Narren feiern auch in der Not

Zwiefalten.  Hunger und Not herrschten nach dem Ersten Weltkrieg, das Deutsche Reich war quasi bankrott - dennoch wurde in den Fasnetshochburgen die "fünfte Jahreszeit" gefeiert, wie ein Foto von 1923 zeigt.

Knapp vier Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, der millionenfachen Tod, Hungersnot, "die spanische Grippe" und noch mehr brachte, war das Deutsche Reich vor allem durch unglaublich hohe Reparationszahlungen praktisch bankrott.

1923 wurde immer mehr Geld gedruckt, das immer weniger Zahlungskraft hatte, so dass zuletzt zum Beispiel ein Ei eine Billion Reichsmark kostete.

Nichtsdestotrotz ließen es sich die vornehmlich katholischen Regionen selbst in diesen harten Zeiten nicht nehmen, die "fünfte Jahreszeit" zu feiern.

Es mag sein, dass sich die Menschen auf der Alb durch ihre Selbstversorgung in der Landwirtschaft im Gegensatz zu der Stadtbevölkerung über Wasser halten konnten. Selbst Tabak wurde angebaut, Ersatzkaffee konnte mittels gerösteter Eicheln und Bucheckern hergestellt werden, die Zutaten für das beliebte "Gsälz" wuchsen ja im Garten, die "Henna" produzierten Eier.

Wie auf alten Fotos zu sehen ist: Im Inflationsjahr 1923 fand tatsächlich ein Umzug mit Wagen statt. Wie konnte es anders sein, dass auch das marode Wirtschaftssystem mit all seinen Folgen beim Fasnetsumzug zum Tragen kam. Lange vor dem Ersten Weltkrieg wurde in Friedrichshafen am Bodensee durch den Grafen Zeppelin das erste starre Luftschiff erfunden, weiterentwickelt, und im Ersten Weltkrieg leider auch zu militärischen Zwecken missbraucht. Der Zwiefalter Festzug führte ein kleines Luftschiffmodell mit vier Motoren auf dem Festzug mit: 1919 wurde im Versailler Vertrag dem Deutschen Reich der komplette Flugzeugbau untersagt.

Das historische Foto aus dem Jahr 1923 wurde mit Blick auf das Haus des Uhrmachers Diem aufgenommen. Leider ist der Fotograf unbekannt geblieben.

Erst im "Dritten Reich" kam auch in Zwiefalten die Fasnets-Tradition zum Erliegen.


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Autor: HEINZ BAUMEISTER | 08.02.2012

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