"Radrennen" der Extreme

Walddorfhäslach.  "Ich würde es gleich nochmal machen." Werner Bitzer blickt auf die Karte des Kontinents Afrika. Hier ist eine Linie im Zickzack eingezeichnet von Nairobi in Kenia bis ins Südafrikanische Kapstadt - seine Tour.

Auf der Landkarte ist die Linie etwa 30 Zentimeter lang - in der Realität waren es rund 6500 Kilometer, die der 60-jährige Diakon aus Walddorfhäslach mit dem Fahrrad bei der diesjährigen "Tour d"Afrique", dem längsten Radrennen der Welt, absolviert hat.

Die Mammut-Tour, organisiert und geführt von einem kanadischen Veranstalter, führte 70 Teilnehmer in 94 Etappen über die 12 000 Kilometer lange Strecke von Kairo im Norden bis ans südliche Kap. Werner Bitzer ist etwa auf halbem Weg zum Fahrerfeld hinzugestoßen. Nicht etwa, weil er sich die gesamte Stecke nicht zugetraut hätte, sondern weil ihn bei seinem ersten Anlauf 2009 ein Unfall zur Aufgabe zwang.

Neun Wochen war Bitzer dieses Mal unterwegs. Er ist seit wenigen Tagen wieder wohlbehalten zurück in seiner Heimat. Seine Gedanken allerdings sind noch nicht ganz angekommen. Es wird Zeit brauchen, bis er die vielfältigen Eindrücke und Erlebnisse vom "schwarzen Kontinent" sortiert hat.

Da sind nicht nur die eindrücklichen Naturerlebnisse im Dschungel Tansanias mit den einsamen schnurgeraden Pisten weitab jeder Zivilisation, die karge Landschaft Namibias oder die Begegnung mit einem aus dem Unterholz herausbrechenden Elefanten - sondern auch die vielfältigen Kontakte mit den Bewohnern der verschiedenen Landstriche.

Beeindruckt hat den Diakon vor allem die Freundlichkeit der Menschen. Sie begleiteten den Tross mit Neugierde, Herzlichkeit und immer mit einem Lächeln auf den Lippen. Das Wort "Nein" existiert in deren Wortschatz nicht. Was der Höflichkeit geschuldet ist, kann zum Problem werden, wenn man nach dem richtigen Weg fragt - über die Zeit ist ein Gespür für die Menschen unabdingbar.

Ein Gespür hat sich bei Werner Bitzer auch im Bezug auf die Widersprüchlichkeit des Kontinents eingestellt. Je weiter die Tour in den Süden vordrang, erzählt er, desto europäischer der Lebensstil - desto deutlicher aber auch die sozialen Kontraste: Hier üppige Shopping-Malls, dort reicht das Geld nicht mal für Schuhe oder neue Kleider: "Wenn Sie Geld haben, dann können Sie unglaublich gut leben". Wenn eben das Wörtchen "wenn" nicht wäre.

Doch auch ganz praktische Widrigkeiten begleiteten sein Abenteuer. In Botswana, Namibia und Südafrika hatte es so viel geregnet wie seit 50 Jahre nicht mehr. Die Wellblech-Pisten verwandelten sich allzu oft in Schlammgebiete - sein Zelt konnte er während der Tour ganze fünf Mal trocken einpacken. Auch gesundheitlich hatte es ihn erwischt. Wegen Durchfalls musste er sechs Etappen aussetzen und auf das Begleitfahrzeug zurückgreifen.

Die übrigen Tour-Tage waren straff durchgeplant. Ab halb sieben saß er auf dem Sattel und bewältigte Etappen bis zu 200 Kilometer. Das Etappenziel war manchmal ein Hotel, oft aber auch nur das provisorisches Zeltcamp direkt an der Straße - irgendwo im Nirgendwo. Dieses wurde auch mal kurzfristig verlegt, nachdem die Organisatoren frische Löwenspuren gesichtet hatten.

Werner Bitzer ist voll von diesen Geschichten. Von Geschichten auch rund um das internationale Teilnehmerfeld - mit pensioniertem Manager und einem Radler, der zuvor noch nie auf einem Drahtesel saß: "Ein Kaleidoskop menschlicher Erscheinungen", fasst er rückblickend zusammen.

Sein Zwischenfazit hat Werner Bitzer schon während der Tour in seinem Online-Tagebuch verewigt: "Wir leben in einem sehr privilegierten Landstrich dieser Erde (...). Vielleicht muss jeder Mal in die "Fremde" gehen, um das Normale wieder schätzen zu lernen."

Zurück in seiner Heimat, bewahrheiten sich seine Zeilen: Er kann sich gar nicht satt essen an frischen Butterbrezeln.

Info Werner Bitzer stellte seine Teilnahme an der "Tour d"Afrique" in den Dienst des Evangelisches Jugendwerk in Württemberg (ejw). Damit verbunden sein Spendenaufruf zu Gunsten des sudanischen Flüchtlingslagers Engaz in der Nähe von Port Sudan. Hier sollen Schulen für Flüchtlingskinder entstehen. Um den Spendenstand von aktuell rund 3000 Euro in die Höhe zu treiben, kann weiter gespendet werden unter:Evangelisches Jugendwerk Württemberg, ejw-Weltdienst, EKK,

BLZ 520 604 10

Konto-Nr.: 400 405 485

Stichwort: WDT2011

Das Tour-Tagebuch sowie weitere Infos unter: www.afrika-erfahren.de


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Autor: SIMON WAGNER | 25.05.2011

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