Was lange gärt, wird endlich Wut

Reutlingen.  Sie nennen sich Kultur-AG: Anne und Günther Rossipaul sind streitbare Verfechter von Kunst und Literatur. Seit gut 25 Jahre prägen sie die Szene mit. 2011, kündigen sie nun an, werden sie Reutlingen verlassen.

"Was lange gärt, wird endlich Wut": Mit diesem Zitat von Hanns-Hermann Kersten, der als Redakteur der Zeitschrift "Buch und Bibliothek" bis 1970 in Reutlingen gelebt hat, eröffnete Günther Rossipaul dieser Tage eine lange Rede. Es wurde eine Art Abschiedsrede. Und wie immer bei den Rossipauls war diese Pressekonferenz - kürzlich in der Planie 22, Eingang C, zweiter Stock - kunstvoll inszeniert.

Die Botschaft selbst ist folgende: Anne und Günther Rossipaul, die momentan in Betzingen leben, werden Reutlingen und die Region nach 25 Jahren wohl "aus finanziellen und familiären Gründen" verlassen. 2011, sagen sie, wird ihr Umzug zurück in den niedersächsischen Landkreis Grafschaft Bentheim vermutlich abgeschlossen sein - dort aus Arkel an der niederländischen Grenze stammt Anne Rossipaul. Die Sammlung Günther Rossipauls, untergebracht in der Planie 22, wird bereits bis 16. September ausquartiert, um einer von der Stadt angedrohten Zwangsräumung zuvorzukommen. Wie andere Mieter müssen die Rossipauls das Feld dort räumen, weil die Stadt einen Investor für das Areal sucht, wobei die weiteren Pläne eines möglichen Theaterzentrums derzeit kaum Realisierungschancen haben. Rossipaul selbst bemängelt diese Perspektive freilich als "hybride Planung".

Nein, bequem sind die beiden noch nie gewesen. Günther Rossipaul weiß, dass er mit seinen oft verquer anmutenden Vorschlägen und markanten Beiträgen nicht auf grenzenlose Beliebtheit stößt. So sei ihm, erzählt er, in einem absenderlosen Schreiben gar nahegelegt worden, am Runden Tisch Kultur nicht mehr teilzunehmen. Worauf er sich, klar, sofort flammend gegen diese "Reutlinger Ermächtigungskulturstrategie", gegen diese Taktik "anonymer roter Karten" verwahrt habe.

Überhaupt, er, der "Buchkulturer" und "Bibliosoph", wie er sich gerne bezeichnet, unterfüttert seine Rede mit Verweisen auf Hermann Kurz, Lena Grieshaber, Jakob Fetzer, Willy Mexico, Otto F. Gmelin und Hermann Bausinger - also mit einem ganzen Parnass von berufenen Stimmen. Und mit einem rhetorisch kraftvollen Gestus, der immer alles im Blick hat: Reutlingen, ein gerüttelt Maß an Zeitkritik und die ganze literarische Welt.

Sie, Mamu, die "Malende Mutter", demonstriert ihre Auffassung von regionaler Kulturarbeit exemplarisch in einer künstlerischen Installation zu Lena Krieg, Grieshabers erster Ehefrau - eine Installation aus Bildern ("3 Sisters of War") und Texten. Es ist eine Arbeit, mit der die psychisch labile, in der NS-Zeit denunzierte Widerständlerin und Horkheimer-Doktorandin "entstigmatisiert" werden soll. Zur Installation gehört auch ein Schreiben von Lena Krieg, indem sie von Zwangsinternierung und Entmündigung berichtet - Grieshabers Rolle erscheint da in einem kritischen Licht. Lena, anders als ihre Schwestern bekennende Kritikerin des NS-Regimes, schrieb auch den Essay "Friede" (1948 erschienen).

Anne Rossipaul, die in Hamburg und Afrika Kunst studiert hat, und Günther Rossipaul, der wortgewaltige Literat und Sammler, werden nun also Reutlingen verlassen. Er, der sich stets als "streitbarer Geist" begreift (und so auch auftritt), hat anno 1985 in der Bismarckstraße mit der Galerie "ABCD Buch und Kunst" angefangen - in der von vornherein auch überregional renommierte Größen wie der Tübinger Rhetoriker Walter Jens und der Plakatkünstler Klaus Staeck zu Gast waren. Er gab 1988 zu den Landesliteraturtagen die ambitionierte "Reutlinger Kassette" mit Texten und Kunst heraus. Später folgten die Stationen Hermann-Kurz-Straße ("Readers Corner") und zuletzt wieder Planie - die von Rossipaul dort bezogenen Räume tragen bezeichnenderweise noch die Aufschrift der Landeskunstwochen 1991: "Grieshaber-Schüler heute".

Und sie, Mamu, erregte 1991 bei diesem Festival in Reutlingen erstes Aufsehen, als sie mit rotem und schwarzem Schuh auftrat und in einer "metaphorischen" Performance mit "gespaltenen existenziellen Objekten" hantierte. Er, tief verankert in der literarisch-aufklärerischen Tradition, und sie, beeinflusst vom Fluxus-Prinzip in der Beuys-Nachfolge, haben viel für die Reutlinger Kultur getan.

Die Sammlung Günther Rossipaul umfasste 1991 sage und schreibe 2000 Posten, etwa 10 000 Bücher, literarische Kostbarkeiten, Erstdrucke, Kunstwerke und mehr. Mamu wiederum trägt in der Reutlinger Produzentengalerie Pupille derzeit dazu bei, regionalen Künstlern hier ein Ausstellungsforum zu bieten - eine verdienstvolle, enzyklopädische Art der Kulturarbeit.

Was bleibt, sind viele Anregungen und unbeirrbar dringliche Hinweise auf die Möglichkeiten eines wach bleibenden, regional verankerten Kunstgedächtnisses. Etwa die Aktivitäten mit Blick auf Hermann Kurzens 200. Geburtstag 2013. Oder der Vorschlag, einen von der Stadt ausgelobten Literaturpreis zu stiften - unter dem Hermann-Kurz-Motto "Das freye Wort". Und die Offerte, seine Bibliophilie-Sammlung und ihre Lena-Krieg-Installation der Stadt zu veräußern.

Was bleibt, ist auch eine Warnung von Friedrich Hebbel, der sich die Rossipauls wohl besonders verpflichtet fühlen: "Die Kunst ist das Gewissen der Menschheit."


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