Der Professor und sein aufmerksamer Zuhörer

Erinnerungen an die Zeit, als Ralf Rangnick den SSV Reutlingen trainierte und Vorschauen ein Erlebnis waren.

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Ralf Rangnick ist ein Vordenker des modernen Fußballs in Deutschland. Schon in seiner Reutlinger Zeit wurde er nicht müde, die Vorzüge der Viererkette zu preisen.  Foto: 

Wann der moderne Fußball erfunden wurde, lässt sich schwer sagen. Wer ihn in Deutschland maßgeblich mit angeschoben hat indes schon. Nur die Älteren werden es noch wissen, dass Ralf Rangnick, der als Sportdirektor jüngst Aufsteiger RB Leipzig in die Champions-League lotste, früher beim SSV Reutlingen das Sagen hatte.

Am 1. Juli 1995 heuerte er an der Kreuzeiche an, kam vom VfB Stuttgart, wo er vier Jahre lang eine hervorragende Arbeit als Jugendtrainer und -koordinator abgeliefert hatte. Der SSV Reutlingen war gerade noch so in der Regionalliga geblieben, schloss unter dem neuen Coach die Saison als Vierter ab, war auch in der Spielzeit 1996/97 vorne mit dabei, ehe Rangnick nach Unstimmigkeiten mit der Vereinsführung im Dezember seine Zelte unter der Achalm abbrach und in Ulm aufbaute. Dazu später mehr. Die Reutlinger Zeit war schön – ganz besonders für die Journalisten, die die Ehre hatten, sich zwecks Erstellen einer Vorschau mit Ralf Rangnick zu unterhalten.

Man schweift ab

Meist war der rastlose Fußballlehrer mit dem Auto unterwegs, telefonierte aus dem heraus, per Freisprechanlage versteht sich. Weil die Technik da noch etwas schwächelte, wurde die Verbindung des öfteren unterbrochen, weshalb sich ein Telefonat doch sehr in die Länge zog. Das aktuelle Spiel war oft recht schnell abgehandelt. Ist jemand verletzt, was ist beim Gegner zu beachten, was muss die eigene Mannschaft besser machen und ähnliches wurde gefragt. Vorschau eben. Man schweifte aber gerne ab, in höhere Sphären der Fußballkunst. Deshalb sei kurz eine Sequenz nachgestellt. Rangnick (er meldete sich immer zurück): „Entschuldigung, im Tunnel brach die Verbindung ab. Wo waren wir stehen geblieben?“ Seitz: „Bei Franco Baresi.“ Rangnick:. „Ah ja.“ Und dann war er gar nicht mehr zu bremsen. Er dozierte über diesen wunderbaren Spieler des AC Mailand, dem die Ehre zuteil wurde, in Italien Franz genannt zu werden. In Anlehnung, man ahnt es, an  Beckenbauer. Auch Baresi spielte die genialen Pässe, galt als einer der besten Liberos, die der Planet je gesehen hat.

Der Haken an der Sache: In Rangnicks Verständnis vom Fußball gab es keinen Libero mehr. Es gab zwar noch Franco Baresi, der bei Milan aber längst in einer Viererkette operierte, im Jahr 1997 seine beispiellose Karriere ausklingen ließ, die sich ausschließlich bei den Rossoneri (Rot-Schwarzen) abgespielt hat.

Und dort wurde unter Trainer Arrigo Sacchi eben jener Fußball gespielt, den Ralf Rangnick zu seinem Ding erkoren hat. Also hat man am Telefon lange gefachsimpelt, wie toll der AC Mailand das gemacht hat, der mit Pressing und Raumdeckung zwei Mal in Serie den Europapokal der Landesmeister holte (1989 und 1990) mit Ausnahmespielern wie Paolo Maldini, Ruud Gullit, Marco van Basten und Frank Rijkaard. Ralf Rangnick hatte da etliche Szenen parat, an Hand derer er seinem aufmerksamen Zuhörer die Vorzüge des „neuen“ Fußballs, verbunden mit schnellem Umschaltspiel, erklärte. Es muss irgendwann während eines solchen Telefonats passiert sein. Der SWP-Mann, der bis dahin ein Verfechter des Spiels mit Libero und Manndeckern war, seine bescheidene Karriere in den hinteren Regionen abwickelte (es sei denn, er war bei der Interpretation eines Offensivverteidigers vorne aufgehalten worden), wurde ein Fan von Pressing und Umschalten, wohl auch einer von Ralf Rangnick, der all seinen Mannschaften „seinen“ Fußball eintrichterte. Auch wenn das die Reutlinger nun überhaupt nicht gerne hören, dem SSV Ulm 1846.

Spatzen in der Viererkette

Dorthin zog es Ralf Rangnick zu Beginn des Jahres 1997. Umgehend flogen die Spatzen in einer Viererkette, was zunächst noch eine gewisse Durchlässigkeit beinhaltete, in der Saison 1997/98 dann aber prächtig funktionierte. Ulm war in die zweite Liga aufgestiegen und der Abstiegskandidat marschierte mal eben so durch in Liga eins. Unvergessen Rangnicks Auftritt im Aktuellen Sportstudio des ZDF, als er mittels einer Taktiktafel den Zuschauern erklärte, wie Fußball geht. Einer hat es zu diesem Zeitpunkt schon gewusst. Ganz ohne Tafel, nur übers Telefon.

Dass Rangnick zur Spielzeit 1999/2000 zum VfB Stuttgart zurückkehrte, wurde in Ulm nicht gerne gesehen. Die Aufstiegsfrüchte durfte sein Nachfolger Martin Andermatt ernten.

RB in der CL

Es folgten weitere Trainerstationen, so war zum Beispiel das Projekt Hoffenheim eines, das der Backnanger maßgeblich mit angeschoben hat. Jüngst trauerte ihm ein Schalker Fan nach: „Nur unter ihm war Struktur drin.“ Und als Schalker kann man viele Vergleiche mit anderen Trainern ziehen. Jetzt also das mit RB Leipzig. Alles trägt dort Rangnicks Handschrift. Der Sportdirektor war im Aufstiegsjahr auch Trainer, Ralph Hasenhüttl übernahm.

Man muss den Klub nicht mögen, man sollte aber respektieren, was für eine tolle Arbeit in Sachsen geleistet wird. Ralf Rangnick ist nun dort, wo der AC Mailand früher war. In der UEFA Champions League. Gesagt hat es der Professor damals nicht. Aber sicher zu seiner Reutlinger Zeit ein bisschen davon geträumt.

Ralf Rangnick wurde geboren am 29. Juni 1958 in Backnang.

Vereine als Spieler
VfB Stuttgart Amateure, FC Southwick, VfR Heilbronn, SSV Ulm 1846, Victoria Backnang und TSV Lippoldsweiler

Stationen als Trainer
1983-1885 FC Viktoria Backnang
1985-1987 VfB Stuttgart Amateure
1987-1988 TSV Lippoldsweiler
1998-1990 SC Korb
1990-1994 VfB Stuttgart A-Jugend und Nachwuchskoordinator
1995-1996 SSV Reutlingen
1997-1999 SSV Ulm 1846
1999-2001 VfB Stuttgart
2001-2004 Hannover 96
2004-2005 FC Schalke 04
2006-2011 TSG 1899 Hoffenheim
2011 FC Schalke 04
2015-2016 RB Leipzig


2012-2015 Sportdirektor RB Salzburg
2012 bis heute Sportdirektor RB Leipzig

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