Tübingen: Kommentar zum Fachkräftemangel: Arbeiten? Och. Warum eigentlich?

Verweiflung pur: Eine sehr zeitgemäße Stellenanzeige in Zeiten des Fachkräftemangels.
Uhland22300 Arbeitsplätze sind allein rund um Tübingen aktuell nicht besetzt. Bis 2035 werden den Landkreisen Tübingen, Reutlingen und Zollernalb 60000 Leute fehlen, schätzen Experten. Und das, während derzeit 10000 Arbeitslose in unserer Region leben. „Die Leut‘ wollen einfach nicht mehr arbeiten“, meinte neulich ein Mittelständler in einer Diskussion mit mir. Das war ungefähr zu der Zeit, als Andrea Nahles, Chefin der Bundesagentur für Arbeit, überall mit ihrem Satz „Arbeit ist kein Ponyhof“ zitiert wurde (übrigens mit keinem anderen Satz aus dem Interview). Zugleich knabbert die Weltgesellschaft am noch recht unerforschten Phänomen der „Great Resignation“: Viele Leute kündigen offenbar ganz unbekümmert ihre Jobs, obwohl die Arbeitslosigkeit nicht wirklich niedrig ist. Sie ordnen ihre Lebenslogik neu.
Zurück zu unserer stinkefaulen Web-Designerin aus Bopfingen am Ipf. Möglicherweise hat sie sich neulich mal den Wohnungsmarkt im TAGBLATT angeguckt oder war auf einer der Internet-Plattformen unterwegs. Sie fragt sich nun, ob es die beste Option ist, im neuen Job die Hälfte des Gehalts für eine 50-Quadratmeter-Wohnung auszugeben. Oder ins Ammertal zu ziehen und zu pendeln - mit einem Zug, der nicht kommt. Vielleicht hat unsere faule Web-Designerin einen kleinen Sohn und fragt sich, wer auf den eigentlich aufpasst, während sie arbeitet? Einfach bei Ikea abgeben geht ja auch nicht. Der nächste ist in Sindelfingen.
Oliver Kerl, der Geschäftsführer der Arbeitsagentur Reutlingen, sagt dem TAGBLATT gegenüber: Klar gebe es Leute, die langfristig einfach mit Staatsgeld leben können und wollen. Die vielbesungene Soziale Hängematte. Nur, so Kerl: „Das Phänomen ist minimal. Eine kluge und produktive Politik lässt sich daraus nicht ableiten. Unsere Probleme kriegen wir nur mit komplexen Lösungen in den Griff.“
Einiges spricht dafür, dass in der Corona-Krise alte Bindungen zu Arbeitgebern infrage gestellt wurden. Auch in Zeiten der Kurzarbeit kamen Menschen ins Nachdenken darüber, unter welchen Bedingungen sie wo wieder einsteigen wollen. Wer gestern noch in Tübingen arbeitete, kann es heute schon in den USA tun - und zugleich vielleicht sogar hier wohnen bleiben. Vor allem die Demografie sorgt dafür, dass Jobs vermutlich bis auf weiteres zuhauf vorhanden sind. Der Marktwert der Arbeitnehmer, auch der geringer qualifizierten, erhöht sich: Sie müssen nicht mehr alles machen, was da ist.
Heute berichten in unserem TAGBLATT-Magazin „Wirtschaft im Profil“ Entscheider der Region über Zeiten, in denen Chefs auf dem Arbeitsmarkt zu Bewerbern geworden sind. Über neue Ideen, gute Leute zu bekommen und sie zu halten. „Diversität“ und „Klarheit“ nennt etwa Daniela Erberspächer-Roth, Profilmetall-Chefin und IHK-Vize aus Hirrlingen, ihre eigene Strategie: Lebensmodelle von Beschäftigten respektieren, Karrieren entlasten und leiten.
„Bildung im weitesten Sinne wird in unserer Region einen sehr großen Anteil an der Lösung haben“, sagt Arbeitsagentur-Chef Oliver Kerl, Fan des neuen Bürgergelds. Faulheit nennt er nicht als Ansatzpunkt. Stattdessen: Löhne, gerade in Zeiten der Inflation. Üble Digitalisierungs- und Telekommunikationswüsten, mitten in „The Länd“. Inklusion. Quereinstiege. Ausbildung von Zuwanderern. Anerkennung von Auslands-Examen. Kinderbetreuung - damit es sich auch unsere Web-Designerin aus Bopfingen am Ipf nochmal überlegt. „Das Gute ist“, so Kerl: „So viele Problemfelder wir haben, so viele Lösungsansätze gibt es auch.“