Hefezopf in Lappland

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    Trail-Läuferin Lisa Mehl aus Kleinbettlingen in schwierigem Gelände beim Transalpine-Run und beim Ziel­einlauf am Mont Blanc in den frühen Morgenstunden. Foto: 
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Es ist im Rückblick ganz einfach, der Weg war vorgegeben. Nur hat das Lisa Mehl lange nicht gewusst. Jetzt zählt die 28-Jährige aus Kleinbettlingen zu Deutschlands Vorzeigeathletinnen, wenn es um den Trail-Lauf geht. Abseits von Bahnen und Straßen, in der Natur – und dort ganz besonders in den Bergen. In Regionen, die ansonsten Alpinisten und Bergsteigern vorbehalten ist.

Den Startschuss zu ihrer Karriere datiert Lisa Mehl ins Jahr 2013. Es kam recht unerwartet. „Ich hatte plötzlich Lust zu laufen“, spürte die frühere Leichtathletin der LG Neckar-Erms einen Bewegungsdrang, der sie dann doch verblüffte. „Früher hatte ich nie Bock, drei Runden auf der Bahn zu laufen.“ Es sollte nach einem Halbmarathon, den sie zusammen mit ihrer Mutter in Koblenz absolvierte, sehr schnell viel mehr werden.

Zufalls-Bekanntschaft

Rein zufällig stieß die frischgebackene Lauf-Enthusiastin in einer Zeitschrift auf den Sardona-Ultratrail in der Schweiz – und da machte es klick. „Ich konnte die Liebe zu den Bergen, die sich in den Urlauben mit der Familie entwickelt hat, mit dem Laufen verbinden“, so die junge Dame rückblickend. Ganz locker hat sie die kurze Strecke über 20 Kilometer bewältigt, ohne sich groß vorzubereiten. Lauf- und Gehpassagen wechselten sich in wundervoller Natur ab. „Schade, dass es den Lauf nicht mehr gibt“, bedauert Lisa Mehl. Aber es gibt viele andere auf der ganzen Welt. Und es gibt die die Szene der Ultraläufer, mit der der „Trial-Frischling“ damals in Kontakt gekommen ist. „Das ist eine kleine Subkultur, einfach herrlich. Und schon war ich im Strudel drin.“ Und dort bildete sich sehr bald der Wunsch heraus, auch die größeren Sachen zu machen. „Die Vorstellung, nachts mit einer Stirnlampe, der Witterung ausgesetzt, zu rennen, fand ich einfach schön.“ Deshalb hat sie es dann auch gemacht.

Trainingsumfänge steigerten sich, plötzlich waren nach einer Einheit durchs Ermstal über 50 Kilometer auf der Uhr. Langsam erfolgte die Steigerung, im Oktober 2014 war die Zeit reif für „Les Défis du Jubilé“ in der Schweiz. „Es war eine tolle Atmosphäre, wir haben in einem Kloster in Holzbetten geschlafen.“ Noch besser hat Lisa Mehl gefallen, dass man nach einer Waldpassage plötzlich das Mont-Blanc-Massiv sah. Da wollte sie hin und beim UTMB (Ultra Trail du Mont Blanc) mitrennen. Was Hawaii für die Triathleten ist, ist der Mont Blanc für die Trailrunner. 170 Kilometer im hochalpinen Gelände. Und, um es noch einmal klarzustellen, alles zu Fuß.

„Mit zunehmender  Länge wird die mentale Komponente immer wichtiger. Welche Hilfestellung kann ich dem Kopf geben, wo setzte ich die mentalen Anker“, gibt die Trial-Läuferin einen Einblick. Auf Personen an der Strecke kann man sich freuen, auf einen frischen Espresso, einen bestimmten Riegel, den man sich unterwegs gönnt – oder auf  Hefezopf.

Qualifikation geschafft

Der hat beim Nuts Pallas in Lappland 2016 eine Rolle gespielt, als Lisa Mehl so müde war, dass sie aufpassen musste, beim Rennen nicht einzuschlafen. 134 Kilometer und 4027 Höhenmeter galt es abzuspulen im Qualiwettkampf für den UTMB. Hefezopf gab es auf finnische Art gebacken  im Ziel. Und das mit der Quali hat auch geklappt – und wie. Lisa Mehl hatte in der Frauenkonkurrenz alles im Griff, siegte mit großem Vorsprung. Beschienen von der Mitternachtssonne war spätestens dort mit Lisa Mehl ein neuer Stern in der Trail-Szene aufgegangen.

Überhaupt war 2016 ein gutes Jahr. Im Doppel mit Sina Maniche dominierte Mehl auch den Transalpine Run, der in sieben Tagen von Garmisch-Partenkirchen nach Brixen führt (250 Kilometer, 14 862 Höhenmeter).

2017 begann eher beschaulich – beim Hamburg-Marathon. „Das gönne ich mir zu Beginn der Saison eigentlich immer einen. Da hat man über den Winter ein Ziel vor Augen“, sagt die Läuferin des TSV Kusterdingen, die prompt in 2:57:26 eine neue Bestzeit raushaute und als Deutsche Polizeimeisterin aus Hamburg zurückkehrte. Den Zugspitz Trailrun über 101 Kilometer hat sie sich dann auch noch geholt. Nicht ganz 14 Stunden brauchte sie dafür.

Ein Klacks gegenüber den 33:20:31, die sie dann am Mont Blanc für die 170 Kilometer brauchte. Beste Deutsche war sie – und richtig fertig. Schlafmöglichkeiten unterwegs hat sie ignoriert, obwohl sie unfassbar müde war. Acht Kilometer vor dem Ziel war es fast aus, der Tank komplett leer. „Ich habe eine Suppe gegessen und viel getrunken.“ Dann ist sie mitten in der Nacht (3.20 Uhr) angekommen. „Es ist ein schönes Erlebnis, wenn man weiß, dass im Ziel Menschen warten, die einem wichtig sind.“ Noch mehr gefreut habe sie sich allerdings auf ein warmes Bett.

Training im Alltag

Verblüffend ist folgende Aussage: „Ich trainiere nicht viel mehr als eine Mittelstrecklerin. Da komme ich in den seltensten Fällen über 100 Kilometer pro Woche“, gibt Lisa Mehl einen Einblick. Der Lauf wird in den Alltag integriert, zum Beispiel für den Weg zur Arbeit. Wohnhaft ist das Ausdauerwunder in Stuttgart, von dort geht es zur Arbeit bei der Kripo in Esslingen zu Fuß. Zuerst hoch nach Degerloch, dann wieder runter. „Um 5.30 Uhr laufe ich los“, berichtet die Frühaufsteherin strahlend. Am Wochenende, wenn sie einen Ausflug in die Berge macht, geht es auch schon einmal eine Stunde früher los – des Sonnenaufgangs wegen. Und was macht sie bei schlechtem Wetter: Laufen natürlich. Wetter egal, Zeit auch – sie muss es einfach tun.

Pläne für danach

Trotzdem gibt es Pläne für die Zeit danach. „Wenn ich nicht mehr laufen kann, kaufe ich mir ein Klavier.“ Ob sie denn spielen könne? Kann sie nicht, sie will es sich aber beibringen. Man ist geneigt es ihr zuzutrauen. Wer 170 Kilometer am Stück rennt, der bekommt das mit dem Piano sicher auch hin.

Der Traillauf (von englisch trail = Pfad, Weg; im Deutschen auch als Waldlauf oder Landschaftslauf bezeichnet) ist eine Form des Langstreckenlaufs, die abseits asphaltierter Straßen stattfindet. Der Weltleichtathletikverband (IAAF) erkannte den Landschaftslauf 2005 als IAAF-Disziplin an. Mit dem Begriff Traillauf (engl. Trail Running) lassen sich alle Ausprägungen des Laufens abseits von Straßen zusammenfassen, vom Jogging im Park auf ebenen Flächen bis hin zu Ultraläufen in mehreren Etappen über die Alpen. Das Laufen auf Trails wird als besonders naturnah empfunden. Grober Untergrund und Hindernisse trainieren neben der körperlichen Ausdauer auch Koordinations- und Konzentrationsfähigkeit des Läufers. Da der gesamte Körper stabilisiert werden muss, werden mehr Muskelgruppen als beim Laufen auf der Straße beansprucht.
Typische Untergründe der Laufstrecken sind Schotter-, Wald- und Wiesenwege durch Wälder oder Parks, Singletrails, Stein- und Geröllpfade in alpinem Gelände, Trimm-dich-Pfade, Finnenbahnen oder Sand. Quelle: wikipedia

Für 2018 hat sich Lisa Mehl zwei Fixpunkte gesetzt – was aber selbstverständlich nicht heißt, dass sie ansonsten die Beine hochlegen wird. „Ich bin im Lostopf für den Western State Endurance Run in Kalifornien“, erzählte sie beim Pressegespräch mit leuchtenden Augen. 100 Meilen zwischen Squaw Valley und Auburn warten dort im Juni auf das Laufass aus Kleinbettlingen.  – sofern sie am 2. Dezember aus der Lostrommel gefischt wird. Es wäre ein neues Highlight in der Karriere, eine weitere schöne Erfahrung..
Die Gruppe, mit der Lisa Mehl gerne unterwegs ist, ist aber schon im Mai beim Transvulcanica (La Palma/Kanarische Inseln) auf den rastlosen Beinen. Für Juli  steht der Ultra Trail in Verbier (Schweiz) im Kalender. „Schade eigentlich“, meint Lisa Mehl. Denn es würde sie reizen, wenigstens einmal beim Ermstal-Marathon mitzumachen. Dort, wo  alles begann, sie bei Trainingsläufen nicht mehr aufhören konnte. Es sei jedes Mal wieder schön, wenn sie bei Besuchen in der Heimat die Alb sehe, die auch in ihren Ausläufern mannigfaltige Laufmöglichkeiten bietet. wose 

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