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"Keimzelle des deutschen Volkes"

In verschiedenen Aufsätzen und Erzählungen hat der Bernlocher Heimatdichter Hans Reyhing sein Lieblingsthema, das Pflügen und Säen des Bauern, immer wieder dargestellt, einmal sogar in einem Gedicht.

Autor: GERHARD SCHMID |
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Unser Autor Gerhard Schmid hat das Gedicht zuerst in der Ausgabe des "Schwäbischen Heimatkalenders" aus dem Jahr 1923 gefunden. Im Heimatkalender von 1938 hat Reyhing es wieder aufgegriffen und mit einem Aufsatz versehen. Hier ist es:

"Der Scholle verbunden

Festtägliche Gedanken zu einem Bauernehrentag

Die Erde kracht und die Schollen dampfen,

Hart vor dem Pfluge die Rosse stampfen,

In blauer Luft ein Starenflug,

Der Bauer schreitet, die Hand an dem Pflug.

Er schreitet bedachtsam der Anwand entgegen,

Wie Blätter die Furchen zusammen sich legen,

Bis umgebrochen das Ackerland,

Dann sät er den Samen mit eigener Hand.

Es ist, er wäre auf ewiger Reise,

Hier zogen die Ahnen schon ihre Geleise.

Er ist nur einer im langen Zug,

Sie alle schreiten, die Hand an dem Pflug."

In seinem Aufsatz gibt Hans Reyhing Erläuterungen, wie er sein Gedicht verstanden haben will: "200, 300, ja 400 Jahre ein Geschlecht auf einem Hof! Wir stehen alle miteinander ehrfürchtig im Schauer der Jahrhunderte um die heutigen Träger der zu ehrenden alten Bauerngeschlechter. Festlich hebt sich der Tag aus der gleichlaufenden Reihe gleichbeladener Werktage heraus. Festlich geschmückt sind die Häuser des Dorfes. Fahnen flattern im Frühlingswind und lodern wie rote Flammen in der blauen Luft. . . Die sich ballenden Schollen an den Füßen, die Blicke auf die anvertrauten Felder, die Gedanken an Haus und Hof und Weib und Kind, und dazu ein gewisses Etwas, drinnen im Herzen, uraltes Vätererbe, ein Unsagbares und Geheimnisvolles aus der urtiefen Vermählung von Blut und Boden geboren, das Bindungen schafft von einer Kraft und Gewalt, die im Unbewussten wirkt, das Göttliche, wie es der deutsche Bauer erlebt, welchen Namen er ihm auch immer gab - das alles schafft jene unerschütterliche Ruhe und Gelassenheit,. . . aus denen die Nation lebt."

Hans Reyhing wurde zu einem markanten Vertreter der nationalsozialistischen "Blut-und-Boden"-Literatur. Er war der Überzeugung, dass das Bauerntum, dem er ja selbst auch entstammte, die gesunde und starke Keimzelle des deutschen Volkes sei. Und in der ihm eigenen, feierlich gehobenen Sprache verkündet er in diesem Aufsatz, dass aus dieser Keimzelle über die Jahrhunderte in rassereiner Blutsverwandtschaft immer neue Bauerngeschlechter erwachsen. In mystisch-religiöser Verklärung vermählen sich Blut und Boden und zeugen "das Göttliche, wie es der deutsche Bauer erlebt".

Eine furchterregende Vorstellung. Zum besseren Verständnis des Zusammenhangs zwischen Blut und Boden werfen wir vielleicht noch einen Blick auf die Landwirtschaftspolitik der Nazis: Schon im September 1933 war durch ein Gesetz der "Reichsnährstand" gegründet worden. In einer großen und allmächtigen Organisation wurden alle Berufstätigen in der Landwirtschaft, der Forstwirtschaft, dem Gartenbau, der Fischerei und der Jagd zusammengefasst und gleichgeschaltet. Im gleichen Monat wurde das "Reichserbhofgesetz" erlassen: Es setzte fest, dass alle Bauernhöfe von etwa 7,5 bis 125 Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche als "Erbhöfe" gelten sollen, die im Erbfall ungeteilt auf den ältesten Sohn übergehen. Sie sollen unveräußerlich und unbelastbar sein. In der Einleitung zu diesem Gesetz lauten die ersten Sätze:

"Die Reichsregierung will unter Sicherung alter deutscher Erbsitte das Bauerntum als Blutquelle des deutschen Volkes erhalten. Die Bauernhöfe sollen vor Überschuldung und Zersplitterung im Erbgang geschützt werden, damit sie dauernd als Erbe der Sippe in der Hand freier Bauern bleiben. . . Bauer kann nur sein, wer deutscher Staatsbürger, deutschen oder stammesgleichen Blutes und ehrbar ist."

So hat also Hans Reyhing mit seinem Schreiben und Dichten kräftig dazu beigetragen, die Blut-und-Boden-Ideologie in die hehren Gefilde der schönen Literatur hinaufzuheben. In einem anderen Aufsatz verglich er sogar die Bewegung des Nationalsozialismus mit dem Pflügen:

"Der Pflug ging durch das Ackerland des deutschen Volkes und der deutschen Seele, ein Pflug mit scharfen Pflugeisen, der das verfilzte Schnürgraswerk überlebter Gedankengänge und Formen zerriß und neuen Wachstumskräften Raum ließ. . ."

Aus heutiger Sicht will es scheinen, als habe sich Hans Reyhing in seiner Begeisterung für den Nationalsozialismus mit seiner Schriftstellerei völlig verstiegen, - wie ein Bergsteiger, der sich im Fels verstiegen hat und dabei glaubt, auf dem rechten Weg zum Gipfel zu sein.

Anmerkung: Die Thematik des bäuerlichen Eigentums an Grund und Boden hat Hans Reyhing schon lange vor Beginn der Nazi-Zeit beschäftigt. Im "Schwäbischen Heimatkalender" des Jahres 1923 findet sich ein Aufsatz des Autors mit dem Titel "Auf eigener Scholle". Diesem Aufsatz hat Hans Reyhing das hier zitierte Gedicht angefügt, allerdings mit der Überschrift "Am Pflug". Das Gedicht von 1923 ist in seiner Form und seinem Inhalt identisch mit dem, das der Autor im "Schwäbischen Heimatkalender" von 1938 erneut veröffentlicht hat.

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