Alle sind sich ziemlich einig

|
Nur selten wurden Unterschiede deutlich (von links): Jessica Tatti (Linke), Beate Müller-Gemmeke (Grüne), Pascal Kober (FDP), Michael Donth (CDU) und Moderator Andreas Foitzik.  Foto: 

Was kann getan werden, fragte der Reutlinger AK Flü (Arbeitskreis Flüchtlinge), damit die große Zahl der Geflüchteten hier ankommen kann. Damit all die Menschen Sprachkurse machen können, Arbeit finden und auch als Nachbarn hier leben können? Welche strukturellen Fragen müssen erst mal geklärt werden, damit klar ist, wer bleiben darf und wer nicht? Diesen Fragen stellten sich am Dienstagabend in der Reutlinger Citykirche die Bundestagskandidaten für die anstehende Wahl im September. Wegen Erkrankung war Rebecca Hummel (SPD) allerdings nicht dabei, AfD-Kandidat Wolfram Hirt war erst gar nicht eingeladen worden.

Sowohl Michael Donth (CDU) wie auch Pascal Kober (FDP) betonten, dass sie ja selbst aus Migrantenfamilien stammen. Ebenso wie Jessica Tatti (Linke), die als Sozialarbeiterin zudem täglich mit den Schicksalen und Problemen von Geflüchteten konfrontiert werde. Wie auch mit zahlreichen Afghanen – „wir haben gesehen, wie zynisch Politik laufen kann, als die Entscheidung der Bundesregierung kam, afghanische Flüchtlinge in ihr Heimatland zurückzuschicken“, so die Linken-Kandidatin.

Zwar sei die Abschiebung nach Afghanistan momentan ausgesetzt, wie Müller-Gemmeke betonte. Als aber im Bundestag die Entscheidung gefällt wurde, das Land am Hindukusch als sicheres Herkunftsland zu bezeichnen und fast gleichzeitig das Mandat für deutsche Soldaten dort zu verlängern – weil sich nun mal die Situation verschärft hatte – das nannte die Grünen-Bundestagsabgeordnete zynisch, „das ist mir unter die Haut gegangen“.

Kober hingegen betonte, „das ist mir zu pauschal, da muss man differenzieren“. Es gebe sehr wohl sichere Regionen in Afghanistan und Donth ergänzte, dass ja rund eine Million Flüchtlinge aus Pakistan und dem Iran zurück in ihr Heimatland gegangen seien. Dies sei aber lediglich eine weitere Station ihrer Flucht gewesen, hieß es aus dem Publikum. Die Afghanen hätten nämlich die unmenschlichen Zustände in den Flüchtlingslagern nicht länger ertragen können.

Es gab aber auch andere Stimmen aus der großen Reihe der Zuhörer in der Citykirche. Eine Frau fragte in Podium: „Welches Land in der Welt ist schon sicher?“ Und sie schob nach: „Es gibt Milliarden von Menschen, die alle zu uns kommen wollen.“ Pascal Kober hatte betont, dass er mit vielen Menschen in Kontakt sei, die Angst hätten. Angst davor, dass etwa mit der Flüchtlings-Familienzusammenführung – die im Übrigen ausgesetzt wurde – eine riesige Schar von weiteren Geflüchteten kommen könnte. „Jeder Mensch in der Gesellschaft hat ein Recht darauf, mit seinen Fragen ernst genommen zu werden“, so der FDP-Mann.

Einig waren sich hingegen alle Bundestagskandidaten, dass der soziale Wohnungsbau dringend gefördert werden müsse – und zwar nicht nur für Geflüchtete, sondern für alle Menschen hier. Ebenfalls Einigkeit herrschte darin, dass die Sprache zu erlernen zunächst das wichtigste Ziel mit Hinblick auf die Integration sei. Darüber stimmten alle überein, dass eine Ausbildung hier „die beste Entwicklungshilfe ist“, wie Michael Donth betonte. Müller-Gemmeke hatte allerdings kritisiert, dass mit dem „3+2-Modell“ zwar ein gutes Instrument geschaffen wurde, um Geflüchteten eine dreijährige Ausbildung zu ermöglichen, inklusive von mindestens zwei Jahren Arbeitsmöglichkeit in Deutschland. Wenn aber dieses Modell „aufgrund eines angefügten Halbsatzes im Gesetz“ nicht funktioniere, dann sei das einfach fatal. Grundsätzlich müsse „die ehrliche Bekämpfung von Fluchtursachen“ endlich in die Wege geleitet werden – für diese Aussage erntete Jessica Tatti heftigen Applaus aus dem Publikum.

Kober forderte als einziger auf dem Podium, dass in Deutschland endlich ein „Einwanderungsgesetz“ eingeführt werden müsse. Angepeilt wird das aber auch von den Grünen und der SPD. Insgesamt will der FDP-Kandidat „den Wohnungsmarkt insgesamt entzerren“. Tatti verwies als Linke-Kandidatin jedoch darauf, „dass über Jahrzehnte hinweg Kahlschlag beim sozialen Wohnungsbau“ betrieben worden sei. Und es deshalb erst zu dieser katastrophalen Wohnungsnot kommen konnte.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Themenschwerpunkt

Bundestagswahl 2017

Am 24. September 2017 wird der Bundestag neu gewählt. Hier lesen Sie alles zum Wahlkampf und den Wahlen im Landkreis Reutlingen.

mehr zum Thema

Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Varieté: Von den biegsamen Fünf

Zur Premiere des Traumtheaters gab es zwar kein volles Haus, aber staunende, lachende und begeisterte Gesichter. Es sind solche Abende, die den Alltag farbig anpinseln. weiter lesen