Radelnd nach Westafrika

Markus Weber hat seinen Job gegen ein echtes Abenteuer, Hotelsuite gegen Zelt und ein teures Auto gegen ein Rad getauscht. Das alles für einen Kaffee in Togo und der Hilfe für die Kettenmenschen.

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Sie sind angekettet wie räudige Hunde, werden schwerst misshandelt, vernachlässigt und von der Gesellschaft geächtet. Psychisch kranke Menschen gelten in Westafrika als ansteckend. Als Markus Weber vom grausamen Schicksal der so genannten Kettenmenschen in einem Zeitungsartikel las, war sein Reiseziel klar: Westafrika. Seit sieben Jahren als Unternehmensberater in ganz Deutschland unterwegs benötigte der 32-jährige Emmendinger eine Auszeit. Er kontaktierte den Reutlinger Freundeskreis St. Camille, der sich für die Belange der Kettenmenschen einsetzt und die dortige katholische Organisation "St. Camille de Lellis" unter der Leitung von Gregoire Ahongbonon mit Medikamentenlieferungen unterstützt.

Weber kaufte sich ein pinkfarbenes Rad, Zelt, Kocher und Werkzeuge. Er sei damit gerüstet, dachte er. Das erste Zelt im Hotelzimmer aufzustellen, klappte nur schwerlich, und Fahrrad ist er zuvor eigentlich auch nie gefahren. So radelte er sich auf dem Donauradweg warm. Im Juli 2012 ging es los. Er übernachtete zunächst in kleinen Pensionen, auf Campingplätzen, in Serbien schließlich zwischen Büschen. Die Begegnung mit wilden Hunden in Rumänien beeindruckte ihn nachhaltig. So ging es schnell weiter: Odessa, Istanbul, Izmir, Athen, Brindisi, Livorno, Barcelona, Gibraltar. Fünf Monate waren bis dahin vergangen. In Marokko ging es weiter über das Atlasgebirge, an der Küste entlang Richtung Westsahara. Der Wechsel von minus fünf auf plus 50 Grad.

In Guinea schließlich sieht er das Afrika, wie man es sich im Bilderbuch vorstellt: Sandige rote Pisten statt Straßen und mit wahnsinnig viel Leben in den Dörfern. Die Menschen kochen am Wegesrand. "Wenn man sich an die Menschen rantraut, dann sind sie ganz begeistert von dem Weißen mit dem Rad", erzählt Weber. Die Dorfchefs waren sein Garant für Sicherheit, im Schatten ihrer Hütten zeltete er, unter Beobachtung vieler Kinderaugen flickte er sein Rad, wusch sich.

Er lernte: "Der Körper ist widerstandsfähiger als man denkt." Nur einmal hatte mit einer Infektion zu kämpfen, das Rad bedurfte da mehr Pflege. Acht Mal musste er den Reifen flicken, den Mantel vorne und hinten je einmal wechseln. Und nicht die Unruhen seien das größte Risiko gewesen, sondern der Straßenverkehr. Nur mit sehr großem Glück entging er selbst in Ghana einem tödlichen Unfall. Und die Menschen empfingen ihn immer freundlich, trotz wildem Bartwuchs und inzwischen schmuddeliger Kleidung

Am 10. April kam Weber in Bouaké an. Die Patienten begrüßten ihn in Festtagskleidung, selbst das ivorische Fernsehen war dabei. So gelangte erstmals die Problematik der Kettenmenschen ins nationale Fernsehen, war tagelang Gespräch. Ein Thema, das sonst tabuisiert wird. Denn psychisch Kranke seien von Dämonen besessen, ist dort der allgegenwärtige Glaube, die ausgetrieben werden müssen.

Die Kranken müssen stundenlange Gebete und Schläge erdulden und mit wenig Essen auskommen. Beim Exorzismus an den Ketten sterben viele, weiß Wolfgang Bauer, Journalist und Mitbegründer des Freundeskreise.

Vor Ort überzeugte sich Weber von dem, was der Freundeskreis mit seinen Spenden für psychisch kranke Menschen bewegt. Erst vor zwei Monaten wurden Medikamente im Wert von 40 000 Euro dorthin gebracht. Weber ist noch immer davon beeindruckt, "dass man es schafft, tief in Afrika die Menschen wieder in ein geregeltes Arbeitsleben zu bringen". Im Therapiezentrum beispielsweise arbeiten nahezu nur ehemals psychisch kranke Menschen. Mit vielen hat er geredet, Geschichten gehört, die ihm die Tränen kommen ließen. "Ich bin nach wie vor sehr überzeugt, dass das Geld dort gut eingesetzt wird", sagt er. Immerhin 5000 Euro hat er mit seiner Radtour über seinen Blog "4coffe2Togo" sammeln können.

Was ihm nach seiner Reise durch 26 Länder, die seinen Worten nach gar nicht so schlimm war, bleibt? Viele Eindrücke habe er gewonnen, lasse sich nicht mehr so von der Hektik anstecken. Er hat eine andere Sicht der Dinge gewonnen, wie Strom aus der Steckdose oder Wasser aus dem Hahn bedeutet.

Inzwischen ist er wieder zurück in seinem Job. "Die Resozialisierung ging erstaunlich schnell", erzählte er am Freitag im Heimatmuseum. Sein Weg aber wird ihn sicher wieder nach Bouaké führen - ob allerdings mit dem Rad, da ist sich der junge Mann noch unsicher.

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