Pack dir die Blumen in den Ofen

Region.  An drei Standorten in Deutschland wird in den kommenden Monaten erprobt, ob sich Heupellets als Heizmaterial eignen. Mit von der Partie ist die Alb. Gestern wurde das Projekt der Öffentlichkeit vorgestellt.

Fachleute weisen dem artenreichen Grünland eine wichtige Funktion für den Erhalt der Biodiversität zu, Spaziergänger und Wanderer freuen sich dagegen ganz einfach beim Anblick der Blumenwiesen auf der Alb. Auf bis zu 10 000 Hektar bezifferte Dr. Rainer Oppermann den Umfang dieser Flächen im Kreis Reutlingen. Er betreut im Institut für Agrarökologie und Biodiversität (IFAB) das gestern vorgestellte Projekt mit der sperrigen Bezeichnung "Praktische Erprobung von naturschutzkonformen Grünlandmanagementsystemen".

Dahinter verbirgt sich ein Zielkonflikt: Auf der einen Seite gibt es für das Heu aus den nicht intensiv genutzten Wiesen in der Landwirtschaft immer weniger Abnehmer, auf der anderen Seite jedoch sind die traditionell nur zwei Mal pro Saison gemähten Wiesen für den Erhalt der Artenvielfalt immens wichtig. Folglich wird eine Verwertungsmöglichkeit für den Heuschnitt benötigt.

Einen Ausweg bietet die energetische Verwertung des Heus in Form gepresster Pellets. Um das Projekt auf sichere Füße zu stellen, arbeitet Oppermann mit dem Kreisbauernverband und der Klimaschutzagentur und zusammen. Deren Geschäftsführer Jürgen Schipek hob die Möglichkeit hervor, "in der Region praktischen Klimaschutz zu betreiben" und schloss eine Konkurrenz zur Landwirtschaft aus.

Die Bedeutung des Grünlands als Futterlieferant nimmt ab, bestätigte auch der Kreisbauernverbandsvorsitzende Gebhard Aierstock. Ein Ausweg für Landwirte bietet die Verwertung des Grünschnitts in Biogasanlagen. Dies erfordert allerdings junges Gras, Blumen dürfen folglich erst gar nicht blühen. Viermal im Jahr wird daher in der Regel gemäht. Das führt jedoch sehr rasch zu einem Rückgang der Arten auf dem betreffenden Areal und unterläuft so den gewünschten Erhalt der Biodiversität. Rund 1000 Hektar Grünland werden im Kreis derzeit für die Belieferung von Biogasanlagen genutzt. Inzwischen werden auf 6000 Hektar von insgesamt 43 000 Hektar landwirtschaftlicher Fläche im Kreis Reutlingen Rohstoffe für die Erzeugung von mittlerweile zehn Megawatt Energie angebaut.

Das neue Projekt will nun den Klimaschutzaspekt mit dem Erhalt des Artenreichtums und einer Wertschöpfung für Landwirte verbinden, schilderte Oppermann den Ansatz. Landwirte, die sich beteiligen, erhalten für die Flächen nicht nur Zuschüsse aus dem MEKA-Programm des Landes (Marktentlastungs- und Kulturlandschaftsausgleich), sondern vor allem einen gleichbleibenden Preis für das Heu von 12 Euro pro Dezitonne, sagte Schipek. Die übliche Preisspanne schwankt dagegen stark und liegt zwischen sechs und 15 Euro. Zudem beeinträchtigt feuchte Witterung die Qualität der Pellets nicht, die Heuernte kann damit auch ohne mehrtägige Schönwetterperiode erfolgen.

Käufer wiederum sollen 200 Euro für eine Tonne Pellets bezahlen. Derzeit allerdings lässt sich das gepresste Heu nur in Großanlagen verfeuern. Schipek hofft daher auch auf kommunale Abnehmer.

Bundesweit wird das durch das Bundesamt für Naturschutz initiierte Projekt neben der Alb noch in zwei weiteren Modellregionen erprobt. Obendrein gibt es von dieser Seite laut Schipek "attraktive Fördermöglichkeiten" für die Erzeuger von Pellets und auf der Seite der Verwertung mit bis zu 50-prozentigen Zuschüssen. In einem ersten Durchgang sollen nach der Vorstellung der Beteiligten 150 Hektar extensives Grünland einbezogen werden. Für rund ein Drittel wurde bereits Interesse signalisiert.

Jetzt suchen die drei Koordinatoren also noch Landwirte, die sich mit Grünlandflächen einbringen möchten. Genauso hofft Schipek darauf, dass Abnehmer ihr Interesse signalisieren und sich bereit erklären, bestimmte Mengen der Heupellets zu kaufen.

Unterm Strich rechnet er mit einem Ertrag von vier Tonnen Pellets pro Hektar, dies entspräche einem Heizwert von 20 000 Kilowattstunden. Das Programm endet laut Aierstock allerdings nicht an den Kreisgrenzen, sondern will die Alb als gesamte Region einbeziehen. "Im Zollern-Alb-Kreis ist die Verwertung von extensivem Gründlandschnitt ein wichtiges Thema", hob der Kreisbauernchef hervor.

Aus der Sicht der Klimaschutzagentur bietet sich die Möglichkeit, in der Region ein Produkt mit "hohem ökologischen Charakter" herzustellen und letztlich die Chance, einen "kleinen und wichtigen Schritt als Antwort auf das Versagen der Klimaschutzpolitik in Kopenhagen" zu unternehmen.

Info Interessierte Abnehmer für Heupellets können sich bei der Klimaschutzagentur in Reutlingen melden, Telefon: 0 71 21/1 43 25 71, oder E-Mail: info@klimaschutzagentur-rt.de Landwirte, die als Produzenten einsteigen möchten, wenden sich an Kreisbauernverbandschef Gebhard Aierstock, Telefon: 0 73 81/93 89-0, oder E-Mail: reutlingen@lbv-bw.de


Kommentare (1)

18.11.2010 12:29 Uhr |   unbekannt

Heupellets

Es scheint, dass in Deutschland das Rad nochmals erfunden wird. Die Sache mit den Heupellets läuft bei uns in Südostösterreich längst und die Verbrennung ist wissenschaftlich untersucht. Mehr Information auf unserer Internetseite www.ecoprotect.com

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Autor: RALF OTT | 13.08.2010

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