Brücken zwischen Welten

Mariaberg.  Autismus ist nicht heilbar. Aber die Symptome lassen sich lindern, so dass eine Teilhabe am Leben möglich wird. Emil Semke, neun Jahre alt, ist autistsich - und besucht in Mariaberg die Schule.

Vor neun Jahren kam Emil Semke zur Welt. Aber bis heute sind andere Menschen ihm fremd, ihre Art, miteinander umzugehen und zu sprechen, die Ordnung, die sie geschaffen haben, und vor allem die Gefühle, die sie durch Gesten und Gesichtsausdrücke äußern. Emil ist autistisch. Er ist einer von zahlreichen Kindern und Erwachsenen mit autistischen Zügen, die in Mariaberg leben. Die meisten sind auch geistig behindert. Die UN-Behindertenrechtskonvention sichert allen Menschen mit Handicap das Recht auf Teilhabe, auf eine selbstbestimmte Wahl des Lebensortes, der Arbeit, des Wohnens und vieles mehr zu - eine besondere Herausforderung bei Autisten. Ein Eingliedern in das normale Alltagsleben unter Menschen ohne Behinderung, ein Leben mitten in der Gemeinde, das für viele Menschen mit Behinderung angestrebt wird, ist für sie schwerer zu meistern. Was sie brauchen, um ihren Platz in der Gesellschaft einzunehmen, sind zum Teil spezialisierte Hilfestellungen und Schutzräume, in denen sie ein auf ihre Bedürfnisse abgestimmtes, möglichst selbstbestimmtes Leben führen können.

Als Emil zur Welt kam, schien zunächst alles normal zu sein. Aber irgendwann merkten die Semkes, dass ihr Zweitgeborener sich anders verhält. Das kleine Kind hat sich nicht aufgestützt und die meiste Zeit geschlafen. "Er war sehr schreckhaft und ist ständig zusammengezuckt", erinnert sich die Mutter. Die Momente tiefen Glücks, die Eltern empfinden, wenn ihr Kind sie anlächelt, darauf mussten die Semkes verzichten. Als dann auch noch heftige Krampfanfälle folgten, war klar, dass ärztliche Hilfe nötig ist. Mit der Diagnose "geistige Behinderung mit autistischen Zügen" brach für die Familie erst einmal eine Welt zusammen.

Frühkindlicher Autismus ist eine tiefgreifende Entwicklungsstörung mit vielen Gesichtern. Die Informationen im Gehirn werden anders verarbeitet. Menschen wie Emil haben Mühe damit, den Dingen ihre Bedeutung zuzuordnen. Sie nehmen Eindrücke aus der Außenwelt als lose Informationen wahr, die sie erst zusammenmontieren müssen. Es ist, als wären sie in einem fremden Land, dessen Sprache und Gebräuche sie nicht kennen. Aus dieser für sie schwer begreiflichen Welt ziehen sich autistische Kinder oft zurück. Viele grenzen sich in ihrer eigenen Innenwelt ab und versuchen, unsere chaotische Welt mit zum Teil merkwürdigen erscheinenden Ritualen in eine bestimmte Reihenfolge und Ordnung zu bringen.

Als Emil noch einen kleinen Bruder bekam, war für ihn diese Ordnung ganz massiv gestört: Da war plötzlich etwas, das da nicht hingehört. Autisten wissen nicht, was auf sie zukommen wird oder was wir von ihnen erwarten. Schon die kleinste Veränderung in ihrer Umgebung oder ihrem Tagesablauf bringt sie völlig aus dem Konzept. Christine Käge-Swierkot, die an der Schule für geistig behinderte Kinder in Mariaberg arbeitet, beschäftigt sich intensiv mit dem Krankheitsbild. "Autismus gilt fälschlicherweise als Mercedes unter den Behinderungen. Dabei schränkt es nicht - wie andere Handicaps - nur Körper oder Geist ein. Es beeinträchtigt das ganze Leben, vor allem auf der zwischenmenschlichen Ebene, und sorgt damit ständig für Missverständnisse, Enttäuschungen und Frustrationen."

Autismus ist nicht heilbar. Doch die Symptome lassen sich lindern, so dass die Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft möglich wird. Je früher die Behandlung einsetzt, umso höher ist die Erfolgsquote. Die damit verbundenen Belastungen stellen betroffene Familien vor Schwierigkeiten, die sie meist nicht alleine bewältigen können. Seit zwei Jahren lebt Emil in einer Wohngruppe in Mariaberg. Mittlerweile ist der Neunjährige um einiges ruhiger und zufriedener geworden. Denn hier bekommt er den Schutzraum, den er braucht, um sich in dieser Welt sicher zu fühlen: Einen absolut verlässlichen Rahmen, den ihm ein normaler Familienalltag nicht bieten kann. Sein Zimmer wirkt kahl - für ihn aber eine Wohltat. Denn klare Strukturen im Raum und im Tagesablauf geben ihm mehr Geborgenheit als das Durcheinander anderer Kinderzimmer.

Was ihm auch sehr guttut, ist das Reiten. Alle 14 Tage fährt er zusammen mit seinem Betreuer nach Ittenhausen, wo schon geduldige Pferde warten. Emil sitzt freihändig im Sattel und lässt sich den Frühlingswind um die Ohren pfeifen. Hier beginnt er zu singen und schwenkt begeistert die Arme. Der Reittherapeut Alfons Locher erlebt immer wieder die positive Wirkung auf seine Klienten: "Durch die gleichmäßige Bewegung auf dem Pferd lösen sich nicht nur körperliche Spannungen, sondern oft auch die Zungen."

Emil geht in Mariaberg auch zur Schule. Hier lernt er eine einfache Gebärdensprache und Symbole, später auch den Umgang mit elektronischen Hilfsmitteln zur Kommunikation, Talker genannt. Denn die Möglichkeit einer Verständigung überwindet Barrieren und baut Brücken zwischen den Welten. Hier und in den Wohngruppen arbeiten die Fachkräfte nach TEACCH, einem speziellen Konzept zur "Behandlung und pädagogischen Förderung autistischer und in ähnlicher Weise kommunikationsbehinderter Kinder", bei dem der Alltag für jeden individuell vorstrukturiert wird, sodass Menschen mit Autismus möglichst selbstbestimmt leben können. Für die verschiedenen Ausprägungen des Autismus steht eine breite Palette von Therapien zur Verfügung. Das Fachkranken-haus für Kinder- und Jugendpsychiatrie betreut die Kinder und steht mit Familie Semke und anderen Eltern im engen Kontakt. eb


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Autor: SWP | 15.04.2011

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