Als Jupp Heynckes „Lockenkopf“ Roland Boley zur Borussia lockte

Serie „Sport im Blick“: Der in Eningen und Reutlingen aufgewachsene Roland Boley wurde in nur fünf Jahren vom vereinslosen Straßenfußballer zu einem der besten Verteidiger in der 2. Bundesliga.

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  • Roland Boley (rechts, ganz hinten) 1979 im Ulmer Testspiel (1:1) gegen den FC Bayern München mit „Katsche“ Schwarzenbeck (Mitte) und Torwart Sepp Maier. Foto: Archiv 1/5
    Roland Boley (rechts, ganz hinten) 1979 im Ulmer Testspiel (1:1) gegen den FC Bayern München mit „Katsche“ Schwarzenbeck (Mitte) und Torwart Sepp Maier. Foto: Archiv Foto: 
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Der 20-jährige Roland Boley beim SSV Reutlingen, oben von links: Düren, Grüninger, Schneck, Geiger, Karabeg. Mitte: Trainer Wenz, Schuhmacher, Zitzer, Lang, Boley, Efferen. Unten: Piller, Lühr, Rahn, Göbel, Struch. Foto: Archiv 2/5
    Der 20-jährige Roland Boley beim SSV Reutlingen, oben von links: Düren, Grüninger, Schneck, Geiger, Karabeg. Mitte: Trainer Wenz, Schuhmacher, Zitzer, Lang, Boley, Efferen. Unten: Piller, Lühr, Rahn, Göbel, Struch. Foto: Archiv Foto: 
  • In der 2. Bundesliga als Außenverteidiger für den SSV Ulm 1846 am Ball: Roland Boley (links) war oft schneller als seine Gegenspieler. Foto: Archiv 3/5
    In der 2. Bundesliga als Außenverteidiger für den SSV Ulm 1846 am Ball: Roland Boley (links) war oft schneller als seine Gegenspieler. Foto: Archiv Foto: 
  • Unverkennbare Afro-Mähne: Roland Boley war optisch äußerst auffällig. Foto: Archiv 4/5
    Unverkennbare Afro-Mähne: Roland Boley war optisch äußerst auffällig. Foto: Archiv Foto: 
  • Heute ist die Afro-Mähne weg: Roland Boley posiert mit den Trikots des SSV Reutlingen (rot) und SSV Ulm 1846. Foto: Alexander Mareis 5/5
    Heute ist die Afro-Mähne weg: Roland Boley posiert mit den Trikots des SSV Reutlingen (rot) und SSV Ulm 1846. Foto: Alexander Mareis Foto: 
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Man nannte ihn den „weißen Neger“ und „Struppi“ wegen seines Locken­kopfs, der jeder klassischen Afro-Mähne Konkurrenz machen konnte. Heute ist davon weitaus weniger zu sehen. Die Haare kräuseln sich noch, sind aber kürzer geworden. Der zu Spielerzeiten spindeldürre Vollathlet kämpft inzwischen auch mit dem Schicksal von Millionen anderen Männern in seinem Alter: Der einen oder anderen kahlen Stelle auf dem Kopf und kleinen Fettpölsterchen. Die Rede ist von Roland Boley (59), ehemaliger Fußballer des SSV Reutlingen in der drittklassigen Oberliga und des SSV Ulm 1846, für den er in der 2. Bundesliga 124 Einsätze bestritt und dabei als Außenverteidiger zwei Tore markierte. „In der frisch eingeführten eingleisigen 2. Bundesliga war ich 1983/84 laut den Bewertungen im Fachblatt Kicker-Sportmagazin mit der Note 2,3 zweitbester Verteidiger im Bundesligaunterhaus. Nur ein einziger Zweitligaverteidiger war mit 2,2 noch besser“, blickt der inzwischen 59-jährige Eninger, der mit seiner Familie schon im Kindesalter im Schatten der Achalm ein paar Kilometer weiter nach Reutlingen umzog, zurück.

Das Besondere an Roland Boley in Sachen Fußball sind aber weder sein damaliges markantes Aussehen, noch seine Leistungen als Zweitliga-Kicker. Boley wäre heute ein absoluter Exot, früher war er zumindest in die Kategorie ungewöhnlich einzuordnen. Es geht um seinen Werdegang. Der Achalmstädter, eines von fünf Kindern einer sportlichen Familie, schloss sich erst im Alter von 15 Jahren einem Fußballteam an. Gute fünf Jahre später stand er in der 2. Bundesliga auf dem Rasen. Ein kometenhafter Aufstieg. In den heutigen Zeiten der Nachwuchsleistungszentren, der Fußball-Internate und der Transfers von Kindern (je jünger desto besser) aus anderen Kontinenten in die Ausbildungsakademien von europäischen Topklubs, wirkt Roland Boley wie ein Außerirdischer. Er hat keinerlei gezielte Kicker-Ausbildung bei den Bambini, als F-, E-, D- oder C-Jugendlicher im Verein genossen. Ihn hatten nichts anderes als Talent und besondere Gene zum Spitzensportler gemacht, der sich auf dem Rasen Zweikämpfe mit zahlreichen Nationalspielern und WM-Stars in Test- und Pflichtspielen lieferte. Paul Breitner, Karl-Heinz Rummenigge, Dieter Hoeneß (alle Bayern München), Bernd Hölzenbein, Bruno Pezzey oder  Cha Bum-kun (alle Eintracht Frankfurt) hießen seine Gegner. Außerdem tummelten sich in den frühen Achtzigerjahren etliche spätere Weltmeister von 1990 in der 2. Bundesliga und duellierten sich mit Roland Boley: Rudi Völler (Kickers Offenbach), Andreas Brehme (1. FC Saarbrücken), Guido Buchwald, Jürgen Klinsmann (beide Stuttgarter Kickers) und Olaf Thon (FC Schalke 04) standen damals am Anfang großer Karrieren.

Ralf Rangnick, Marcus Sorg oder Willi Hoffmann (Europapokalsieger der Landesmeister 1974 mit Bayern München) rannten als Boleys Mitspieler im Ulmer Trikot über den Platz.

„Mein Vater war württembergischer Meister im 800-Meter-Lauf, meine Mutter turnte, das waren gute Voraussetzungen“, lacht Boley. Nach dem Umzug von Eningen nach Reutlingen wohnte die Familie unweit der Plätze des PSV Reutlingen, wo sich der Filius viel lieber als in der Schule herumtrieb. „Ich war oft auf dem Bolzplatz anzutreffen, habe ein wenig beim CVJM mitgekickt. Dabei wurde ich angesprochen, ob ich nicht zum PSV kommen wolle, ich war damals schon 15“, erinnert sich Boley.

Enttäuschte Mädchen

Er willigte ein, war ab sofort ein offiziell registrierter Fußballer mit Vereinszugehörigkeit. Nicht lange sollte die PSV-Zeit dauern. „Wir spielten gegen den SSV Reutlingen, ich schoss ein Tor und wurde sofort vom SSV umworben. Ich bekam Wind davon, dass der SSV seinen Spielern als größerer Klub öfters Ausflüge und Turniere in entfernten Städten bieten konnte, was mich natürlich lockte. Als B-Jugendlicher vollzog ich den Klubwechsel und war in der A-Jugend bereits Teamkapitän“, so Boley.

Schon als A-Jugendlicher trainierte der hagere Lockenkopf mit den Aktiven mit und wurde - der Jugend entwachsen - zunächst in die Zweite Mannschaft aufgenommen. „Ich habe für den Fußball gelebt. Zunächst kämpfte ich mit dem SSV II um Punkte, am selben Wochenende saß ich dann oft mit der Ersten Mannschaft auf der Bank. Das war nicht nur lustig. Mädchen, die sich für mich interessierten, schauten mich schon komisch an, wenn ich sagte, dass ich am gesamten Wochenende mit Sport belegt bin.“

Und an der Kreuzeiche wollte man aus dem Talent etwas machen. Laufen konnte Boley schon, an seinen Schussqualitäten galt es noch zu feilen. „Ich bin die 5000 Meter in 15 Minuten gerannt. Meine Beine waren mein Plus. Wenn andere Spieler müde wurden, bin ich durchgestartet. In der 80. oder 85. Minute bin ich dann von hinten als Verteidiger nach vorne gestürmt“, erklärt Roland Boley.

Schusstraining mit Kübeln

Einer seiner damaligen Reutlinger SSV-Trainer, dessen Namen Boley nicht verraten will, wollte ihn offenbar zum Scharfschützen ausbilden. „Er saß mit dem Weizenbierglas im Sommer auf dem Rasen an der Kreuzeiche, nachdem er zuvor Plastikkübel unterm Kreuzeck des Tores im Netz befestigt hatte. Meine Aufgabe war, so präzise von der Strafraumlinie zu schießen, dass der Ball in die Kübel fiel“, verrät Boley eine von vielen Anekdoten.

Das unorthodoxe Sondertraining fruchtete: Bei einem Pokalspiel in Göppingen jagte Roland Boley im Elfmeterschießen den entscheidenden Elfer vehement und millimetergenau in den oberen Winkel. Der SSV kam weiter.

Auf den lustigen Zeitgenossen („ich war ein Chaot, aber ein netter“) wurde die große Fußballwelt aufmerksam. An einem Tag im Jahr 1979 klingelte bei Boleys daheim das Telefon. Am anderen Ende der Leistung meldete sich ein gewisser  Jupp Heynckes, gerade frisch vom Co-Trainer zum Chefcoach beim Bundesligisten Borussia Mönchengladbach befördert. Boleys Mutter glaubte zunächst an einen Scherz, doch die Sache war seriös. Die Borussen wollten den jungen Außenverteidiger zum Probetraining an den Bökelberg lotsen. Boley folgte dem Lockruf des „Fohlen“-Teams, in dem Asse wie Torwart Wolfgang Kleff, Abwehrterrier Berti Vogts, die Mittelfeldakteure Allan Simonsen und Winfried Schäfer sowie die Angreifer Horst Köppel, Karl „Calle“ Del’Haye und Ewald  Lienen die Erstligasaison 1978/79 unter Cheftrainer Udo Lattek als Zehnter beendeten.

„Ich fuhr mit einem VW Käfer, den mir mein Patenonkel zur Verfügung stellte, von Reutlingen nach Mönchengladbach und wurde von  Jupp Heynckes im Probetraining getestet. Letztlich scheiterte der Transfer, weil der VfL Borussia die vom SSV Reutlingen geforderten 20 000 DM Ablösesumme nicht bezahlen wollte. Und weil die Augsburger Fußballlegende Helmut Haller als Vermittler auftrat, um Armin Veh als Mittelfeldspieler bei der Borussia unterzubringen, was auch gelang“, lässt Boley wissen.

Ein weiteres Probetraining bei Zweitligist Fortuna Köln führte ebenfalls zu keinem Engagement im Rheinland, „weil der Trainingsplatz des SC Fortuna einem Sumpfloch glich, was mir missfiel.“ Ex-Nationalkeeper Wolfgang Fahrian, bis 1976 selbst zwischen den Pfosten bei den Kölner Südstädtern, hatte dabei die Finger als Spielervermittler im Spiel.

Für 30 000 DM nach Ulm

Dann kam der Lockruf des gerade frisch in die 2. Bundesliga Süd aufgestiegenen SSV Ulm 1846. Die „Spatzen“ waren sofort bereit, 30 000 DM für Boley zu berappen. „Es folgte die schönste Zeit meiner Karriere, auch wenn es mit Ulm immer zwischen der 2. Bundesliga und der damals drittklassigen Oberliga hin und her ging“, gibt Boley, der seit dem Wechsel zur Saison 1979/80 an die Donau in Ulm heimisch geworden ist, zu. Unter seinen Trainern bei den Schwarz-Weißen befand sich der 2010 verstorbene Jörg Berger, mit dem der SSV 1846 in der Zweitligasaison 1980/81 auf Abschlussrang fünf landete. „Ein großartiger Mann, er war mein großer Förderer. Berger habe ich viel zu verdanken“, lobt Boley.

Im Ferrari zum Training

Während seine Eltern Boleys Karriere nicht förderten, will er aber eine wichtige Person in seiner sportlichen Entwicklung nicht unter den Teppich kehren. „Meine Oma, sie hat großen Anteil am Verlauf der Dinge.“ 1979 sprach die alte Dame einen prägnanten Satz: „Du gehst jetzt fort, Lockenkopf.“ Der junge Verteidiger gehorchte, verließ den Oberligaabsteiger  SSV Reutlingen und fand in Ulm sein Glück. Der Vater dreier Töchter  weiß kuriose Geschichten von damals zu erzählen. „Reinhold Eberhardt, der 2009 im Alter von 60 Jahren verstorbene langjährige Geschäftsführer der Ulmer Fußballer, war auch mein Hauptmann während des 15-monatigen Grundwehrdienstes bei der Bundeswehr. Er ließ mich jeden Tag 5000 Meter frühmorgens laufen und machte klar, dass ich kein Frühstück bekommen würde, wenn ich diese Anordnung verweigern würde.“

Nicht ganz so lustig war auch eine Schlagzeile von 1979 in der Reutlinger Presse, die Boley im Gedächtnis hängen blieb. „Die Ratte verlässt das sinkende Schiff, wurde da geschrieben, als feststand, dass ich den Abstieg des SSV Reutlingen in die damals viertklassige Verbandsliga nicht mitmachen würde.“

Schmunzeln kann der damalige Zweitliga-Abwehrrecke hingegen über ein Erlebnis auf vier Rädern. „In der Ulmer Zweitliga­truppe der frühen Achtziger standen in Person von Torwart Walter Modick, der zuvor bei Bayern München hinter Sepp Maier die Nummer zwei war, und Innenverteidiger Erich Steer nur zwei Vollprofis. Der Rest kickte im Bundesligaunterhaus als Halbprofis und ging nebenher halbtags arbeiten. Ich war bei einer Ulmer Auto­lackiererei als Fahrer tätig, brachte die Fahrzeuge von A nach B. Einmal durfte ich einen Ferrari von einem Kunden zum Lackieren überführen, kreuzte aber damit auch am Donaustadion zum Training auf. Meine Mitspieler staunten nicht schlecht und fragten, ob ich einen extrem gut dotierten Vertrag ausgehandelt hätte, um mir diesen Nobelschlitten leisten zu können“, lacht Boley.

Keine großen Gehälter

Seinerzeit war in der 2. Bundesliga nicht wirklich viel Geld zu verdienen. „Zwischen 2500 und 3000 DM mit dem Nebenjob habe ich monatlich eingesteckt. Das war in den 1980er-Jahren zwar ausreichend, aber kein Polster für die Zukunft“, verrät Boley.

Im Anschluss an seine Fußballerkarriere, die beim SSV 1846 noch vor dem erneuten Zweitligaaufstieg 1986 endete, arbeitete Boley 21 Jahre lang in Ulm als Versicherungsvertreter, war Recycling-Unternehmer und ist heute mit 59 Jahren im Catering-Bereich tätig. Er wohnt nach seiner Scheidung alleine in der Ulmer Weststadt.

Im Gegensatz zu früher wird er auf der Straße seltener erkannt. Der prägnante blonde Lockenschopf verrät ihn heute nicht mehr. Wenn Boley aber von Fans angesprochen wird, hat er viel zu erzählen. In ewiger Erinnerung wird sein kometenhafter Aufstieg in nur fünf Jahren vom Hobbykicker ohne Vereinszugehörigkeit in die 2. Bundesliga bleiben.

Roland Boley wurde am 13. März 1958 geboren. Sein Heimatort ist Eningen/Achalm, wo er als Kind seine ersten Jahre erlebte. Nie jedoch war Boley Mitglied beim TSV Eningen oder SKV Eningen. Erst nach dem Umzug der Familie nach Reutlingen und im Alter von 15 Jahren trat Roland Boley als Jugendfußballer in den PSV Reutlingen ein, wechselte dann aber schon rasch zum Stadtnachbarn SSV. 1979 folgte der Wechsel zum SSV Ulm 1846 in die 2. Bundesliga, weil der SSV Reutlingen in die Verbandsliga abstieg. Neben vielen Einsätzen in der damals drittklassigen Oberliga bestritt Boley 124 Partien in der 2. Bundesliga.

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