Von "Königin Musica" bis zum Jazz
Zwiefalten. Einen guten Eindruck von Entstehung und Vielfalt des evangelischen Liedgutes vermittelte der Abendgottesdienst im Kapitelsaal. Solisten-, Musik- und Chorbeiträge verschmolzen mit dem Gemeindegesang.
Die Veranstaltung im Rahmen des 150-jährigen Bestehens der evangelischen Kirchengemeinde Zwiefalten richtete den Fokus auf die Entstehung des evangelischen Liedgutes seit der Reformation.
Pfarrer Roland Albeck und Bezirkskantor Stefan Lust führten mit eingängigen, informativen und kurzweiligen Texten in die kirchenmusikalischen Epochen ein, das Singen und Musizieren von Liedern bekannter Komponisten aus den entsprechenden Zeiten schuf den musikalischen Bezug zu den jeweiligen Jahrhunderten. Von Martin Luther über Paul Gerhardt und Matthias Claudius bis hin zu Textern und Komponisten heutiger Zeit wie Martin Gotthard Schneider reichte der klangliche Bogen, der die Gemeinde zu einem ausdrucksstarken Klangkörper werden ließ und den Abend zu einem beeindruckenden Erlebnis machte. Musikalisch umrahmt und begleitet wurde der stimmungsvolle Gottesdienst durch den evangelischen Kirchenchor unter Leitung von Lilly Kirschbaum-Müller, Stefan Lust und Sigrid Müller (Orgel), Peter Müller (Trompete) und Dietlinde Fleck (Violine). Karina Aßfalg( Sopran) und Susanne Biesinger (Mezzosopran) setzten mit Werken von Georg-Friedrich Händel glanzvolle Akzente.
Mit der Reformationszeit begann der Spaziergang durch die Musikgeschichte. Martin Luther hatte damals der "Königin Musica" einen Ehrenplatz eingeräumt. Die Reformation wurde nicht nur in Hörsälen sondern auch durch bebilderte Flugblätter und Melodien ausgebreitet: "Lieder und Bilder waren auch denen zugänglich, die nicht lesen konnten", verdeutlichte Pfarrer Albeck die Bedeutung des Kirchenlieds, welches auch durch Anwendung bei Arbeit und Freizeit ansteckende Kräfte verbreitete. Martin Luther, der ästhetische und wortgewaltigste Dichter seiner Zeit, hat biblische Texte aufs Wesentliche elementarisiert und den Anspruch erhoben, den ganzen Menschen in den Gottesdienst mit hineinzunehmen, was sich in seinen Liedern zeigte.
Ende des 16. Jahrhunderts begann die Zeit der Konfessionskriege, die Reformation splittete sich durch Mangel an charismatischen Führungspersönlichkeiten auf, Könige und Fürsten nutzten die konfessionellen Streitigkeiten aus.
Die Rückbesinnung auf die Heilige Schrift hat die Menschen in dieser, auch "lutherische Orthodoxie" genannten Zeit getragen, Lieder von Heinrich Schütz oder Cornelius Becker brachten die Sehnsucht nach Stütze, Halt und göttlicher Ordnung in einer unsicheren Welt zum Ausdruck. 1650, nach dreißig Jahren Krieg, Leid, Pest und Gewalt, begann die Spätzeit der lutherischen Orthodoxie und mit ihr ein Wandel in Text und Melodie. Das "Ich" tauchte in großem Stil auf, der Einzelne wandte sich Gott zu, Paul Gerhardt als wichtigster Vertreter dieser Epoche entdeckte Gott als Schöpfer in seinen Werken neu und nahm ihn als fürsorglichen Vater wahr.
Als Reaktion auf die zunehmend erstarrte Orthodoxie entstand der Pietismus als nächste Phase. In Zeiten der Verinnerlichung wurde Jesus als süßer und sanfter Heiland in unzähligen Liedtexten besungen, welche Entzückung und Freude zum Ausdruck brachten. Neben dieser schwärmerisch-romantischen Frömmigkeit mit verspielten Texten brachte diese Epoche aber auch kraftvolle und mitreißende Lieder hervor.
Die Zeit der Aufklärung ab Mitte des 18. Jahrhunderts brachte die kirchenmusikalische Entwicklung durch reduzierte Liturgien und Gottesdienste ins Stocken. Sittlichkeit und Tugend wurden mit Religion gleichgesetzt, der Kirchgang wurde zur sittlich-moralischen Erbauung. Texter wie Matthias Claudius und Christian Fürchtegott Gellert nahmen Gott als Schöpfer wahr und mahnten die Gesellschaft an, sich nicht so wichtig zu nehmen.
Das 19. Jahrhundert brachten als Neuerungen neben den Missionsliedern auch Liedersammlungen früherer Epochen zutage, die Umwälzungen nach dem ersten Weltkrieg mit Vergegenwärtigung der Reformationszeit brachte Liederbücher und Chorsammlungen hervor.
Nach 1960 begann der Aufbruch zum vielfältigen Gesang: Jazz, Spirituals, Protestsongs, Populärmusik sowie Erzähl- und Kirchtagslieder bereichern nun die Liederlandschaft, bis heute prägen verschiedene Glaubensrichtungen und Musikstile den Kirchengesang.
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Autor: HEIKE FEUCHTER | 09.03.2010
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Einen Spaziergang durch die Geschichte des evangelischen Liedgutes hat die Gemeinde in Zwiefalten unternommen. Foto: Heike Feuchter
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