosen, die Habgierigen sind arm". Schon die alten Griechen wussten dies. "Da könnten sich die neuen Griechen mal eine Scheibe davon abschneiden".

Also Haben oder Sein? "Jeder hat einen Arsch, mancher ist auch einer". Natürlich kommt auch der Hinterhalt nicht ohne das Thema Flüchtlinge aus. "Mitmenschen sagen, es gibt zu viele Flüchtlinge, Flüchtlinge sagen, es gibt zu wenig Mitmenschen". Doch manchmal schließt sich auch der Kreis der nachhaltigen Wirtschaft: "Flüchtlinge sind auf der Flucht vor deutschen Waffen und arbeiten später bei Heckler und Koch".

Sie singen von Schönheitsoperationen und dem Internetwahn, von doppelter Moral und Gewissensbisse. Als sie sich dann auf die Moral der Sportschützen einschießen und den Sachverhalt der Welt aus Sicht der eurasischen Kontinentalplatte darstellen, gibt es im Publikum kein Halten mehr. Ohne Frage: "Volksdampf" hat in Mehrstetten gezeigt, dass sie nach wie vor zu den besten Kabarettisten in Baden-Württemberg zählen.

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