Gesunde Albluft verspricht Besserung

Haid.  Das Gelände, auf dem sich der Gewerbepark Haid befindet, hat eine wechselvolle Geschichte. Vor 60 Jahren wurde auf dem ehemaligen Gelände der Munitionsanstalt eine Lungenheilanstalt eröffnet.

Am 24. April 1945 um sechs Uhr morgens endete für die Großengstinger der Zweite Weltkrieg. Die Amerikaner marschierten in das kleine Dorf ein, besetzten es und übergaben es einen Monat später an die Franzosen. Ende 1948 überschrieb das französische Oberkommando das Gelände auf der Haid den Deutschen, wo sich die Überreste der 1939 gebauten Munitionsanstalt der Wehrmacht befanden. Die Besatzungsmacht wollte nichts mehr mit der Beseitigung der Munition zu tun haben, war damals hinter vorgehaltener Hand zu hören.

Daraufhin wurde unter der Regie des Kampfmittelbeseitigungsdiensts begonnen, versprengte Munition zu bergen und zu vernichten. Ende der 1940er Jahre fingen ortsansässige Firmen damit an, das ehemalige Hauptgebäude der Muna gründlich zu sanieren. Da es die Form eines großen Gutshofes hatte, war es während des Krieges den ausländischen Luftaufklärern nicht aufgefallen und es bleib fast unbeschädigt. Da die Pläne der Landesregierung, dort eine Fachschule für die Landespolizeidirektion zu bauen, nicht umgesetzt wurden, stimmten die Verantwortlichen dem Betrieb einer Lungenheilanstalt auf dem Gelände zu.

Die notwendige Ruhe, die gesunde Albluft sowie die Wälder und Wiesen versprachen, positiv auf das Krankenbild zu wirken.

Im Frühjahr 1950 trafen die ersten 180 Patienten aus ganz Deutschland ein. Sie sollten mit einer Liegekur in einer der beiden offenen Hallen wieder zu Kräften kommen. Diese Menschen litten an keiner ansteckenden Tuberkulose, sondern "hatten einen Schatten auf der Lunge", ist in alten Aufzeichnungen nachzulesen.

Mit Röntgenreihenuntersuchungen versuchten die Ärzte, das Volksübel in den Griff zu bekommen. Die Krankheit war in erster Linie die Folge von Unterernährung oder einer nicht auskurierten Grippe, diagnostizierte damals der Lungenspezialist Dr. Zechnall aus Reutlingen. Der Mediziner schaute regelmäßig nach den Kranken auf der Haid.

Nach mehr als drei Jahren wurde Mitte 1953 das Sanatorium bereits wieder geschlossen und die Patienten in andere Heilanstalten verlegt. Das Umsiedlungsamt hatte diese Aktion veranlasst, da es die Gebäude dringend als Kreisdurchgangslager benötigte.

Bereits in den ersten Tagen quartierten sich dort fast 400 Flüchtlinge, Heimatvertriebene und Umsiedler aus den Ostgebieten ein. Das Land plante im Staatlichen Flüchtlingslager Haid, das der Caritasverband Reutlingen betreute, 600 Menschen unterzubringen. Zeitweise lebten dort fast 800 Frauen, Männer und Kinder.

1956 begannen die Bauarbeiten für die neue Eberhard-Finckh-Kaserne. Bis 1993 waren dort Soldaten stationiert, bevor das militärisch genutzte Areal geschlossen und zahlreiche Gebäude abgerissen wurden, um Platz für den Gewerbepark Haid zu schaffen. Heute erinnert dort am Eingang eine Gedenktafel an die ehemalige Lungenheilanstalt.


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Autor: JOACHIM LENK | 09.03.2010

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