20-Jähriger wegen versuchten Mordes verurteilt

Das Landgericht Tübingen hat einen 20-Jährigen wegen versuchten Mordes und Totschlags zu einer Haftstrafe von fünf Jahren und neun Monaten verurteilt. Im Februar stach er einen 26-Jährigen nieder.

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Mit dem Urteilsspruch blieb die Dritte Jugendkammer des Tübinger Landgerichts, um den Vorsitzenden Richter Martin Streicher, unter der Forderung der Staatsanwaltschaft. Diese beantragte eine Strafe von sieben Jahren. In der Beurteilung der Tat allerdings kam das Gericht zum selben Schluss wie die Anklagebehörde. Den zunächst fehlgeschlagenen Messerangriff des 20-Jährigen, während der Trochtelfinger Straßenfasnet, wertete es als versuchten Mord, die nachfolgende Attacke auf einen 26-Jährigen, als versuchten Totschlag. Er erlitt eine 14 Zentimeter tiefe Wunde am Nacken, zugefügt mit einem 23 Zentimeter langen Messer. Nur "glückliche Umstände" hätten dazu geführt, dass er die Verletzung überlebte und keine schweren Folgen eingetreten seien, sagte der Richter. Der Angeklagte, aber auch der Geschädigte, samt seiner Familie, seien "um Haaresbreite" an der Katastrophe ihres Lebens vorbeigeschrammt.

Diese Eskalation ausgelöst habe zuvor ein blaues Auge, das einem Freund des Angeklagten während des Fests zugefügt worden sei. "Das hat die Wendung des Abends veranlasst", so Streicher und den Angeklagten dazu gebracht, den vermeintlichen Schläger (den Bruder des Geschädigten) mit einem Griff an den Hals und Drohungen zu stellen. Der habe seinem Kontrahenten daraufhin ein "deutliches Zeichen" gesandt: In Form eines Faustschlags. Der Hieb war Anlass für die folgende Racheaktion, die letztlich den unbeteiligten Bruder traf.

Der Angeklagte habe zunächst das Festgelände verlassen und sich von zu Hause ein Messer beschafft. Zeugen hätten einen länglichen Gegenstand im Hosenbund des Angeklagten gesehen und berichtet, wie er aufgebracht beschied: "Den schnappe ich mir." Als sich aus der Gruppe der Hörschwager Fasnetsgänger am frühen Morgen eine Vierergruppe absetzte, um sich auf den Heimweg zu machen, habe er diese verfolgt und sei schließlich von hinten mit erhobenem Messer auf sie zugestürmt. Ziel des ersten Angriffs war der Bruder des Geschädigten, der den Angreifer mit einem Reflex noch abwehren konnte. Die Kammer sieht darin einen heimtückischen Angriff, und nicht wie vom Angeklagten behauptet, eine Kampfsituation "eins gegen eins": "Diese Geschichte glaubt ihnen die Kammer nicht", so Streicher. Die Heimtücke begründet die Wertung als versuchter Mord. Als versuchter Totschlag fasst die Kammer hingegen den Messerstich in den Nacken auf, als der Bruder dazwischengegangen sei. Einen strafbefreienden Rücktritt erkannte das Gericht ebenso wenig, wie eine verminderte Schuldfähigkeit des Angeklagten: "Sie wussten genau, was sie taten", so Streicher über eine Tat, "aus nichtigem Anlass".

"Es war ihnen wohl nicht anders möglich", so Streicher an den bereits vierfach vorbestraften 20-Jährigen, der aus Sicht der Kammer schädliche Neigungen in Folge von Strukturlosigkeit, düsteren Zukunftsaussichten aber auch erzieherischen Defiziten, in sich vereine. In die nun verhängte Jugendstrafe von fünf Jahren und neun Monaten, fließt eine vorangegangene Verurteilung durch das Amtsgericht Reutlingen ein. Zum Zeitpunkt der Tat, stand der Angeklagte unter Bewährung. Die Kammer verbindet mit dem Urteil die Hoffnung auf "Nachreifung": "Sie müssen sich intensiv der Frage stellen, wie geht es mit ihnen weiter", so Streichers Warnung. Positiv wertete die Kammer seine Bereitschaft, an das Opfer Schmerzensgeld in Höhe von 7500 Euro zu zahlen. Unklar ist indes, welche Folgen das Urteil hat. Obwohl in Deutschland aufgewachsen, besitzt der Angeklagte die türkische Staatsangehörigkeit. Eine etwaige Abschiebung könnte erwogen werden.

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