Um jede Stimme kämpfen

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Rebecca Hummel (rechts) und Birgül Altiner, eine der Wahlhelferinnen der SPD, sind gemeinsam unterwegs, um auch in den letzten Tagen vor der Bundestagswahl noch um Stimmen zu werben.  Foto: 

Dass sie sich jede Stimme erläuft, das kann Rebecca Hummel an diesem Nachmittag im Wohngebiet Römerschanze mit Fug und Recht von sich behaupten. Die SPD-Bundestagskandidatin geht den klassischen Weg der Haustürbesuche, um Stimmen einzuholen: Klinken putzen für die Genossen. „Der direkte Kontakt mit dem Wähler ist total wichtig“, sagt die 34-jährige Eningerin, die bei der Stadt Münsingen als Integrationsbeauftragte für Asylbewerber und Flüchtlinge beschäftigt ist.

„Guten Tag, mein Name ist Rebecca Hummel, und ich bin die Bundestagskandidatin der SPD.“ Schon zigtausend Mal hat die studierte Politikwissenschaftlerin wohl diesen Satz gesagt. Vor vier Jahren, als sie ebenfalls für die Genossen in den Bundestagswahlkampf zog, absolvierten sie und ihr Team geschätzte 11 000 Haustürbesuche. Am Ende kam Rebecca Hummel auf knapp über 20 Prozent der Erststimmen. Ein für die SPD mageres Ergebnis.

Entmutigen lässt sich Rebecca Hummel nicht, auch wenn sie weiß, dass es bei dieser Wahl für die SPD ganz schwer wird. Die Umfrageergebnisse, die nun fast im Tagesrhythmus erhoben werden, weisen bereits auf ein mögliches Debakel für die SPD hin. Umso wichtiger wird für Hummel der Anspruch an sich selbst, um jede Stimme zu kämpfen. „Es geht vor allem darum, die Leute an die Wahl zu erinnern“, sagt Hummel. Dazu gibt’s einen Prospekt und ein Tütchen Gummibärchen.

Neben der Kandidatin selbst sind noch andere SPD-Wahlhelfer unterwegs. Die Römerschanze ist ein gewachsenes Wohngebiet mit vielen älteren Bewohnern, aber auch jungen Familien. Ein gutes Gebiet, um noch ein paar SPD-Stimmen zu holen? „Da verlasse ich mich ganz auf die Leute vor Ort“, sagt Hummel. Sie kennen ihre Wohngegend, wissen, ob noch etwas geht in diesem Wahlkreis Reutlingen, in dem seit Oskar Kalbfells Bundestagsmandat von 1949 bis 1953 kein SPD-Mann mehr das Direktmandat erzielte. Wahlkampf in einer CDU-Hochburg, ein schwieriges Terrain für eine junge Frau wie Rebecca Hummel. Um in den Bundestag einzuziehen bräuchte sie schon das Direktmandat, auf der Landesliste steht sie auf einem abgeschlagenen Listenplatz. „Es geht nicht darum, dass ich persönlich Erfolg habe und in den Bundestag einziehe. Es geht darum, für sozialdemokratische Inhalte zu stehen und dafür zu kämpfen“, erklärt Hummel ihr unermüdliches Engagement.

Die Besuche kommen an diesem Nachmittag gut an. „Ach, das ist aber nett“, und „Ich habe Sie auf dem Wahlplakat gesehen“ freuen sich vor allem die Älteren. Nur ganz selten werden die Wahlhelfer abgewiesen. „Ich mag die Hausbesuche, weil man unmittelbar auf ganz unterschiedliche Menschen trifft“, sagt Hummel. Dennoch weiß sie, dass dies allein nicht ausreicht. „Die Mischung macht’s“, ist sie überzeugt. Will heißen: Auch bei Podiumsdiskussionen, an Wahlständen in der Innenstadt und vielem mehr muss die Kandidatin präsent sein und Gesicht zeigen. Ein enormes Pensum für jemanden, der voll berufstätig ist. „Ohne die Leute und Helfer im Hintergrund würde ich das natürlich alles nicht schaffen“, sagt Hummel.

Die Teilnahme jedes einzelnen Bürgers an der Wahl, mitbestimmen, mitgestalten, das ist für Hummel weit mehr als nur zwei simple Striche alle vier Jahre. Gerade aus ihrer beruflichen Erfahrung in der Integrationsarbeit weiß sie, wie wichtig Teilhabe und Mitbestimmung sind. Wie entscheidend es ist, dass Menschen ein Gegenüber haben und ihre Probleme und Sorgen teilen können. Dies sieht sie auch als Politikerin für wesentlich an. „Ich will für die Leute ansprechbar sein“, hat sie sich selbst als Ziel gesteckt. Dies sei umso bedeutender, da es die klassischen Wählermilieus der vergangenen Jahrzehnte nicht mehr gebe. „Früher wählten die Leute fast ein Leben lang dasselbe. Heute gibt es enorm viele Wechselwähler.“ Und: Die Wähler entscheiden sich sehr spät, wem sie ihre Stimme geben, manche sogar erst in der Wahlkabine.

Für Rebecca Hummel und ihr Team bedeutet dies, jetzt nochmals alle Kräfte zu bündeln und auch in den letzten Tagen vor der Wahl weiter um Stimmen zu werben. Für die Eningerin geht der Wahlkampfmarathon jedenfalls weiter. Und nach etlichen Gesprächen an den Haustüren in der Römerschanze muss sie, die bereits einen Achtstunden-Arbeitstag und nun auch die Haustürbesuche hinter sich hat, auch schon wieder weiter zum nächsten Termin. Feierabend ist erst nach der Wahl.

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