Auszudörren ist keine Option

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    Gerhard Eckert, Helga Janson, Dagmar Martin und Jutta Kraak gehen künftig (nicht ganz) getrennte Wege. Foto: 
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    Senioren am Computer: Für die Oldies gab’s da viel zu tun. Foto: 
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Die schlechte Nachricht hat auch ihre guten Seiten: Nach 16 äußerst aktiven Jahren lösen sich die Reutlinger Computer Oldies e.V. zwar auf – gleichzeitig aber haben sie hunderten von Senioren und Menschen mit Handicap die Angst vor der Technologie genommen und dafür gesorgt, dass das Internet ein Stück weit barrierefreier wird. Das Beruhigende für alle, die die Oldies vermissen werden: Sie machen weiter – wenn auch anders.

„Unsere Internetseite wird es vorerst noch geben“,  verspricht Jutta Kraak. Und Gerhard Eckert, der seit dem Jahr 2006 als technischer Betreuer im Verein aktiv ist, wird auch künftig zu jedem hinradeln, der bei Computer-Problemen via Telefon um Hilfe ruft. Selbst die Stammtisch-Treffen sollen hin und wieder noch über die Bühne gehen, und ein Abschiedsfest wollen die Oldies auch noch stemmen. Am 5. November ab 18 Uhr sind im Reutlinger franz.K Musik, Geschichten, gemeinsames Essen, Ausblicke und Rückblicke angesagt.

Apropos Rückblicke: Da wird es einiges zu erzählen geben. Schließlich hat sich in dem Verein seit seiner Gründung im Jahr 2001 viel getan. An die Anfänge erinnern sich Jutta Kraak und Dagmar Martin bestens: „Wir haben an der Frauen-Computerschule unterrichtet und dort ist uns aufgefallen, dass ältere Menschen einen anderen Zugang zu dem Thema brauchen“. Zumal alles im Umbruch gewesen sei. „Bis Ende der 90er Jahre dachten viele Leute, dass das mit den Computern wieder vorbeigeht“. Doch die „Erscheinung“ blieb. „Auf einmal gab es überall Computer, selbst in der Bank und in der Bibliothek“. Also haben sich Jutta Kraak und Dagmar Martin aufgemacht, um einen Verein zu gründen, der Senioren die Welt der damals relativ neuen Technologie erschließen sollte. „Wir wollten Älteren, aber auch Behinderten die Teilhabe an einem Leben ermöglichen, das sie so nicht hätten erreichen können“. Für den Zugang zu dieser Welt sollten die Computer Oldies e.V. sorgen.

„Zuerst haben wir unsere Homepage barrierefrei gemacht. Das heißt, dass alles vergrößerbar ist und dass es Audio-Dateien gibt“, erklärt Dagmar Martin. Wichtig war von Anfang an aber auch: Alles sollte in einer leicht verständlichen Sprache gehalten sein. „Wir wollten die Region ein bisschen aufmischen und haben das Thema relativ früh mit einer Broschüre aufgegriffen“, ergänzt Jutta Kraak. Die Computer Oldies sollten eine beratende Anlaufstation mit einem entsprechenden Kursangebot sein. „Viele VHS-Einsteiger sind bei uns gelandet, weil wir unser Kurs-Tempo immer nach dem langsamsten Teilnehmer gerichtet haben“, erklären die beiden Frauen. Die Klientel, die zu den Oldies kam, war denn auch eine ganz Besondere. Es waren unter anderem Menschen, die eine Computer-Maus nicht richtig halten konnten, weil sie zitterten und Probleme mit der Feinmotorik hatten. „Die konnten bei uns ihre Maus mit dem Kopf oder mit dem Mund steuern“, erläutern die Vereinsgründerinnen, die auch eine Kooperation mit der Eingliederungshilfe in Rappertshofen eingingen. Mit den Kursen allerdings war’s nicht getan. „Wir haben bei unseren Stammtischen und Ausflügen schnell gemerkt, dass wir vor allem mit unseren Rollstuhlfahrern an unsere Grenzen kommen“, erinnert sich Jutta Kraak. Deshalb begann der Verein, die Region auf ihre Barrierefreiheit zu prüfen. Haupt-Testperson war Helga Janson, die noch heute bei den Oldies ist.  Mit ihrem Rollstuhl hat sie im gesamten Landkreis Behindertentoiletten getestet. „Und wir haben in zehn Jahren nicht ein einziges Behinderten-WC gefunden, das allen DIN-Normen entsprach“, so Jutta Kraak. Der ersten Versuchsreihe folgte das „Erfahrbar“-Heft. „Wir haben die Broschüre jährlich aktualisiert und neu herausgebracht“, berichten die Macherinnen, die zwar für ihr Tun viele Spenden bekommen haben – einen geregelten Zuschuss für die jährlich 6000 Exemplare, die die Computer Oldies verschenkt haben, gab’s aber nicht. „Deshalb haben wir gesagt: Jetzt ist Schluss“. Die Verantwortung für „Erfahrbar“ liegt nun beim Regierungspräsidium und der Inklusionskonferenz des Landkreises. „Wir sind gespannt, was daraus wird“, sagen Jutta Kraak und Dagmar Martin, die zusammen mit ihrem Verein auch in anderer Hinsicht zu Spezialistinnen für Barrierefreiheit wurden. Die Oldies haben bei der Schulung der RSV-Busfahrer geholfen und dabei festgestellt, dass die Rampen für Rollstuhlfahrer nicht rutschfest sind. Inzwischen gibt es immer mehr Behörden und auch Firmen, die bei neuen Projekten Menschen mit Handicap zu Rate ziehen, um von Anfang an behindertengerecht zu planen. „Das Thema  ist angekommen“, sagen die Computer Oldies, die sich jetzt unter anderem deshalb auflösen, weil viele der ursprünglichen Aufgaben erledigt sind, aber auch, weil kaum noch neue Mitglieder zu dem Verein dazukommen. „Wir waren eigentlich immer so um die 50 Leute“, berichtet Jutta Kraak. „Aber wir werden nicht jünger“. Es gibt Probleme, alle Vorstands-Posten zu besetzen. „Und außerdem können wir kaum noch Kurse anbieten, weil die Vielzahl an Geräten steigt und steigt“. Smartphones, Tablets, Laptops und unterschiedliche Betriebssysteme wie Windows, Android, Apple und Linux  machen die Kursnachfrage immer spezieller. „Für Einzelunterricht fehlen uns aber die Mitglieder“, sagt Dagmar Martin.

Für die beiden Frauen gibt’s derweil auch nach der Vereinsauflösung noch jede Menge zu tun. „Für mich fängt jetzt mit 60 ein neues Lebensjahrzehnt an. Ich mache noch eine Fortbildung im Heilbereich und ich werde als Reiseleiterin arbeiten und einen Computerblog starten“, schaut die Lichtensteinerin Jutta Kraak voraus. Dagmar Martin ist indes mit ihren 52 Jahren beruflich voll eingespannt und hat jede Menge Ehrenämter. Sie ist auch deshalb froh, dass der Verein sich auflöst, „weil ich den Posten als Kassiererin sonst wohl nie losgeworden wäre“. Was sie freilich mit einem Lächeln sagt.

Die Computer Oldies weiter am Leben zu erhalten, war für beide Frauen keine Option. „Wir tun den Schritt bewusst, weil wir nicht möchten, dass der Verein von selbst ausdörrt“, sagen sie – und hoffen, dass zum Abschlussfest nochmal richtig viele Leute kommen.

Anmelden für das Abschlussfest der Computer Oldies, das am 5. November ab 18 Uhr im Reutlinger franz.K ist, sollte man sich bis spätestens 27. Oktober. Die Anmeldungen nimmt Jutta Kraak, Schulstraße 11 in 72805 Lichtenstein, auch unter jutta@kraak.info oder unter Telefon (0 71 29) 6 02 91  entgegen. An dem Abend gibt’s ein buntes Programm mit Musik von Sandra Linsenmayer und Horse Mountain sowie Essen, Ausblicke, Geschichten und Rückblicke.

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